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  29.07.2010   02:43   +Feedback

Boston Legal

Zunächst ein Geständnis: Ich schaue mir jeden Sonntagabend auf “my9” die Serie “Boston Legal” an, ich bin beinahe süchtig danach—obwohl es sich um Wiederholungen handelt, neue Folgen werden schon seit zwei Jahren nicht mehr gedreht, was Anlass zu großer Trauer und ein Schaden für die Kultur dieses Landes (ich meine Amerika) ist.
Die jüngste Wiederholungsfolge brachte nun eine, wie ich finde, spannende juristische Denksportaufgabe.
Alan Shore (James Spader), der als Linksliberaler ohne Wenn und Aber für das Recht der Frauen auf Abtreibung ist, entschließt sich, ein 15-jähriges chinesisches Mädchen vor Gericht zu vertreten, das sein ungeborenes Kind gegen den Willen seiner Mutter töten lassen möchte. Nach den Gesetzen des Staates von Massachusetts (die Serie spielt, wie gesagt, in Boston) dürfen Minderjährige auch gegen den Willen ihrer Eltern abtreiben, brauchen dazu allerdings eine Genehmigung des Gerichts—die meistens erteilt wird.
Alan Shore möchte die Seniorpartnerin der Anwaltsfirma Shirley Schmidt (Candice Bergen) in seinem Team dabeihaben, ganz einfach, weil sie eine Frau ist. Shirley Schmidt googelt dann allerdings ein bisschen und findet heraus: In China haben Abtreibungen ein klar definiertes Ziel, sie richten sich vor allem gegen weibliche Föten. Da Mädchen in China und Indien weniger gelten als Jungen, werden Millionen von ihnen schon im Mutterleib umgebracht. Shirkey Schmidt fällt daraufhin ihrem Kollegen Alan Shore vor Gericht unkollegial, aber hinreißend in den Rücken. Sie hält ein flammendes Plädoyer, dass sie—gerade als Feministin—diesen Massenmord an Mädchen nicht auch noch in Amerika dulden möchte.
Die Richterin zollt ihrem moralischen Mut Respekt und entscheidet dann trotzdem zugunsten des 15-jährigen Mädchen. Sie habe das Recht, die Abtreibung vornehmen zu lassen. “Wollen Sie”, so fragt die Richterin an Shirkey Schmidt gewandt, “dem Staat das Recht geben, die Motive für eine Abtreibung schnüffelnd zu ergründen?” Wenn ich mich richtig erinnere, sagt die Richterin sogar: dem “federal state”, also dem Bundesstaat, soll heißen: diesen Typen in Washington, die sich gefälligst so wenig wie möglich in unsere inneren Angelegenheiten in Massachusetts einmischen sollen.
Nein, ich will hier keinen Streit über Abtreibungen und China lostreten. Darum geht es gar nicht. Es geht mir um das amerikanische Grundmisstrauen gegenüber dem Staat (jedem Staat, besonders dem eigenen). Dieses Misstrauen ist so groß, dass man lieber eine mörderische kulturelle Praxis duldet, als dass man die Zentralgewalt stärken würde.
Richtig oder falsch? 

(Hannes Stein)


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Kategorie(n): Ausland 

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