David Harnasch 30.08.2012 14:20 +Feedback
Apostasie mit Nebenwirkungen
Gestern Abend zeigte 3sat eine unglaublich interessante Doku über die Amish People unter dem Titel “Trouble in Paradise”. Protagonisten waren die Familie Stoltzfus, die überhaupt nur deshalb für einen Film in Frage kamen, weil sie schon zu Beginn der Dreharbeiten in einer schweren Glaubenskrise steckten. Amische lassen sich normalerweise nicht filmen. Doch noch ist ihr amischer Lebenswandel nahezu unverfälscht. Amanda und Ephraim haben vier reizende Kinder und tun, was Amische eben so tun: Sie arbeiten auf ihrer Farm bis zum umfallen, sind dabei ausgesprochen höflich zu ihren Kindern und Gästen, und wenn sie zur Kirche fahren, nehmen sie den dunkelgrauen Pferdewagen.
Der Lebensstil wirkt auf einen hedonistischen Europäer gelinde gesagt exotisch, aber es fällt schwer, die Familie nicht zu mögen. Sie haben Humor und Ephraim ist offensichtlich ein wacher, kritischer Geist. Eine Szene zeigt, wie er ein Telefon anschließt. Da Stromleitungen in die sündige Außenwelt führen, darf ein amischer Haushalt weder ans Elektrizitäts- noch ans Telefonnetz angeschlossen sein. Üblicherweise baut man sich also einen Telefonschuppen vor das Haus. Ephraim schließt an sein Werkstatttelefon eine Funktelefon-Basisstation an und lädt die Handteile im Haus mittels einer Autobatterie. (Er erinnerte mich an die schlauen Leute vom Zomet Institut, die sich allerhand technische Tricks einfallen lassen, um den jüdischen Gesetzen zu genügen und trotzdem auf möglichst wenig Komfort verzichten zu müssen.)
Und Ephraim ist ein Skeptiker, was mich um so mehr für ihn einnimmt. Die Amischen lesen nämlich traditionell in einer uralten, deutschen Bibelübersetzung, und verstehen dabei ziemlich wenig. Daher sind sie auf die Interpretationen ihres Klerus angewiesen, dessen Ratschläge wohl hinauslaufen auf: Das haben wir schon immer so gemacht, frag nicht, gehorche!
Daran versündigt sich Ephraim, indem er sich eine englische Bibelübersetzung besorgt und sogar an einer Bibellesestunde außerhalb der Gemeinschaft teilnimmt. Wir sehen ihn, wie er zusammen mit einem Freund mithilfe der Bibel und dem Merriam-Webster die Todsünden nachschlägt.
Ein guter Beginn für angehende Selbstdenker, so dachte ich.
Die Familie wird exkommuniziert und bezieht ein neues Eigenheim. Ihre Farm verkaufen sie für ca. 1 Mio (!) Dollar, wobei sie einen Großteil des Geldes an “Bedürftige” verschenken. Dann der Schicksalsschlag: Bei Tochter Marie wird Leukämie diagnostiziert. Grade während sie sich von der Gemeinde abnabeln, benötigen sie deren Krankenversicherung: Jeder zahlt 125 $ monatlich ein, dafür übernimmt die Gemeinschaft Krankenhausrechnungen. Maries Aufenthalt mit Chemo kostet 3.000 $ am Tag. Doch glücklicherweise greift der “Versicherungsschutz” noch. Man sieht, wie der Glaube der Familie im Krankenhaus Halt gibt, doch den scheinbar ungerührten Fatalismus, mit dem Ephraim darüber spricht, dass es Gottes Wille sein könne, Marie “heimzuholen”, kaufe ich ihm nicht ab. Der erste Teil der Reportage endet hier.
Wir treffen die Familie ca. zwei Jahre später wieder, diesmal in England. Ephraim trägt nun einen modischeren Bart, die Kinder kindgerechtere Kleidung und Marie ist soweit wohlauf. Die Chemo schlägt gut an, ist aber noch nicht beendet. Die Stoltzfus’ sind auf Einladung von Zuschauern der ersten BBC-Reportage in England und wollen sich über ihren weiteren Weg klarwerden. Der zieht sie zurück nach Pennsylvania, wo sie sich der Charity Christian Fellowship anschließen, einer evangelikalen Freikirche, die “spezialisiert” ist auf abtrünnige Amische.
Und nun kippt die Geschichte:
Der ehemals so fleißige Ephraim lebt nun von Geldgeschenken, arbeitet lediglich für Kost und Logis und verbringt seine Zeit ansonsten damit, auf der Straße zu predigen. Als die Geschenke ausbleiben, nimmt er einen Job auf dem Bau an. Soweit OK. Doch er kommt auf eine Idee: Man könnte Marie ja einfach mal einen Monat aus der Chemo nehmen. Gott wird sich schon den weiteren Heilungsverlauf kümmern. Gottseidank (pun intended) ist das aber in Pennsylvania illegal.
Mich lässt die Doku einigermaßen ratlos zurück. Ich lernte jemanden kennen, der aus ausschließlich falschen Gründen ziemlich viel richtig machte. Dann begann er zu zweifeln, was an sich prima ist. Doch er blieb auf der nächsten Erkenntnisstufe stehen. Nun macht er aus geringfügig weniger dummen Gründen alles falsch, was er mit einem versehentlich versuchten Infantizid krönt. Der Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist steiniger, als ich dachte.

