Dr. Oliver Marc Hartwich 13.02.2009 05:14 +Feedback
Bananenmonarchie Großbritannien
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nichts Negatives mehr über Großbritannien zu schreiben. Nicht nur, dass ich dem Land einige sehr interessante Jahre verdanke, in denen ich in der Nähe der britischen Politik arbeiten durfte. Nicht nur, dass ich in London noch einige Freunde habe. Nein, auch wenn das vielleicht bei manchen meiner früheren Artikel nicht immer ganz offensichtlich war, ich bin und bleibe anglophil. Ich mag England: seinen Humor, seine Landschaften, seine Geschichte, seine Sprache, die Queen und sogar sein warmes Bier. Im Grunde kann man sich kaum ein schöneres Land als dieses England vorstellen.
Aber gerade deshalb tut es weh, von Ferne mitzuverfolgen, in welche Richtung es sich weiter entwickelt. Beziehungsweise wie dieses Land immer mehr zu einer Bananenrepublik - Entschuldigung: Bananenmonarchie - verkommt. Und deshalb nun doch noch ein paar Gedanken eines Anglophilen im australischen Exil.
Die Verweigerung der Einreiseerlaubnis für Geert Wilders ist nur der letzte Mosaikstein, der sich in das Gesamtbild Großbritanniens nahtlos einfügt. Noch übertroffen wurde die Entscheidung allerdings von der Begründung, die der Vorsitzende des Innenausschusses im britischen Parlament, der Labour-Abgeordnete Keith Vaz, gestern Abend in der BBC-Sendung Newsnight nachlieferte. Von einem gemäßigten Muslim gefragt, warum dieser nicht mit Wilders über dessen Film Fitna debattieren dürfe, antwortete ihm Vaz, dass er das doch selbstverständlich könne. Er müsse sich nur in ein Flugzeug setzen und nach Amsterdam fliegen. Eine originelle Begründung fürwahr. Britische Staatsbürger genießen also Rede- und Meinungsfreiheit, wenn sie denn nur vorher ihr Land verlassen. Wenn das der Maßstab ist, dann gibt es auch in Diktaturen Meinungsfreiheit, nur eben nicht zu Hause.
Praktisch auch für die britische Regierung, dass sich die Opposition vorsorglich gleichgeschaltet hat. Deren innenpolitischer Sprecher Chris Grayling erklärte nämlich lediglich, dass er sich in Zukunft eine konsequentere Anwendung von Einreiseverboten auch für muslimische Extremisten wünsche. Dass es da zwischen Hass- und Gewaltpredigern einerseits und dem gewählten Parlamentarier und EU-Bürger Wilders andererseits einen Unterschied geben könnte, darüber sah Grayling gerne hinweg. Aber das muss man ihm nachsehen, denn nächstes Jahr wird in Großbritannien gewählt, und die Konservativen werden den Teufel tun und es sich nun mit der muslimischen Wählerschaft verscherzen.
Aber genau genommen ist eben dies das ganze Wahlprogramm der Tories, nämlich niemandem weh zu tun. Dabei führt daran, wenn sie denn tatsächlich gewählt werden sollten, gar kein Weg vorbei. So wie es aussieht, dürfte die nächste Regierung ein Haushaltsdefizit von mindestens zehn Prozent und eine Arbeitslosenzahl von über drei Millionen erben. Der britische Staatsanteil liegt schon heute bei 48 Prozent und dürfte in den nächsten Jahren noch weiter steigen. Hinzu kommt, dass das Pfund in den letzten Monaten etwa ein Drittel seines Wertes gegenüber dem Dollar und dem Euro verloren hat. Von den Risiken, die die Teilverstaatlichung der britischen Banken für die Staatsfinanzen bedeutet, ganz zu schweigen. Ein Staatsbankrott scheint jedenfalls nicht mehr ausgeschlossen. In britischen Zeitungen ist schon von einem Reykjavik an der Themse zu lesen.
Wie man in dieser wirtschaftspolitisch völlig verfahrenen Situation bei den Konservativen darauf setzen kann, vor der nächsten Wahl lieber auf Tauchstation zu gehen, statt die Bevölkerung auf schwere Zeiten und unbequeme Maßnahmen vorzubereiten, ist beim besten Willen nicht mehr nachzuvollziehen. Diese Strategie ist nicht nur mutlos, unehrlich und feige, sie ist auch ein intellektueller Offenbarungseid. Nachdem sich die Tory-Parteiführung in den letzten Jahren lediglich darauf konzentriert hatte, möglichst modern, offen und ökologisch zu wirken, müssen sie nun erkennen, dass das bei weitem nicht ausreicht.
So schlafwandelt Großbritannien munter seinem moralischen, politischen und ökonomischen Bankrott entgegen. Aber auch dem kann man noch etwas Gutes abgewinnen. Zumindest dem anglikanischen Bischof von London gelingt dies. Er sagte in diesen Tagen allen Ernstes, dass es doch auch einmal eine gute Erfahrung sein könnte, seinen Job zu verlieren. Das moderne Berufsleben sei doch oft viel zu hektisch. Wunderbar, wie die anglikanische Kirche Trost spendet, wenn sie sich einmal nicht über schwule Bischöfe selbstzerfleischt.
Wenn das an britischem Wahnsinn noch nicht ausreicht, dann kann man sich auch darüber wundern, warum Prince Harry zur Teilnahme an einem Kurs über “rassische Sensibilität” (racial awareness) teilnehmen muss, nachdem er einen pakistanischstämmigen Kameraden als “Paki” bezeichnet hatte. Genauso wie man sich fragen darf, warum die Innenministerin über 100.000 Pfund für die Renovierung ihres Eigenheims erhalten konnte, von dem sie behauptete, es handele sich nur um ihre Zweitwohnung. Oder man könnte darüber spekulieren, warum ein Land von ein paar Zentimetern Schnee so lahmgelegt werden kann, dass sogar die Londoner Busse in den Depots bleiben. Das hatte nicht einmal die Luftwaffe geschafft.
Großbritannien ist auf dem besten Wege, wieder zum Kranken Mann Europas zu werden, wenn es das nicht schon längst ist. Das ist kein Grund zur Schadenfreude, sondern zur Trauer über ein ehemals großartiges Land. Was muss eigentlich noch passieren, bevor die Briten auf die Barrikaden gehen?
Ich jedenfalls werde an dem Tag, an dem der Internationale Währungsfonds in Großbritannien die Regie übernimmt, eine Flasche Champagner köpfen. Wahrscheinlich ist Hilfe von Außen die einzige Möglichkeit, dieses Land noch vor seiner eigenen politischen Klasse zu retten.
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Kategorie(n): Ausland


