Fred Viebahn 22.05.2008 12:03 +Feedback
Bei Frishmans hinter der Treppe
TREPPENFAHRT IN JERUSALEM
[Von Frühjahr bis Herbst 1979 verbrachten meine Frau und ich ein knappes halbes Jahr in Jerusalem, davon die ersten drei Monate auf Einladung des damaligen Bürgermeisters Teddy Kollek in Mishkenot Sha’ananim, der an Yemin Moshe angrenzenden ehemaligen Karawanserei gegenüber den westlichen Stadtmauern der Altstadt. Mishkenot Sha’ananim hatte seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts jüdischen Pilgern als Unterkunft gedient und war dann zwanzig Jahre lang, von der Teilung Palästinas bis zum Sechstagekrieg, im Niemandsland zwischen der jordanisch besetzten Altstadt und dem israelischen Westen in Verfall und unter gelegentlichen arabischen Beschuß geraten. Nach 1967 wurde es von der Jerusalem Foundation als Gästehaus der Stadt mit allen modernen Annehmlichkeiten renoviert. Der folgende Text ist ein Auszug aus meinen unendlich in Flux befindlichen und eigentlich unvollendbaren Memoiren.]
Am 1. Juni 1979 frühmorgens legte unsere Autofähre nach knapp zweitägiger Überfahrt von Piräus über Nikosia im Hafen von Haifa an, und wenige Stunden später rollte mein bereits seit dem Balkan völlig verstaubter Ford 20m mit Gummersbacher Kennzeichen an der Montefiori-Windmühle vorbei die Zufahrtswindungen zu Mishkenots überdachtem Parkplatz hinab. Mit israelischen Straßen im allgemeinen und dem Jerusalemer Verkehr im besonderen war ich bereits von einer Recherchereise drei Jahre zuvor vertraut; damals hatte mir bei Sharm el Sheik ein an einem Militär-Checkpoint unbeholfen rangierender Laster meinen gemieteten Autobianchi so blödsinnig angematscht, daß ich gezwungen gewesen war, ohne Windschutzscheibe am Roten Meer lang zurück nach Eilat zu brausen, um das winzige Auto auszutauschen, statt wie ursprünglich geplant meine Sinaiumrundung über Gaza zu vollenden. (Ohne Windschutzscheibe zu fahren ist weniger schwierig, als man es sich vielleicht vorstellen mag: Man muß nur alle Seitenfenster geschlossen halten, dann läßt die von vorne ins Wageninnere gepreßte Luft nur wenig Verwirbelungen zu. Man hüte sich allerdings vor Steinschlag.)
Wir waren noch nicht dazu gekommen, unsere weißgetünchte, zweistöckig-rundkuppelige geräumige Unterkunft (wer’s genau wissen will: Appartement Nummer 7) so recht zu erkunden, hatten gerade mal einen staunenden Blick von unserer Terrasse übers Tal auf die Altstadtmauern zu werfen vermocht, die unausgepackten Koffer standen noch verloren zwischen Wohn- und Schlafzimmer, da klingelte das Telefon.
“Mr. Viebahn”, sagte die Frau von der Rezeption, “Mirjam Frishman would like to speak with you.”
Mirjam Frishman? Hm, der Name klang mir zwar irgendwie bekannt, aber als fehlte da was… “Willkommen in Jerusalem”, flötete eine mädchenhafte Stimme mit leicht hessischer Tönung, “Sidney hat uns so nett von Ihnen berichtet, da können Weli und ich es kaum erwarten, Sie und Ihre Frau kennenzulernen.”
Sidney? Nun dämmerte es mir: Sidney Rosenfeld, der zwei Jahre lang mein Kollege und Büronachbar in der Germanistikabteilung des Oberlin College in Ohio gewesen war, hatte uns dringend einen Besuch bei seinen guten Freunden Shaul und Mirjam Frishman ans Herz gelegt; darüber, warum er dabei unter geheimnisvollen Andeutungen geschmunzelt hatte, sollte uns bald ein Licht aufgehen.
Ja doch, wollte ich höflich erwidern, wir seien eben angekommen, und es wäre schön, könnten wir in den nächsten Tagen… Aber dazu kam ich gar nicht, denn Mirjam hatte sich bereits einen Plan in den Kopf gesetzt. Und, wie wir schnell begreifen würden: Was sie sich in den Kopf setzte, führte sie unnachgiebig durch. Als jungem Mädchen, so wußten wir von Sidney, hatte ihr das letztendlich das Leben gerettet, als sie 1934 ihr Frankfurter Elternhaus und die nazi-verseuchte “Zivilisation” Deutschlands verlies, um mit einer zionistischen Jugendgruppe unwirtliche Wildernis im britischen Protektorat Palästina zu erschließen; so entging sie dem Schcksal ihrer Eltern und überhaupt des Großteils ihrer Familie—der Ermordung in deutschen KZs.
“Haben Sie etwas für heute vor?” fragte sie, interpretierte gleich mein zögerliches “Naja, eigentlich nicht, aber” in ihrem Sinne und verkündete, ohne Widerspruch zu dulden: “In einer halben Stunde sind wir da und zeigen Ihnen ein bißchen die Stadt, und anschließend gibt’s bei uns was zu essen.”
Soeben hatten wir uns ein paar Tropfen Wasser in die verschwitzten Gesichter werfen können (die Dusche blieb bis zum späten Abend ein Traum), da klingelte es bereits an der Tür. Mirjam war zunächst schüchterner, als wir’s von ihrem telefonischen Wirbelwind erwartet hatten, outete sich dann aber bald mit “Was meint ihr?”-Fragen als Menachem Begin-Verehrerin. Doch ehe uns eine ausweichende Floskel einfiel, widersprach ihr ihr Mann heftig aus linker Perspektive—und so wurden wir in Minutenschnelle vertraut gemacht mit dem bei den beiden besonders ausgeprägten, aber in Israel nicht ungewöhnlichen Phänomen des manchmal recht lautstarken politischen Streitgesprächs zwischen Menschen, die sich nahe stehen, ohne daß davon auch nur ein Wermutstropfen die persönliche Harmonie vergiftete.
Was mir an dem damals immerhin schon fast siebenundsiebzigjährigen Shaul Frishman, von aller Welt Weli und von seiner Frau zärtlich “Welichen” genannt, gleich auffiel, waren der federnde Gang in seinen geliebten Hush-Puppies und die dicken Gläser seiner Hornbrille, die seinen Augen einen intensiv forschenden Ausdruck verliehen. Weli, 1902 in Warschau als Sohn des bedeutenden neuhebräischen Schriftstellers David Frishman geboren, der zeitweise Lenins Beauftragter für jüdische Kulturfragen wurde (und nach dem längst eine Hauptstraße in Tel Aviv benannt ist), verkörperte vergeistigte Intellektualität pur, auch wenn er als Student in Berlin mit dem Anarchismus geliebäugelt hatte—was ihm, nachdem eine Polizeirazzia bei ihm eine Pistole fand, einige Zeit im Knast bescherte. Mitte Januar 33 entlassen, schockierten ihn die immer frecher grölenden Randalierer der NSDAP so sehr, daß er sich unmittelbar vor Hitlers Machtergreifung hastig auf die Socken nach Paris machte. Zunächst arbeitete der sprachgewandte Sohn des inzwischen verstorbenen David Frishman bei der französischen Post und gefiel sich als Bohemien, aber das über die deutsche Grenze bis in die französische Hauptstadt schallende blutrünstige Gebrüll bereitete ihm schließlich einen solchen Bammel, daß er beschloß, sein Glück dort zu versuchen, wo gerade das von seinem Vater maßgeblich literarisch wiederbelebte Hebräisch eine einzigartige Erneuerung als Umgangssprache erfuhr.
Als sie Welis vernunftgesteuerten Argumenten nichts mehr als ein säuselndes “Ach Welichen, wir müssen uns doch nicht streiten” entgegenzusetzen hatte, begann die ein knappes Dutzend Jahre jüngere und mindestens einen Kopf kleinere Mirjam um ihren gestikulierenden Gatten und um uns herumzuflitzen, bis sie uns aus unserer neuen Bleibe in den tropisch bewachsenen Korridor und durch die Eingangslobby in die flimmernde Spätnachmittagshitze gescheucht hatte, und ehe wir’s uns versahen, saßen wir alle vier in ihrem engen Fiat. Erst als sie Gas gab, fiel mir Sidney Rosenfelds Warnung ein, aber da war’s zu spät; wir waren auf Gedeih und Verderb der unberechenbarsten Fahrerin zwischen Tiberias und Beer Sheba ausgeliefert. Bald lehrte sie durchs Davidstor flanierenden Fußgängern das Fürchten; wir waren zu erstarrt, uns die Augen zuzuhalten, als sie nach links und nach rechts auf dieses und jenes touristische Merkmal der Altstadt wies, das zwar mir, aber nicht meiner Frau bereits vertraut war. Weli sagte nur: “Mußt du so schnell fahren,” dann steckte er die Nase in meinen gerade erschienenen, großenteils in Israel spielenden Roman “Die Fesseln der Freiheit”, den ich ihm in Mishkenot in die Hand gedrückt hatte, und ließ sich auch von waghalsigen Lenkradschlenkern seiner Frau entlang der enggemauerten Gasse am armenischen Kloster nicht vom Lesen abhalten.
Der sanftmütige linksliberale Bücherwurm Weli, ein Zweifler in bester humanistischer Tradition, und die kratzbürstige rechtszionistische Pragmatistin Miriam, die immer alles besser wissen wollte und sich nur ungern eines besseren belehren ließ, schon gar nicht von ihrem Ehemann, waren erstaunlicherweise ein auch nach vielen Jahrzehnten zwischen den Streitgesprächen noch turteltaubendes Paar, das einander in der offenen Spannung seiner Gegensätze wunderbar lebendig hielt. Kennengelernt hatten sich der flotte ehemalige Anarchist und die über den harten Trott des Kibbutzlebens hinausstrebende diminutive dunkelhaarige Schönheit Ende der Dreißiger Jahre in einem Straßencafe in Tel Aviv, und es loderte schnell zwischen den beiden. Nachdem sie sich freiwillig zu jüdischen Einheiten in der britischen Armee gemeldet hatten, mußten sie allerdings ihr Verhältnis bis zum Ende des 2. Weltkriegs auf Sparflamme schalten. Nach der ehrenhaften Entlassung aus dem Kriegsdienst fanden sie einander wieder, heirateten, bauten sich in Jerusalem eine bürgerliche Existenz auf—er als Bibliothekar an der Hebräischen Universität, sie im Team der Spezialisten, die die 1947 gefundenen Dead Sea Scrolls entzifferten. Als sie von der grauenvollen Vernichtung ihrer Familien erfuhren, schwor Weli, nie mehr deutschen Boden zu betreten. Sie blieben kinderlos, doch jahrzehntelang, und vor allem nach ihrer Pensionierung, führten sie in ihrem Haus, einem Glückskauf in der Westjerusalemer David-Marcus-Straße, von dem man anfangs wohl kaum ahnen konnte, wie ideal er gelegen war, eine Art politisch-literarischen Salon: Jeden Tag schneiten Freunde und Verwandte sowie Besucher von nah und fern herein. Die meisten waren “Jeckes”, also deutsch-jüdische Einwanderer, und es wurde nimmermüde über Gott und die Welt palavert --wobei Gott in der überwiegend areligiös-intellektuellen Atmosphäre um die Frishmans eine untergeordnete Rolle spielte.
All dies erfuhren wir bereits am ersten Abend, während wir im Garten des hinter Wohnblocks versteckten Frishmanschen Einfamilienhauses, nur ein paar Schritte vom Jerusalem-Theater entfernt und zu unserer Verblüffung unmittelbar grenzend ans Anwesen des israelischen Staatspräsidenten, bei italienischem Wein Hummus und Oliven zusprachen und erstmals die später allen Freunden kolportierte Anekdote formulierten, wie Weli bei unserer Besichtigungsfahrt durchs alte Jerusalem ruckartig vom Lesen aufgeschreckt worden war.
Mirjam war vom armenischen Kloster zum jüdischen Viertel abgebogen, als eine Senke den Blick Richtung Klagemauer und auf die von untergehender Sonne überflutete Al Aqsa-Moschee freigab.
“Guckt mal, wie wunderschön!” rief Mirjam und setzte hinzu: “Ich glaub, hier kann man eine Abkürzung fahren, stimmt’s, Welichen?”
“Ja, sicher, Mirjam,” antwortete Weli abwesend, ohne die Augen vom Buch zu nehmen. (Oder nannte er sie Mirilein? Da versagt mir drei Jahrzehnte später die Erinnerung.)
“Halt! Stop! Passen Sie auf!” riefen Rita und ich wie aus einem Mund, aber es war bereits zu spät: Schon ruckelten wir die ersten Stufen einer weitläufigen Steintreppe hinab und kamen unter Poltern der Achsen und häßlichem Knirschen des Chassis zum Stehen.
“Ach du meine Güte!” rief Mirjam, “hier war doch sonst eine Straße!” Und schon riß sie die Tür auf, sprang hinaus und legte sich auf den Boden, um sich ein Bild vom Schaden zu machen.
“So ein Unsinn!” sagte der aufgeschreckte Weli und lugte aus dem offenen Seitenfenster. “Das war schon immer und ewig eine Treppe!”
“Aber Welichen!” Mirjam erhob sich behende von ihrer Inspektion, während Rita und ich uns von der hinteren Sitzbank des Zweitürers nach draußen zwängten. “Woher willst du das wissen? Du läßt dich doch immer nur von mir kutschieren.”
Ehe dieser verbale Schlagabtausch in einen weltanschaulichen Disput ausarten konnte, kam glücklicherweise eine kleine Soldateska des Weges. Die jungen Männer in Uniform machten sich Mühe, ihre Heiterkeit unter Kontrolle zu bringen, während wir den sich an meinen Roman klammernden Weli überzeugten, ebenfalls auszusteigen. Und schon hau-ruckten sie das Gefährt zurück auf die Straße. Nachdem es auf Anhieb wieder ansprang, zogen sie lachend und winkend von dannen.
Mein Angebot, nun das Steuer zu übernehmen, lehnte Mirjam ab. Sie sei eine gute Fahrerin, und das hätte jedem passieren können, wenn eine Straße unverhofft Stufen bekäme—“stimmt’s, Welichen?”
Doch da eine Treppenfahrt per Automobil besonders zusammenschweißt, bot uns Weli, bevor er sich bei der nicht minder haarsträubenden Rückfahrt im Jerusalemer Berufsverkehr erneut in mein Buch vertiefte, das Du an. (Muß ich noch erwähnen, daß in den folgenden Monaten weitere gemeinsame Fahrten nur noch in unserem Ford in Frage kamen? Immerhin war der wesentlich geräumiger!)
[Ende August 1979, just als unsere Zeit in Mishkenot Sha’ananim zuende ging, reisten Weli und Mirjam Frishman in die Schweiz, und wir akzeptierten freudig ihr Angebot, unseren Jerusalem-Aufenthalt zu verlängern, indem wir von Gästen des Bürgermeisters zu Nachbarn des Staatspräsidenten avancierten.
Die vielen Geschichten, die auf Mirjams wundersame Treppenfahrt folgten, auch bei weiteren Israel-Reisen, bei denen wir die Gastfreundschaft der Frishmans genossen, sowie als sie uns Mitte der achtziger Jahre in Arizona einen abenteuerlichen Besuch abstatteten, und bei unserem gemeinsamen Streifzug 1987 durch Paris, wo uns Weli zu den Stätten seines ersten Exils nach der knappen Flucht von 1933 führte, diese Geschichten harren noch der Niederschrift.
Weli Frishman starb 1999 im Alter von 97 Jahren, Mirjam folgte ihm 2007 im Alter von 94. Beide lebten bis zuletzt in ihrer kuscheligen Klause an der David-Marcus-Straße. Bessere Nachbarn hätten sich die Staatsoberhäupter Israels nicht wünschen können.]
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Kategorie(n): Bunte Welt


