06.03.2007   04:12   +Feedback

Angst der Woche (Sonderausgabe): Terrestrische Aviophobie

Zielgruppe: Menschen, die in Flughafennähe wohnen, besonders im Schwarzwald nördlich von Zürich-Kloten, wo die Schweiz seit Jahren für erweiterte Landerechte kämpft. Bis 1991 (zu recht) die Angehörigen der Fliegerasse, die in Starfightern ihren Dienst versahen, seitdem (eher unbegründet) hauptsächlich Freunde und Verwandte von Piloten. Seit wenigen Tagen auch Politiker und Klima-Aktivisten.
Sozialprestige: Extrem hoch. Michael Großheim schreibt im SPIEGEL über „Elite“: „Manche verkaufen die neue Elite in diesem Sinne als besonders qualifizierte und einsatzbereite, unentbehrliche Dienstleister der Gesellschaft. Schließlich ist ja jedem verständlich zu machen, dass es kaum in seinem Interesse liegen dürfte, in einem Flugzeug zu sitzen, das nicht von einem Angehörigen der Leistungselite geflogen wird.“ Um so jemanden als Freund oder Angehöriger bangen zu dürfen, ist eine Ehre. Wer dieser Tage nach einem Kinobesuch Angst davor hat, dass andere Leute dem Himmel weh tun, weil sie günstig in den Urlaub fliegen, betrachtet sich als Retter kommender Generationen. ***** / *****
Wahnwitzfaktor:
Unüberbietbar. Fliegen ist heutzutage selbst für einen Testpiloten sicherer als Autofahren für irgendwen. Niemals zuvor in der Geschichte konnten Menschen so schnell und billig große Distanzen überbrücken wie heute, um ihren Liebsten nahe zu sein, Geschäfte zu tätigen oder sich an fremden Orten zu erfreuen. Wer hierin eher ein Problem als einen großartigen Fortschritt sieht, hat offenbar einen Überschallknall – und kann sich derzeit doch einiger Popularität erfreuen. ***** / *****
Persönlicher Nutzen:
Stets hoch: Die Immobilien der südbadischen Anwohner des Zürcher Flughafens dürften tatsächlich an Wert verlieren, wenn die Schweiz vor dem EuGH Erfolg haben sollte. Enge Freunde eines Piloten bekommen zum Ausgleich für ihre Sorgen sehr, sehr preiswerte Tickets. Politiker und Umweltschützer haben ein Thema gefunden, das von richtiger, dabei vielleicht effektiver Arbeit abhält, dabei sofort Schlagzeilen und wahrscheinlich schon mittelfristig Mehreinnahmen durch Steuern, Gebühren oder andere Umverteilung generiert. ***** / *****
Gesellschaftlicher Schaden:
Für flexible Kosmopoliten und Arme subjektiv größer als für desinteressierte Stubenhocker und Reiche. Mit „sozial gerecht“ wird meist anderes gemeint von den Leuten, die diese Unwörterkombination verwenden. ***** / *****
Fazit: Es gibt wohl keine andere Furcht, deren Vor- und Nachteile so klar zwischen dem Phobiker und dem Rest der Menschheit verteilt sind. Im Gegensatz zur klassischen Flugangst, die tatsächlich ziemlich unangenehm ist, ist die erdgebundene Variante eine echte Wohlfühl-Phobie. ***** / *****


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Kategorie(n): Wissen  Bunte Welt