David Harnasch 07.09.2008 13:22 +Feedback
Bespredelschtschik
Juri Andruchowytsch in der NZZ:
“Die beste Zeit für einen kleinen, siegreichen Krieg ist, so scheint es, der Monat August. Einer dieser Kriege wollte sich freilich nicht auf den August beschränken lassen. Aus einem kleinen Krieg wurde ein grosser Wortkrieg. Die russische Sprache – genauer: ihr Unterweltslang – kennt das Wort «bespredelschtschik». Ursprünglich beschrieb dieses Wort nur die Verhältnisse in der «Zone», einem Gefängnis oder Straflager. Jede «Zone» hat ihre ungeschriebenen Regeln des Zusammenlebens. Alle Häftlinge haben sich streng an sie zu halten. Eine Verletzung dieser ungeschriebenen Regeln ist «bespredel» (etwa: Gesetzlosigkeit, Anarchie). Wer sich dessen schuldig macht und damit sich selbst ausserhalb jeglicher Gemeinschaft stellt, selbst der kriminellen, ist ein «bespredelschtschik», einer, der die letzten Grenzen moralischer Normen überschritten und jegliche Moral verlassen hat, selbst die der Verbrecherwelt. Um ein leichter verständliches Beispiel zu gebrauchen: Die sizilianische Mafia rührt Frauen und Kinder nicht an, während die Camorra auch davor nicht haltmacht. Aus der Sicht der Mafia ist die Camorra ein «bespredelschtschik».
Der «bespredelschtschik» versucht, alle mit seiner Unberechenbarkeit einzuschüchtern. Er blufft damit, dass er zu allem fähig ist. Er will, dass man ihn fürchtet, er braucht das.
Provokation und Attacke
Im August 2008 hat sich Russland im Kaukasus gegenüber Georgien wie ein «bespredelschtschik» aufgeführt.”
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