20.04.2008   16:43   +Feedback

Ann Coulter und ich

Eine bewährte Methode, wie man in Diskussionen immer Recht behalten kann: Man schiebt dem Diskussionsgegner eine Position unter, die er gar nicht hat, und zerfetzt diese dann nach allen Regeln der Kunst. Ein schönes Beispiel dafür ist hier zu bestaunen.
Um die Frage zu beantworten, die gleich am Anfang gestellt wird (warum an dieser Stelle nicht all meine Artikel verlinkt werden): Der Grund ist, pardon, reine Faulheit. Ich habe so viel damit zu tun, das Zeugs zu schreiben, dass ich häufig vergesse, hier bei der “Achse” darauf hinzuweisen. Mea maxima culpa. Ich gelobe Besserung.
Nun aber doch noch ein paar inhaltliche Anmerkungen.

1. Nirgendwo schreibe ich, Ann Coulter habe deswegen gelegentlich Recht, weil sie gut aussieht. Allerdings muss man die Tatsache, dass sie hübsch ist, allein schon deswegen erwähnen, weil sie als Argument gegen Frau Coulter verwendet wird. (Das Internet ist voll von ziemlich ekelhaften pornografischen Darstellungen von ihr.)

1a) In einem Punkt bekenne ich mich schuldig im Sinne der Anklage—ich glaube tatsächlich, dass die “versuchte Nähe” der Regierung Roosevelt zur Sowjetunion kein Ruhmesblatt der amerikanischen Geschichte ist. Und ich halte McCarthy wirklich nicht für einen Hexen-, sondern für einen Kommunistenjäger. Wer mehr über Senator McCarthy wissen möchte, lese dieses hier.

2. Wie jeder schnell begreift, der meinen Essay auch nur flüchtig überfliegt, teile ich keineswegs Ann Coulters Kritik der Evolutionstheorie—ich nenne ihre Kritik sogar, glaube ich, ausdrücklich “absurd” --, aber ich weise in aller Bescheidenheit darauf hin, dass der Mensch wahrscheinlich doch ein bisschen mehr ist als ein nackter Affe.
Der entsprechende Passus lautet:
“Wie kommt es dann, dass für ihn (den Menschen) die Gesetze der Evolution so offenkundig nicht gelten (ein Yanomani-Indianer ist jederzeit imstande, die Aufgaben eines Wall-Street-Bankers wahrzunehmen, während jener ohne Probleme mit Pfeil und Bogen auf die Jagd gehen kann)? Warum spricht der Mensch und erzählt Geschichten, warum kann er als einziges Tier schuldig werden, warum begräbt er seine Toten?”

Wahrscheinlich kann mein Kritiker all diese Fragen unter Hinweis auf Darwins “The Origin of Species” beantworten (vor allem die Frage, warum der Mensch als einziges Tier über einen angeborenen Sprachinstinkt verfügt). Ich bin gespannt.

3. Ich liste auf, was diese Frau, deren Äußerungen in Amerika als Gipfel der konservativen Polemik gelten, alles nicht gesagt hat:
“Niemals etwa liest man bei ihr..., dass Freiheit zu anderen Kulturkreisen ganz einfach nicht passt. Nie liest man bei ihr, dieser oder jener Diktator sei gar nicht so übel, weil er den tiefen inneren Bedürfnissen seines Volkes entspricht. Nie hat sie Putin einen `lupenreinen Demokraten´ genannt, nie von der geistreichen Konversation geschwärmt, die Mao Tse-tung mit ausländischen Staatsgästen pflegte. Man findet in ihren Kolumnen noch nicht einmal einen blassen Schimmer davon, dass es gelegentlich zum Geschäft der Politik gehören könnte, Freundschaften mit Bestien zu pflegen.”

Im Text steht haarklein, warum ich all diese Posten anführe: Solche Äußerungen gehören in Europa zum Comment. So etwas hört man in Deutschland an jeder Straßenecke, an jedem Biertisch, man liest so was in Leitartikeln oder in den Bestsellern von Peter Scholl-Latour. Es gilt nicht als sonderlich rechts oder reaktionär, noch nicht einmal als konservativ.

Kurz: Europa ist sehr viel zynischer als die Vereinigten Staaten. Die blonde Giftschleuder Ann Coulter macht gegen ihren eigenen Willen genau diesen Unterschied deutlich.


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