Dr. Emma Finkelstein 06.09.2012 00:15 +Feedback
An fast jedem Haus klebt eine Satellitenschüssel
Unsere Südosteuropa-Beauftragte ist zur Zeit in Rumänien unterwegs. Wir bringen ihre Berichte in loser Folge. Das hier dient der Einstimmung.
Während in Deutsch-Weisskirch die riesige Kirchburg nur Dank einer alten Bäuerin weiterhin zu besichtigen ist, fließen anderswo Fördergelder: An Katzenburgs Dorfstraße liegt ein fußballfeldgroßer Spielplatz. Schnurgerade führen die mit gleichförmigen Kieseln ausgelegten Wege Richtung Zentrum. Rechts und links sind Baumreihen symmetrisch angepflanzt worden. Alle eineinhalb Meter steht ein Trieb. Die beiden Jungbäume direkt am westlichen Eingang hatten Pech. Ihr Standplatz war im Schatten der alten Eiche, die den Jünglingen von Anfang an Wasser und Licht abfraß. Vertrocknet hängen noch drei Blätter an ihren dürren Ästchen. Der Ordnung halber wurden zwischen jeden zweiten Baum Mülleimer aufgestellt. Parkbänke stehen rechtwinklig ausgerichtet neben Schaukel, Rutsche und Klettergerüst. Das einzige, was sich auf diesem Spielplatz bewegt, ist indes die große Fahne der Europäischen Union am Eingang. Wobei für den Eingang selbst die Gelder nicht mehr reichten: Der Abwassergraben umrahmt den Platz und zieht eine Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit.
Letztere tönt nur 50 Meter weiter laut um die Ecke. Im Romadorf haben rund 15 Kinder offensichtlich nur darauf gewartet, endlich im Kreis um mich herum laufen zu können und dabei „Bonboni!“ zu rufen. Von den gut 20 Millionen Rumänen sind knapp drei Millionen Roma. Besonderer Beliebtheit erfreuen sie sich nicht gerade. Nach der Revolution gehörten sie zu den ersten Entlassenen, die wenigsten unter ihnen zahlen heute Einkommenssteuer. Inwieweit sie keine Arbeit suchen oder finden, ist schwer nachzuprüfen. Die meisten haben jedoch viele Kinder, für die sie vom Staat Unterstützung erhalten.
Eigentlich ist das Kindergeld an den regelmäßigen Schulbesuch gebunden; Fakt ist jedoch, dass viele Roma ihre Kinder nicht oder nur wenige Jahre zur Schule schicken. Etwa die Hälfte kann weder lesen noch schreiben. Die Lehrer, froh sich mit den Ungewünschten nicht herumschlagen zu müssen, unterschreiben dennoch jedes Jahr Zeugnisse, so dass alle zufrieden sind und niemandem gedient ist.
Während in Bukarest diverse Prachtbauten von mit Altmetallhandel zu Geld gekommenen Roma zu bestaunen sind, leben die Katzendorfer Verwandten ums Eck vom EU-Spielplatz in einfachsten Häusern. In den Fenstern hängt Plastik statt Glas, Wellblech ersetzt die Ziegeln auf dem Dach. Fließend Wasser hat hier niemand, aber das geht dem größten Teil des Dorfes so. Seit Jahren wird über die Errichtung eines Wasserleitsystems im Gemeinderat debattiert, derweil die Menschen immer noch ihr Wasser aus Brunnen am Straßenrand oder Hofgarten holen. Strom allerdings gibt es, und Fernsehen natürlich auch. An fast jedem Haus klebt eine Satellitenschüssel.
Aber Bonbons sind offensichtlich Mangelware. Zum Glück war ich gestern beim Dorfkrämer und habe mich gut eingedeckt. Ich frage die Kinder, ob sie mir den Weg zum deutschen Friedhof zeigen können. Unter einer Hecke hindurch führen sie mich zu einem Loch in der Mauer. Und teilen schubsend, prügelnd und schreiend die Bonbonis unter sich auf. Nach einem prüfenden Blick in meine jetzt wirklich leere Tasche fragt mich der vielleicht siebenjährige Anführer korrekt, ob ich noch irgendeinen Wunsch hätte. Nein, Danke, mehr als den Friedhof, gibt es hier nicht zu finden. Das Rudel zieht ab, zurück in ihre Siedlung. Auf der EU-Schaukel ums Eck hat vermutlich noch keiner von ihnen gesessen.
Der deutsche Friedhof liegt auf einem Hang etwas oberhalb ihrer Siedlung. Von hier hat man einen guten Überblick über den Ort, wo die Deutschen tot sind und die Roma leben. Mancher Sachse scheint indes nie gestorben. Über den verwilderten Friedhof schlendernd, entdecke ich diverse Untote. „Hier ruhen im Herren Sara Schuffert geb. Lierenz geb. 1898 gest. 1968 und ihr Gatte Georg Schuffert geb. 1895 gest. 19“. Hinter der 19 verbleibt eine Lücke. Vermutlich ist Georg nach der Revolution nach Deutschland gezogen, während sein Grab in der Heimat noch immer auf ihn wartet. Auch „Katharina Mathia geb. Jurati ist 1906 geboren“ und nie verstorben. Schräg hinter ihrem verwaisten Grab erinnert ein Stein an Katharina Müller, „geb. 1923, durch Kriegsereignisse vermisst“. Ein frisches Grab findet sich auf der deutschen Seite nicht. Weiter den Hang hinauf liegen jedoch Gräber der ungarischen Minderheit. Hier herrscht noch Leben und damit Tod, ein Grab ist frisch aufgeschüttet, Blumen liegen auf der Erde.
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Kategorie(n): Ausland

