Dr. Oliver Marc Hartwich 13.01.2007 10:30 +Feedback
Brown warnt vor “Balkanisierung” Großbritanniens
Solche Schlagzeilen machen neugierig: Brown’s manifesto for Britishness, Gordon Brown: We need a United Kingdom, Gordon Brown defends Great Britain. All diese Überschriften stammen aus der heutigen Online-Ausgabe des Daily Telegraph und beziehen sich auf einen Gastbeitrag des Schatzkanzlers, den er für die Zeitung geschrieben hat.
Gordon Brown beginnt seinen Beitrag mit der Erinnerung an den Act of Union von 1707, mit dem England und Schottland zum Königreich von Großbritannien zusammengefasst wurden. Der eigentliche Anlass für Brown, sich zum Zustand des Vereinigten Königreichs zu äußern, dürfte jedoch nur wenige Tage zurückliegen und nicht dreihundert Jahre. Am Dienstag stellte der Fernsehsender Channel 4 nämlich eine Umfrage vor, die eine große Unterstützung für die Loslösung Schottlands vom Vereinigten Königreich zeigte. Gestern erst erschien eine andere Umfrage in der Zeitung Daily Mail, derzufolge sich 51 Prozent der Schotten und 48 Prozent der Engländer für die Unabhängigkeit aussprechen.
Alle Bestrebungen, den Schotten mehr Selbstbestimmung zu gewähren oder sie gar in die Unabhängigkeit zu entlassen, schaffen natürlich ein Problem - und das Problem hat einen Namen und heißt Gordon Brown. Brown ist nicht nur der Favorit auf die Blair-Nachfolge, sondern eben auch Schotte. Blair hatte erklärt, dass er bis spätestens September 2007 sein Amt zur Verfügung stellt, aber schon im Mai wird in Schottland gewählt. Sollte dort tatsächlich, wie allgemein erwartet, die Scottish National Party gewinnen, die mit dem Versprechen einer Volksabstimmung über die Sezession in den Wahlkampf gezogen ist, dann könnte sich dies als fatal für Browns Ambitionen in Westminster erweisen.
Bereits jetzt herrscht unter Engländern Unmut darüber, dass schottische Abgeordnete im britischen Parlament über rein englische Angelegenheiten abstimmen dürfen, während umgekehrt viele schottische Fragen nicht mehr in Westminster, sondern im schottischen Parlament behandelt werden. Ginge die schottische Selbstbestimmung daher in Zukunft noch weiter, dürfte ein schottischer Politiker kaum noch als britischer Premierminister infrage kommen.
Wenn Gordon Brown somit heute in seinem Beitrag vor einer “Balkanisierung” Großbritanniens warnt, dann darf man davon ausgehen, dass er nicht ernsthaft an die Möglichkeit eines britischen Srebrenica glaubt. Vielmehr verdeutlicht dies Browns Alptraum, dass er nach Jahren des Wartens auf die Schlüssel zu 10 Downing Street seine groß-britischen Ambitionen begraben muss.
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Kategorie(n): Ausland

