Richard Wagner 24.07.2009 04:15 +Feedback
Bayreuth und Bundesverdienstkreuz
Seit Wochen schon übertrumpfen sich die Schlagzeilen über den Antisemitismus des Bayreuther Genies. Man könnte fast meinen, die fortgesetzte Streikandrohung der Bühnentechniker vom Grünen Hügel habe etwas mit der noch aufzuarbeitenden Vergangenheit des toten Hausherrn zu tun. Bei Wagner ist alles erlaubt.
So behauptete dieser Tage ein Online-Vergangenheitsbewältiger forsch, der Meister sei nicht bloß ein notorischer Antisemit gewesen, er habe offenbar auch schlechte Musik verfasst. Der Beweis? Das Ohr des Betroffenen. Es habe bei der vorgenommenen Prüfung nicht länger als eine Minute mitgemacht. Wir weisen den Ankläger darauf hin, dass es eventuell auch an seinem Ohr liegen könnte, befürchten aber, dass der Betreffende durchaus der Überzeugung anhängen könnte, Antisemitismus erzeuge umgehend schlechte Musik.
Das ist das eine. Das Wagner-Bashing. Das andere ist das Langer-Lob. Wofür ein Wagner gemaßregelt wird, wird sie geschätzt. Dass Frau Langer an Israel kein gutes Haar lässt, ist hinreichend bekannt. Ihr Problem, könnte man sagen, so lange sie das alles in Israel und als Israelin zum besten gibt. Die israelische Demokratie ist stabil genug, um Frau Langers Einzigartigkeit vertragen zu können.
Felicia Langer aber lebt in Deutschland und speist ihre Ansichten mit Vorliebe in die deutsche Öffentlichkeit ein, von der sie wiederum gerne zitiert wird. Frau Langer zu zitieren kann hilfreich sein, da sich bei ihr alles findet, was manche immer schon über Israel ungestraft sagen wollten. Für sie, denen der Mut, aber auch die Chuzpe zum Israel-Bashing bisher fehlte, wurde Felicia Langer zur langerwarteten Befreierin aus dem Dilemma.
Wer sich heute in Deutschland offen antisemitisch äußert, ist blöd. Das subtile Netz des Politisch Korrekten hat auch in dieser Frage ein Verhaltensmuster gewebt, das den brachialen Antisemitismus überflüssig erscheinen lässt, ohne dass seine Grundlagen für die öffentliche Meinungsbildung verloren gingen. Der Antisemit Wagnerscher Provenienz, aus der Schule der Gobineaus und Chamberlains ist lange schon tot. Seine Bekämpfung ist ein billiges Ritual, mit dem wir unsere gute Absicht, Auschwitz nicht zu wiederholen, allzeit kundgeben. Als wäre eine Wiederholung von Auschwitz zu befürchten.
An die Stelle des Antisemiten ist der Israel-Belehrer getreten. Mal ehrlich: Was ist in der aktuellen Situation folgenschwerer, Wagners irrtümliche Einschätzung der Rolle der Juden in der Musik oder Arno Widmanns geschickt in die Langer-Polemik eingebaute rhetorische Fragestunde zu Israel aus der Frankfurter Rundschau?
Originalton Widmann: „Was spricht dafür, dass die Juden, die 1949 den jüdischen Staat gründeten, die Kindeskindeskinder derjenigen waren, die im Jahr 49 das Heilige Land verließen. Und selbst wenn? Gibt einem das das Recht 1900 Jahre später zu sagen: Hier bin ich wieder. Das ist mein Land. Wer bisher hier gewohnt hat, hat zu gehen? Und selbst wenn - gibt einem das das Recht, dieses Land Jahr um Jahr zu erweitern? Immer neue Bewohner zu vertreiben?“
Antisemitismus? Gott bewahre! Nein, es ist bloß Menschenverachtung, denn die Juden, von denen Arno Widmann hier spricht, waren 1949 vier Jahre davor dem Holocaust entronnen, die anderen aber, die von denen er nicht spricht, lebten schon in den dreißiger Jahren im Mandatsgebiet Palästina, und die anderen, über die er auch nicht spricht, waren immer schon da, auch zu osmanischen Zeiten, als die Palästinenser noch Araber hießen und das ominöse Tuch noch nicht identitätsstiftend war. Wir wollen Widmann aber nicht in einer Sache unterrichten, die er mit zwei Klicks bei Wikipedia in Erfahrung bringen kann. Wir denken auch nicht, dass es ihm an dem nötigen Grundlagenwissen fehlt, wir fragen uns bloß, wohin die Reise mit dem von ihm empfohlenen Ticket gehen soll. Falls er uns darauf hinweisen will, dass die Juden im Jahr 49 ohne UNO-Mandat gegangen sind, so ist dazu zu sagen, dass das niemand bestreitet, wenn wir aber schon dabei sind, möchten wir auch daran erinnern dürfen, dass sie, die Juden, 1949, wenn auch ohne die Zustimmung von Arno Widmann eingeholt zu haben, doch aufgrund eines gültigen UNO-Beschlusses zurückkehrten.
Es gab eine Zeit, in der sorgte man sich, wegen eines falsch verstandenen Adorno-Kommentars, um die Möglichkeit, Gedichte nach Auschwitz schreiben zu können. Es war für alle drittrangigen Dichter, wie sich bald herausstellte, ein hochwillkommenes Dilemma. Nun aber, wo die Legitimität und damit das Existenzrecht Israels, ausgerechnet durch eine Moralisierung der Holocaust-Erinnerung, zur Disposition gestellt wird, bleibt die Frage: Wen soll das jetzt trösten?


