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  10.11.2009   18:53   +Feedback

Betonkopfkick

Zum Wesen des Fußballfans gehört Naivität. Ich kenne das von mir selbst. Mit größter Naivität bin ich Jahr für Jahr überzeugt, in der jeweils anbrechenden Saison werde der HSV deutscher Meister. Das wurde er 1983 zum letzten Mal.

Realitätsblinde Fußballfans sind nicht schlimm; der Fußball braucht sie sogar. Realitätsblinde Funktionäre hingegen sind außerordentlich nachteilig. Unter diesen leidet der deutsche Clubfußball. Heute haben sie wieder zugeschlagen. Wie nicht anders zu erwarten, lehnten die Erst- und Zweitligavereine den Antrag von Hannover 96-Chef Kind ab, Investoren die Übernahme von Proficlubs zu erlauben.

Ein riesiges Maß an Selbstbetrug macht diese Politik möglich. Jahr für Jahr sucht Deutschlands Profifußball eifrig nach Zeichen, dass er so schlimm doch gar nicht dastehe. Jeder (seltene) Überraschungssieg von Werder Bremen in der Champions League wird zum Zeichen hochstilisiert, dass „Geld Erfolg nicht kaufen kann“; jede einigermaßen würdevolle Niederlage wird mit vorhersehbarer „wacker gekämpft“-Rhetorik beweint. Dass dies Ausnahmen sind und der deutsche Fußball insgesamt sich immer weiter von Niveau der Topligen entfernt, blenden die Romantiker aus. Weil inzwischen aber selbst gelegentliche Überraschungserfolge ausbleiben, guckt Fußballdeutschland lieber gleich Europa League. Im Verlierercup gelingt wenigstens ab und zu noch mal ein Finaleinzug.

Die Begründungen der Investor-Aversion sind immer dieselben: Angeblich drohe sonst der Identitätsverlust der Clubs, litten Vielfalt und Sportsgeist. Das ist natürlich Unsinn. Der Sportsgeist der englischen Premier League ist höher als der deutsche; bei uns wird weit mehr gemeckert, geschwalbt und simuliert. Auch die Identifikation der Fans geht beim FC Chelsea oder dem FC Liverpool nicht abhanden. Ein Fußballfan interessiert sich schon nicht dafür, wo die Spieler seines Clubs herkommen; warum sollte das bei den Besitzern anders sein? Übertragen auf eine andere Emotionsbranche: Wenn ich Fan einer Popband bin – wie wichtig ist mir dann, wer die Plattenfirma besitzt?

Im übrigen sind die Argumente der Clubchefs natürlich vorgeschoben. Fakt ist wohl vielmehr, dass sich für die meisten Clubs kaum ein Investor interessiert. Das ist das Wesen des Fußballs: Dauerhaft spannend ist nur Erfolg. Die Niveauarmut der Bundesliga sorgt für Desinteresse. Unsere Clubs haben es versäumt, aus ihren Marken Kapital zu schlagen, als der Niveauabstand zur Premier League oder zur spanischen Premiera División noch nicht so riesig war. Leidtragende sind die Fans. Leider ignorieren diese dies standhaft, auch weil die pathetische Rhetorik der Verhinderer in den Vereinen natürlich Fanherzen anspricht.

So werden wir also weiterhin Liga-Mittelmaß ertragen müssen. Es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig. Natürlich werde ich bis an mein Lebensende HSV-Fan bleiben. Allerdings – ich persönlich hätte nichts gegen einen Investor, wenn ich am Ende einer Saison einmal sagen kann: Ich hab es doch gewusst!

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Kategorie(n): Wirtschaft 

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