13.09.2011   03:07   +Feedback

Ausflugstipp: Wutachschlucht

Seit einigen Wochen habe ich Besuch aus Israel, und weil ich nicht in Bochum wohne, erlebe ich seitdem allerhand ungewohnte Dinge. Würde ich in Bochum hausen, würde ich meinen Gast im Keller einschließen. Aus Rücksichtnahme und Gastfreundschaft. Nun befindet sich mein Lebensmittelpunkt aber glücklicherweise in Freiburg, weshalb es in unmittelbarer Nähe jede Menge Dinge gibt, die sehenswerter sind als mein Keller. Und die ich allesamt noch nie selbst gesehen habe. Tatsächlich kenne ich die Touristenattraktionen Madrids und Roms wesentlich besser als die meiner Heimatstadt - was schlicht daran liegt, dass ich hier nunmal kein Tourist bin. Und dass ich all die gewiss spannenden Sachen ja auch morgen noch angucken könnte. Diese Möglichkeit besteht schließlich ungenutzt seit nunmehr fast fünfunddreißig Jahren, da wird sie wohl kaum über Nacht verschwinden.

Aus der Recherche für einen bisher nicht publizierten Artikel weiß ich, dass die Wutachschlucht im Schwarzwald zu den ersten als schützenswert erachteten Landschaften Deutschlands gehört. Sie muss also spektakulär aussehen - für Natur. Ein weiterer Grund dafür, dass ich mich in Tel Aviv und New York besser auskenne, als im Freiburger Umland ist nämlich, dass dieses größtenteils - ja eigentlich sogar ausschließlich - aus Natur besteht. Natur schließt für mich Kulturlandschaften ein, aber alles, was auch nur entfernt interessant sein könnte, aus. Natur ist notwendigerweise langweilig aber niemals asphaltiert.

Hat man aber einerseits einen Gast, der Neuseeland zu Fuß durchwanderte und andererseits den angeblich spektakulärsten Wanderweg Deutschlands praktisch vor der Haustüre, dann muss man dort wohl hin. Was mich vor das nächste Problem stellt: Kein Auto. Aufgrund meiner Reisepräferenzen brauche ich keins, auf längeren Distanzen verdiene ich mir meinen urechsengroßen CO2-Fußabdruck an Bord von allerlei Flugzeugen und die Bahn ist für Verbindungen zwischen nicht ganz winzigen Städten wundervoll geeignet. Bahnhofsschließungen auf dem Land begrüße ich ausdrücklich, damit das gesparte Geld in noch schickere ICE mit noch besseren Klimaanlagen investiert werden kann. Wer für zwei Euro Miete auf siebzigtausend Quadratmetern mit Seeblick wohnt, hat gewiss keinen Anspruch darauf, diesen Lebensstil von uns bescheidenen Städtern subventioniert zu bekommen.

Einen Leihwagen erachtete ich auch für blödsinnig, denn der Weg am Fluss entlang endet ohnehin an einer Bushaltestelle, von wo aus einen das schlimmste aller öffentlichen Verkehrsmittel wieder zum Parkplatz bringen würde. Da kann man auch gleich mit dem Bummelzug fahren. Abgesehen von der Tatsache, dass man das eben natürlich nicht kann.

Die soziale Präselektion der Fahrgäste im schwarzwälder ÖP nicht-ganz-so-NV ist durchaus der zu vergleichen, derentwegen exakt alle Inhaber eines Arbeitsplatzes in Berlin keinen Fuß in die U-Bahn setzen. Es macht im genetischen Endeffekt keinen großen Unterschied, ob sämtliche Vorfahren des Sitznachbarn aus einem anatolischen oder aus einem badischen Bergdorf stammen.

Dass der Zug an jedem Kuhfladen hält, hatte ich erwartet. Dass jeder Kuhfladen aber einen Vollzeitarbeitsplatz bei der Bahn bedeutet, war mir nicht bewusst. Wir stiegen in Döggingen aus, wo eine - ich sage mal: Person damit beschäftigt war, allerhand mannshohe Hebel umzulegen um mittels unendlich langer Stahlseile Schranken, Signale und vielleicht sogar Weichen zu bewegen. Ansonsten gleicht Döggingen Sonntags einem Neutronenbombodrom: Tadellos gepflegte Infrastruktur liegt so derartig brach, dass man sich unmittelbar nach einer Ebolaepidemie wähnt. Es riecht nach Pferd und ist totenstill. Dafür beantwortet das Dorf die Frage, die mich in den vorangegangenen vierhundert Käffern umtrieb: Wo arbeiten nur die Leute, die hier mitten im Nichts leben? Jeweils zwei pro Dorf betreiben die Pizzeria, die immer und überall “Etna” heißt, aber wie finanziert der Rest die Pizza dort?

Vom gewiss anständigen Lohn, den die Lackfabrik Frei in Döggingen bezahlt! Frei verhält sich zu Döggingen (und allen Dörfern des sehr, sehr weiten Umlands) wie VW zu Wolfsburg. Wäre es nicht Sonntag gewesen, hätte ich mich spontan um eine Werksführung bemüht, denn Farbenfabriken finde ich hochinteressant im Vergleich zu Natur.

Der Weg zur Gauchach, einem Zufluß der Wutach, führt über Felder und Weiden, wo ich lerne, dass Kühe auch dann Spaß machen, wenn man sie weder essen, noch umwerfen kann, weil sie grade erstens am Leben und zweitens wach sind. Kurz darauf dann die eigentliche Offenbarung: Gauchach- und später Wutachschlucht sind tatsächlich spektakulär! Die zur Beschreibung überall genutzte Vokabel “wildromantisch”, die für den geübten Städter nach einer stark aromatisierten Teesorte für untervögelte Mittvierzigerinnen klingt, trifft den Eindruck wirklich präzise. Einem Tipp des “Wanderbus”-Fahrers verdanken wir anschließend einen weiteren Zwanzigminutenspaziergang mit Wasserfällen und allen anderen Herr-der-Ringe-Kulissen, der meine Begleitung zur Feststellung veranlasst: “I don’t get why all Germans I met bothered to travel to New Zealand. This is pretty much the same.”

Die Antwort erhalten wir dann in der Bahnhofskneipe in Neustadt, wo wir umsteigen müssen. Da wir beide nach nur viersekündigem Aufenthalt unter wild metastasierenden Lungenkarzinomen leiden, kippen wir rückwärts wieder aus der Türe, nicht ohne vor dem Fall in gnädige Bewusstlosigkeit die sämtlich rauchenden, übergewichtigen, mit fehlerhaftem Mandarin tätowierten und vom Inzest gezeichneten Ureinwohner in ihrem offenbar natürlichen Habitat zwischen Bar, Zigaretten- und Spielautomaten gesehen zu haben. Ein paar schick tätowierte Maori hätten im Gegensatz hierzu die wundervollen Eindrücke des Tages eher abgerundet als konterkariert.

Der Reisetipp lautet also: Auf zur Wutachschlucht - idealerweise mit einem Mercedes-Cabrio von spätestens 1980, keinesfalls aber per Bahn.

(David Harnasch)


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Kategorie(n): Inland  Bunte Welt 

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