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  22.06.2010   19:26   +Feedback

Brauchen wir wirklich mehr Mitte?

Meine Eltern wohnen in Groß-Buchholz, einem Stadtteil von Hannover. Groß-Buchholz ist nicht besonders schön. Oder gar spannend. Nein, es ist auf mittelmäßige Weise nett. So mittelmäßig nett wie Hannover insgesamt.

Die schöne Mittelmäßigkeit von Stadtteilen wie Groß-Buchholz oder Städten wie Hannover war zuletzt ein Lieblingsthema des Feuilletons; über sie sowie die Zuneigung der Deutschen zu ihnen wurde im Zuge der Lena-Euphorie ausgiebig philosophiert. Nicht aber wurde sie in Beziehung gesetzt zu einer anderen deutschen Herzensdebatte – jener über den angeblich abstiegsbedrohten Mittelstand. Dabei hängen beide Diskussionen eng zusammen. Die Freude der Deutschen an Hannovers Mittelmäßigkeit nämlich offenbart eine tiefe Sehnsucht nach Normalität, Maß, Mitte. Und die Panik angesichts einer eigentlich unspektakulären (geradezu mittelmäßigen) neuen DIW-Studie, die das Ende der Mittelschicht verkündet, verdeutlicht, wie sehr die Deutschen diese Sehnsucht bedroht sehen.

Klar ist: Wir Deutsche wollen mehr Mitte. Aber warum eigentlich? Schon die implizite Annahme, möglichst gleiche Einkommen seien gleichzusetzen mit gesellschaftlichem Fortschritt, ist zumindest diskutabel. Darüber hinaus verkennt die Konzentration auf eine einkommensdefinierte Mittelschicht, dass die klassischen Mittelschichtsberufe teils gar nicht mehr dazu gehören – aber nicht, weil sie kollektiv verarmen. Vielmehr fällt zum Beispiel der VW-Facharbeiter aus der DIW-definierten Mittelschicht heraus, weil sein Einkommen ihn in die Oberschicht katapultiert. Überspitzt könnte man also sagen, die erfolgreichen Verhandler der IG Metall dünnen die Mittelschicht aus.

Ökonomisch gesehen ist also das Gejammer über das Ende der Mittelschicht mit einem Fragezeichen zu versehen. Unabhängig von solchen Konzeptfehlern aber scheint die Sehnsucht nach „Mitte“ über das rein Finanzielle ohnehin weit hinaus zu gehen. Die „Mitte“ ist zum Fetisch der Gesellschaftsanalyse geworden. Politiker aller Parteien beten sie an wie sonst nur die „soziale Marktwirtschaft“. Doch je näher man der „Mitte“ kommt, desto diffuser wird sie. Der Begriff ist inhaltlich deutlich schwächer als jener der „Bürgerlichkeit“, den er eigentlich ablösen soll. „Mitte“ geht über Geld hinaus, doch keiner weiß so recht, wodurch. Das Hauptproblem der ehemals bürgerlichen Parteien ist ja gerade, dass sie zwar alle um die Mitte kämpfen, ihnen aber keine Mitte-Themen einfallen.
Auch deshalb zerbröselt die Identität der Berliner Koalition.

Das Schwächeln der Mitte ist also nicht nur sozioökonomischer, sondern konzeptioneller Natur. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Was ist denn so dramatisch daran, wenn wir nicht alle Mitte sind? Wie wäre es, wenn wir den Blick einmal in eine ganz andere Richtung lenken – hin zu den Rändern, dorthin, wo Neues geschaffen wird? Nicht nur passieren dort die spannenderen Dinge. Vor allem werden an den Extrempunkten auch die Koordinaten definiert, die erst festlegen, wo die Mitte sich befindet. Ohne Ränder keine Mitte.

Auch das übrigens ist eine Lehre von Hannover. Wenn die Stadt von ihren Vorzügen redet, kommt das Argument schnell auf die guten Zugverbindungen nach Hamburg oder Berlin.

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Kategorie(n): Inland 

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