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  06.01.2012   23:31   +Feedback

Arbeitsmarkt noch nicht in der Balance

Von Günter Ederer

Das Jahr ist erst wenige Tage alt, und schon ist es unseren Spitzenpolitikern gelungen, Verwirrungen zu stiften, die das eh schon verschreckte Volk noch weiter verunsichern. Keine Sorge, ich meine damit nicht unseren Bundespräsidenten Wulff und seine blamable Vorstellung. Ich meine die Diskussion um die Rente mit 67. Haben alle, die darüber herumschwafeln, den Verstand verloren, oder hatten sie nie einen?
Darum erst einmal ein paar Fakten, die bei den gegenseitigen Beschuldigungen außer Acht gelassen werden.
1.) Die Rente mit 67 entspricht einer Rentenkürzung von 7,2 Prozent. Egal, ob der Arbeitnehmer mit 65 oder 67 aufhört zu arbeiten oder nicht. Geht er mit 65 in den Ruhestand, werden ihm 7,2 Prozent abgezogen. Arbeitet er weiter, muss er ja auch länger Beiträge zahlen und bekommt zwei Jahre kürzer Altersruhegeld – auch das summiert sich auf 7,2 Prozent. Von was reden die Sozialpolitiker also, wenn sie behaupten, wer früher in den Ruhestand gehe, müsse eine Kürzung hinnehmen? Fazit Nr. 1: Es geht nicht um Sachlichkeit, es geht um Verdummung der Wähler, um leichter an ihre Stimmen zu kommen.
2.) Der bayerische Ministerpräsident droht, dass er nur noch für die Rente mit 67 eintritt, wenn auch entsprechende Arbeitsplätze vorhanden sind. SPD und Gewerkschaften fordern eine Beschäftigungsquote von 50 Prozent, bevor die Rente mit 67 eingeführt werden darf. Die Realität dagegen ist heute doch noch immer, dass Unternehmen sich Vorruhestandsregelungen viel Geld kosten lassen, damit sie Ältere loswerden. Ja, in den letzten Jahren ist das Durchschnittsalter der Beschäftigten gestiegen. Aber der Arbeitsmarkt ist noch längst nicht in der Balance. In einem Punkt hat Seehofer Recht: Bevor wir die Schleusen für Einwanderung öffnen, müssen die Unternehmen lernen, in ihre Mitarbeiter zu investieren, damit sie auch bis zum 67. Lebensjahr mithalten können. Die Politiker sollten dem Begehren widerstehen, junge und damit billigere Ausländer anzuwerben, solange noch hunderttausende ältere Menschen keinen Arbeitsplatz haben oder in den Vorruhestand gelockt und gedrängt werden. Fazit Nr. 2: Wenn weniger gearbeitet wird, gibt es weniger Rente oder höhere Rentenbeiträge. Die Beschäftigten werden so oder so zur Kasse gebeten. Die Aufgabe aber lautet: Wir müssen die Arbeit so organisieren, damit ältere Menschen auch weiterarbeiten können. Das ist aber schwieriger, als mit populistischen Schlagwörtern von einer unmenschlichen Rente erst ab 67 von eigener Konzeptlosigkeit abzulenken.
3.) Das Dachdecker-Syndrom. Keine Frage: Es gibt viele körperlich anstrengende Berufe, die ein älterer Arbeitnehmer nicht mehr schafft. Die Stadtwerke in Groningen in den Niederlanden geben ihren über tausend Beschäftigten eine Arbeitsplatzgarantie mindestens bis zum 67. Lebensjahr. Und sie schaffen das auch. Die Lösung lautet: „Wir fragen nicht, was du nicht mehr kannst, sondern was du noch kannst.“ Dabei versetzen sie die Kollegen nicht nur auf andere, schonendere Arbeitsplätze, sondern sie schaffen auch neue Betätigungsfelder. Zum Beispiel sammeln drei ehemalige Müllabfuhr-Mitarbeiter, deren Rücken vom Heben und Drehen von schweren Tonnen kaputt ist, jetzt herrenlose Fahrräder ein, die sie reparieren und wieder verkaufen.
Aber die Stadtwerke Groningen beschränken sich nicht nur auf die Rücksichtnahme auf körperliche Schäden, sondern sie verändern die Arbeitsabläufe, damit solche Krankheiten gar nicht erst auftreten können. Statt Mülltonnen wird die Stadt auf in die Gehsteige und Straßen eingebaute Großcontainer umgestellt, die sich per Fernbedienung leeren lassen. Fazit 3: Nicht der rückengeschädigte Dachdecker ist das Problem, sondern die fehlende Flexibilität der Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik die Arbeitswelt so zu gestalten, dass ältere Menschen darin den ihnen gemäßen Platz finden. Viele werden dann sogar mit Freude noch länger als bis 67 arbeiten.
Übrigens: Der Autor dieser Kolumne ist 70.

Aus der Fuldaer Zeitung vom Samstag, 07. Januar 2012

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Kategorie(n): Inland  Wirtschaft 

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