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  08.01.2012   09:04   +Feedback

Bitte keine Leitfigur

Michael Miersch hat an dieser Stelle treffend die Neigung Christian Wulfs zur salbungsvollen Phrase kritisiert. Wulff kopiere Rau und von Weizsäcker. In der Tat, so wirkt das. Ich glaube aber, dass es einem anderen Präsidentendarsteller nicht viel anders ginge. Schon bei Bruder Johannes wirkte das ganze „vereinen statt spalten“-Geraune beliebig und unterkomplex.

Auch auf die gelegentlich geäußerte Jobbeschreibung von Präsidenten, sie wollten „die Menschen mitnehmen“, reagiert man eher mit Schmunzeln. Wissen sie denn überhaupt, wohin sie uns mitnehmen wollen? Wissen sie, wo es hingeht? Man hat doch in den Tagen der Finanzkrise eher den Eindruck, die Politik reagiere selber gehetzt auf neue Verwerfungen der Märkte. Die Formulierung „die Menschen mitnehmen“ impliziert, dass hier eine Kaste Großdenker und -macher (Politiker) die einfachen Menschen (uns) auf einen Weg einstimmen müssten, den sie selber bestimmen. Das aber ist nicht mehr der Fall. Und „die Menschen da draußen“ wissen auch, dass es nicht der Fall ist. Folgerichtig sucht im Politiker von heute niemand mehr die Orientierung gebende Leitfigur, die dieser womöglich früher einmal war.

Was in die Zeit passt. Auch in anderen Bereichen findet eine Autoritätendämmerung statt. In der Managementlehre spricht man vom „postheroischen Management“. Oder denken wir an den Abgang Margot Käßmanns. Anders als ihre dramatisierende Rhetorik damals suggerierte, war es gar nicht so, dass die Menschen an sie oder ihr Leben riesige Ansprüche gestellt hätten, denen sie nicht genügen konnte. Sie war niemals jene überlebensgroße Moralautorität, deren Alkoholfahrt Millionen darob desorientierter Schäfchen in Existenzkrisen geworfen hätte. Sie war die nette Frau Käßmann, die gelegentlich mit eher simplen Einlassungen zur Weltpolitik die Stimmung der Allgemeinheit traf. Mehr nicht.

Die Rolle des Erklär- und Mitnahme-Präsidenten machte womöglich in der Nachkriegsgesellschaft Sinn. In einer politisch dominierten Welt, in der Politiker ihre eigenen Entscheidungen, die die Welt ja tatsächlich ordneten und prägten, erklären mussten. In der komplexen, postglobalisierten Welt reicht es vollkommen, Politiker zu haben, die mit dieser Welt Schritt halten. Wie das geht, zeigt das unaufgeregte Krisenmanagement Angela Merkels in Sachen Euro.

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Kategorie(n): Inland 

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