Fundstück 14.01.2012 16:17 +Feedback
Berlin hat nicht genug Gedenkorte…
... deswegen muss noch eines her! Schnellstmöglich!
Martin-Luther-Gedächtniskirche sollte Gedenk- und Mahnort werden
Die Jüdische Gemeinde begrüßt die Überlegungen der Evangelischen Kirche, die seit langem geplanten Erläuterungen vor Ort zur nationalsozialistisch geprägten Innenarchitektur der Martin-Luther-Gedächtniskirche schnellstmöglich umzusetzen.
Bis Ende 2011 wurde die Hälfte der vom Senat zur Sanierung des Gebäudes zur Verfügung gestellten Mittel dazu verwendet, den Kirchturm vor dem Einsturz zu bewahren. Das wurde aufgrund der heiklen Innengestaltung der Kirche vereinzelt heftig kritisiert, besonders von dem evangelischen Zeitzeugen Werner Lutz. Auf seine Anregung hin fand am 9. Januar eine Besichtigung der Kirche statt mit Vertretern des Berliner Forums für Geschichte und Gegenwart, des Landesdenkmalamtes, des Evangelischen Kirchenkreises, der Senatskanzlei und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.
Dabei erkannte die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, an, dass sich die Kirchengemeinde inhaltlich intensiv mit den Auswirkungen des Nationalsozialismus auseinandersetzt. Dazu werden Ausstellungen, Jugendprojekte und Gedenkgottesdienste abgehalten. Allerdings merkte sie an, dass solche Veranstaltungen nicht die Aufklärung über die gestalterischen Merkmale des Nationalsozialismus im Kircheninnenraum ersetzen. Bis heute fehlen angemessene Hinweise darauf. Ohne diese sind die in Wandtafeln, Bildern und in der Orgelgestaltung nur dem geschulten Auge sichtbaren Nazi-Symbole Teil einer Kulisse, die scheinbar der üblichen Kirchengestaltung entspricht.
Die Kirche in Mariendorf wurde zwar vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten geplant, aber erst danach fertig gestellt. Daher ist die Innenausstattung dem damaligen Zeitgeist entsprechend vorgenommen worden.
Bis heute ist die sehr subtile Vermengung von christlichen und völkisch-nationalsozialistischen Symbolen und Bildern ohne Hinweisschilder oder direkte Kommentierung.
Es gibt keine Hakenkreuze mehr, die schon auf Anweisung der Alliierten entfernt werden mussten. Aber über dem Altar hängt eine einmalig athletische Christusfigur. Die Kanzel ist verziert mit einer Darstellung des Christus und seinen Anhängern. Hinter Christus steht ein Mann in Wehrmachtsuniform und ihm gegenüber, neben anderen Menschen des Volkes, ein SA-Mann.
Die Innenausstattung der Kirche ist bereits in dem Buch vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart “Christenkreuz und Hakenkreuz - Kirchenbau und sakrale Kunst im Nationalsozialismus”, Katalogbuch zur Wanderausstellung Hrsg. v. Stefanie Endlich, Monica Geyler-von Bernus u. Beate Rossie thematisiert und analysiert worden. Der exemplarische Charakter der Kirche als Zeugnis für NS-Architektur und damit denkmalpflegerisch als bedeutendes Monument dieser Zeit ist anerkannt. Es ist verwunderlich, dass dies nicht längst für historisch interessierte Gruppen, besonders Schulgruppen, genutzt wird. Die regelmäßige Religionsausübung ist zwar bereits in andere, nahe gelegene Kirchen verlegt worden. Dennoch finden immer noch Sonder-Gottesdienste und Veranstaltungen in der Kirche statt.
Herr Lutz und andere Kritiker sehen die Gefahr, dass der Ort möglicherweise erneut für rückwärtsgewandte Ideologen zum Anziehungspunkt werden könnte. Sicher ist, dass der nicht vorgebildete Besucher mit der Deutung der vorhandenen Ikonographie überfordert wird. Die Jüdische Gemeinde regt daher an, die Kirche zukünftig verstärkt als Gedenk- und Mahnort zu nutzen.
Maya Zehden
Jüdische Gemeinde zu Berlin
Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit
Leitung des Büros der Vorsitzenden
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Kategorie(n): Inland


