Antje Sievers 18.10.2011 16:28 +Feedback
Biologisch veräpfelt
So klingt es, wenn die peinliche Wahrheit über die deutsche Esskultur schöngeredet wird:
http://www.haz.de/Nachrichten/Wissen/Uebersicht/Deutsche-sind-beim-Essen-preisbewusst
Im Klartext heißt das, dass der Durchschnittdeutsche nichts von gutem Essen versteht.
Natürlich kann man täglich hervorragend schlemmen, wenn man mit wenigen und eventuell bescheidenen Zutaten gut zu kochen versteht. Aber – wer tut das schon noch heutzutage, wo in vielen Haushalten nicht einmal mehr gemeinsame Mahlzeiten stattfinden?
Zum Beweis reicht ein Blick in den nächsten Supermarkt:
Schimmlige Champignons neben verschrumpelten Feigen, angefaulte Weintrauben neben schlappen Salatgurken. Avocados gibt es grundsätzlich nur in den Reifestufen knüppelhart (Zehn Tage nachreifen in der Sockenlade) oder schwarzmatschig.
Es folgt das Brotregal mit seinen achtzig abgepackten Brotwaren, die mehr oder weniger alle gleich schmecken; alsdann so überflüssige Dinge wie fünfunddreißig verschiedene Sorten von Biotrockenfrüchten. Ein Trauerspiel.
Darüber hinaus hat das ewige Ich-ess-dies-nicht-ich-es-das-nicht, das beim Nachwuchs schon viel zu lange toleriert wird, mittlerweile dazu geführt, dass das Lebensmittelangebot zwangsinfantilisiert wurde.
Kommen dem Verbraucher nicht viele Fertigprodukte wie Limonaden, Konfitüren und Backwaren viel süßer vor als früher? Das sind sie nämlich in der Tat. Die Geschmackswahrnehmung, so heißt es seitens der Hersteller, habe sich deutlich verändert. Damit etwas überhaupt als süß wahrgenommen wird, muss halt noch eine Schaufel Zucker rein. Die Obsttörtchen bei meinem Konditor schmeckten auf einmal auch nicht mehr so wie früher. Das Verkaufspersonal informierte mich über den Grund: Wenn die Kunden erführen, dass die Creme unter den Früchten mit Frischkäse angemacht ist, wollten sie sie nicht mehr essen.
So hat sich auch schon manch guter Italiener mit der deutschen Suppenkaspermentalität arrangiert. Statt den traditionellen Trenette al Pesto oder Penne all’arrabiata gibt es drei Saucen frei kombinierbar mit fünf verschiedenen Nudelsorten.
Da kann es auch nicht überraschen, dass viele Lebensmittel wirken, als seien sie von vierjährigen Fooddesignern während einer intensiven Töpfchensitzung kreiert worden:
Philadelphia mit Milkaschokolade. Crème fraîche mit Flammkuchenaroma. Waldmeistersahnelikör. Geht’s eigentlich noch?
Bei Biokost allerdings ist der deutsche Verbraucher kompromisslos bis zur Gehirnerweichung.
Auf einem unserer Wochenmärkte ereignete sich jüngst ein kleinerer Lebensmittelskandal:
Man kauft ja so gern auf dem Markt, weil alles ursprünglicher, frischer und direkt vom Erzeuger ist. Hier wird noch sorgfältig jede Scheibe ungarische Salami mit der gleichen Hand angefasst, die gerade das Wechselgeld herausgegeben und vor fünf Minuten ein vollgerotztes, feuchtwarmes Taschentuch wieder in der Hosentasche verstaut hat.
Nein, das ist nicht der Skandal, den ich meine.
Sondern der hier: Einer der Marktbeschicker, seines Zeichens Anbieter von Bioobst und Gemüse, hatte eine Anzeige wegen Betrugs auf dem Hals. Er pflegte am Ende des Markttages das Gelände nach entsorgten Kisten mit Abfall aus konventionellem Anbau abzusuchen und sie anderntags wieder anzubieten – als Bioerzeugnisse.
Es dauerte nur ein paar Tage, bis in den Fenstern der überwiegend links-grün-orientierten Anrainer die ersten Transparente erschienen, auf denen man sich mit dem Betrüger solidarisch erklärte und seine Rückkehr auf den Wochenmarkt forderte.
Geschichten, wie sie das Leben schreibt, kann man nicht halb so gut erfinden.
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Kategorie(n): Wirtschaft Bunte Welt


