Vera Lengsfeld 08.10.2010 19:22 +Feedback
Blick aus Israel auf die Sarrazin-Debatte
Dieser Beitrag von Chaim Noll für die Jüdische Zeitung dürfte auch die Achse-Leser interessieren:
Die Angst zu sehen
Thilo Sarrazins Buch und seine Wirkungen
Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab kann nur im Kontext seiner fast beispiellosen Wirkung verstanden werden. Es ist, wie selten ein Buch, zugleich gesellschaftliches Ereignis. Bereits vor seinem Erscheinen war es Mittelpunkt eines politischen Skandals. Dieser Skandal findet so bald kein Ende – dafür haben die gesorgt, die ihn in Gang setzten, Sarrazins öffentliche Ankläger. Sonst wäre nichts weiter gewesen als die Veröffentlichung eines umstrittenen Buches – ein alltägliches Ereignis in einer Demokratie. Und man müsste über nichts anderes sprechen als über das Buch und seine Thesen.
Statt dessen erlebten wir die öffentliche Demontage eines Buchautors durch die politische Klasse Deutschlands. Dem Deliquenten war nichts anderes vorzuwerfen, als dass er ein Buch veröffentlicht und Äußerungen gemacht hat, denen führende Politiker und tonangebende Medien nicht zustimmen. Das scheint heute ausreichend zur öffentlichen Abstrafung eines Menschen, zum Auschluss aus Arbeitsstelle und politischer Partei. Den Ton der Kampagne bestimmten höchste Macht- und Verantwortungsträger, voran die Bundeskanzlerin: Sarrazins Buch sei „nicht hilfreich“, wusste sie schon vor dessen Veröffentlichung, die darin vertretenen Thesen nannte sie „indiskutabel“. Sie hat inzwischen bekannt, das Buch nicht gelesen zu haben, dennoch richtete sie: „Solche schlichten Pauschalurteile sind dumm und nicht weiterführend.“ Überdies beschuldigte sie den Autor schädlicher Wirkungen: „Zur Lösung der Probleme trägt er gar nichts bei, er erschwert sie im Gegenteil. Er fällt Pauschalurteile, spaltet die Gesellschaft und macht eine ganze Bevölkerungsgruppe verächtlich.“
Der Zentralrat der Juden in Deutschlands erwies sich als williges Werkzeug der Kanzlerin und der politischen Führung. Sein Generalsekretär Kramer sprang der Kanzlerin sofort zur Seite, auch er, bevor er das Buch gelesen haben konnte. Von der Kanzlerin angeregt, von Sekretär Kramer sprachlich eingestimmt, setzte alsdann der Chor der Medien ein, die Verurteilungsmaschinerie gegen jemanden, der ein Thema berührt, das aus verschiedenen Gründen verdrängt werden soll. Ist der Zentralrat der Juden eine Außenstelle des Bundeskanzleramts? In wessen Interesse, wessen Namen erfolgen seine Verurteilungen und verbalen Angriffe: im Interesse der deutschen Juden oder der Bundesregierung?
Kramer ist mit der Zeit immer unbedenklicher geworden, was seine Wortwahl betrifft. Die Etikettierung Unliebsamer als Nazis ist mittlerweile Routine. Er empfahl Sarrazin, in die NPD einzutreten, als sein Buch noch gar nicht erschienen war. Es folgte – durch Herrn Graumann – die Anschuldigung des Rassismus („Rückgriff auf Elemente der Rassenhygiene der Nazi-Zeit“), weil Sarrazin Forschungsergebnisse thematisiert, die neu und umstritten sind, etwa die Vererblichkeit von Intelligenz oder die Häufung bestimmter Gen-Konfigurationen bei Juden. Diese Forschungen werden anderswo, in den USA oder Israel, offen diskutiert. Kein selbsternannter Wächterrat waltet darüber wie in Deutschland, niemand wird deswegen öffentlich an den Pranger gestellt oder aus seiner Arbeitsstelle entlassen.
Warum dieser Übereifer? Weil Deutschland nach seinen Verfehlungen in der NS-Zeit besonders gefährliches Terrain ist? Weil man hier, mehr als anderswo, den Anfängen wehren muss? Wer die außenpolitischen Hintergründe beobachtet, kann sich des Verdachts nicht erwehren: all dies wird nur vorgeschoben, ganz anderen Interessen zuliebe. Ein naheliegender Grund, warum Sarrazin demonstrativ bestraft werden musste, ist die wachsende Abhängigkeit europäischer Staaten, darunter Deutschlands, von der Türkei.
Am 11.September, einen Tag, nachdem Sarrazin unter starkem Druck führender Politker aus dem Vorstand der Bundesbank ausschied, schmeichelten die europäischen Außenminister bei einem Treffen in Brüssel ihrem „strategischen Partner“ Türkei: „Die Türkei ist heute in der Welt einflussreicher als jeder EU-Mitgliedsstaat einzeln oder zusammen. Sie ist wirklich eine Weltgröße (global player) und wir müssen mit ihr gerade jetzt in der Außen- und Sicherheitspolitik zusammenarbeiten.“ Dabei verschweigt dieses Statement die wahren Gründe für Europas Appeasement-Politik, etwa die Abhängigkeit vom Erdöl aus Aserbaidshan, dessen Pipeline durch die Türkei führt und das im türkischen Ölhafen Ceyhan verschifft wird. Auch Erdgas-Leitungen (Blue Stream) führen durch türkisches Gebiet. Die Türkei kontrolliert einen erheblichen Teil der europäischen Energie-Zufuhr. Zugleich tendiert dieses muslimische Land immer offener zu einer fundamentalistischen, anti-westlichen Politik. Europas Erpressbarkeit durch den unberechenbaren Partner wird noch zunehmen: weitere Öl- und Gasleitungen auf türkischem Gebiet sind in Planung oder im Bau.
Derlei Hintergründe wurden in Zusammenhang mit Sarazins Buch in deutschen Medien nicht erwähnt. Erst recht nicht von den Politikern. Angeblich geht es um „provokante“ Thesen, mit denen Sarrazin die in Deutschland lebenden Türken „verächtlich macht“. Worin bestehen nun im Einzelnen die Aussagen, mit denen Sarrazin nach Ansicht des Zentralrats der Juden „endgültig eine rote Linie“ überschritten hätte, folglich als SPD-Mitglied und hohen Beamten nicht länger tragbar sei? Offen gesagt, ich habe sie in Sarrazins Buch nicht gefunden. Nicht mit allem, was Sarrazin schreibt oder sagt, bin ich einverstanden. Manches ist mir zu strikt, vielleicht auch zu naiv. Doch darum geht es nicht. Es geht um die Frage, ob er irgendwo Aussagen getroffen hätte, die den hysterischen Aufschrei, die Unverhältnismäßigkeit der Reaktion rechtfertigen.
Das meiste, was er schreibt, ist längst im Gespräch, überall Gegenstand der Sorge, Gemeingut der Wahrnehmung deutscher Gegenwart. Die deprimierende Demographie Deutschlands ist allgemein bekannt. Auf meinen Lesereisen höre ich die Klagen von Lehrern über den Niedergang ihrer Schulen durch zunehmend analphabetische, aggresssive, nicht selten bewaffnete Schüler, meist mit muslimischem „Migrationshintergrund“ – auch das ist längst keine „provokante“ These mehr. No-Go-Areas für Nicht-Muslime in deutschen Städten – auch davon hatte man schon vor Sarrazins Buch gehört. Auffallend ist das molluskenhafte Verhalten der Medien. So teilte etwa die Online-Ausgabe der deutschen Illustrierten stern am 6.Juni mit: „Gläubige muslimische Jugendliche in Deutschland sind einer Studie zufolge deutlich gewaltbereiter als Migranten anderer Konfessionen.“ Um sich wenige Wochen später in scheinheiliger Empörung auf Sarrazin zu stürzen, wenn er das gleiche schreibt.
Der sprachliche Stil des Buches ist nüchtern, ein wenig trocken. Von Polemik kann keine Rede sein. Die Behauptung, der Autor betreibe „Hetze“ (die Wochenzeitung Freitag veröffentlichte ihre Rezension des Buches unter der Überschrift „Sarrazin hetzt“), ist schlicht unwahr: diesem Buch fehlen ganz die Symptome des Hetzerischen, etwa ein scharfer Ton oder der Aufruf zur Tat. Wo Sarrazin zum Tätigwerden Handeln rät, richtet er sich an staatliche Behörden, nicht an aufgewiegelte Leser. Etwa, wenn er empfiehlt, für die progrediente soziale Unterschicht eine Art Überlebens- oder Verhaltenstraining einzuführen oder zwecks besserem Erlernen der Landessprache den Besuch von Kindertagesstätten zur Pflicht zu machen – man mag derlei Ratschläge unpraktikabel finden, hetzerisch sind sie nicht. Sie sind auch nicht „populistisch“, denn vieles, was Sarrazin vorschlägt, ist eher unpopulär. Viele – gerade gut gestellte – Deutsche werden es vermutlich nicht gern lesen, dass sie nach Sarrazins Meinung „radikal ihr Geburtenverhalten ändern“ müssen, das heisst mehr Kinder zur Welt bringen, statt ihr Einkommen wie bisher für die Vergnügungen der „Spaßgesellschaft“ auszugeben. Sarrazins Buch ist voller Zahlen, Statistiken, Diagramme. Die Akkuratesse, mit der er sich bemüht, seine Aussagen numerisch zu belegen, mag die Lektüre erschweren, spricht aber für seine Gewissenhaftigkeit.
Den Wahrheitsgehalt seiner Statistiken kann ich nicht beurteilen. Sie werden aber vom Augenschein bestätigt, vom äußeren Eindruck, wenn man regelmäßig durch Deutschland reist wie ich. Versuche, sie zu widerlegen – etwa durch die telegene Berliner Soziologin Naika Foroutan – waren bisher wenig überzeugend. Eine Schlacht der Statistiken macht auch keinen Sinn, nicht in ihnen liegt der Grund für den enormen Erfolg von Sarrazins Buch. Sarrazins große Beliebtheit erklärt sich aus dem einfachen Umstand, dass er offen ausspricht, was offensichtlich ist. Die politische Klasse Deutschlands sollte den Fall Sarrazin als Zeichen verstehen: dass einem aus ihrer Mitte die Herzen zufliegen, allein deshalb, weil er die omertà durchbricht, das mafiöse Schweigen der Eingeweihten.
Der Sarrazin-Effekt erklärt sich zu einem erheblichen Teil aus der wachsenden Wahrheitsscheu der politischen Klasse. In der Endzeit der Sowjetunion nannte der Moskauer Schriftsteller Juri Trifonow die tödliche Krankheit der Nomenklatur, der herrschenden Schicht der sozialistischen Staaten, „die Angst zu sehen“. Sarrazins Buch und seine extrem unterschiedlichen Rezeptionen haben die tiefe Kluft gezeigt, die im heutigen Deutschland zwischen Bevölkerung und politischer Führung besteht. Auch Frau Merkel lebt in einer „Parallelgesellschaft“: in den abgeschirmten, gut bewachten Gehegen der politischen Klasse. Das wichtigste Privileg dieser Klasse ist nicht wie in ärmeren Ländern ihr größerer Reichtum – reich sind auch viele andere Deutsche –, sondern ihre größere Sicherheit. Eine Sicherheit, die an deutschen Schulen, in deutschen Städten längst abhanden gekommen ist.
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