Hansjörg Müller 28.01.2012 11:22 +Feedback
Altersjahre einer Revolutionärin
Meryl Streep zeigt uns Margaret Thatcher als hilflose und gebrechliche alte Dame
Es ist ein Wunder mit umgekehrten Vorzeichen: kein Licht in der Dunkelheit, sondern das Gegenteil. Kabinettssitzung in Downing Street Number 10. Die einzige Frau in der Herrenrunde klagt über die mächtigen Gewerkschaften, die das Land als Geisel genommen hätten: Der Müll bleibe auf den Straßen liegen, nicht einmal die Toten würden mehr beerdigt. Von ihren männlichen Kollegen wird die Ministerin ignoriert. Nur kein Konflikt mit den mächtigen Trade Unions, beschwört der Premier seine Minister. Auf einmal gehen die Lichter aus. Stromausfall. Die Bildungsministerin hatte recht: Großbritannien ist ein Land, in dem nichts mehr funktioniert. Schweigen im Saal. Und dann: Licht. Aber nur ein ganz klein wenig. Es ist der blitzende Verschluss von Margaret Thatchers Handtasche. Eine Frau, die zunächst nicht ernst genommen wird und schließlich doch recht behält. Es ist, als hätte eine höhere Macht eingegriffen, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.
Doch eigentlich dreht sich Phyllida Lloyds Film «The Iron Lady», der diese Woche in den britischen Kinos anlief, weniger um Politik als vielmehr um eine hinfällige alte Dame. Die Anfangsszene: Die 86-jährige Lady Thatcher (Meryl Streep), gezeichnet von ihrer Demenz-Erkrankung, verlässt ihr Londoner Haus, um einzukaufen. Schon ein einfacher Gang zum Lebensmittelladen wird zum Abenteuer mit schwer kalkulierbarem Ausgang. Eine alte, gebrechliche Dame versetzt ihre Pfleger in Angst und Schrecken. Auf den Straßen des heutigen London wirkt sie wie eine Fremde, ein Relikt vergangener Zeiten. Später, am Esstisch, spricht sie mit ihrem Ehemann Dennis (Jim Broadbent) – doch Dennis ist bereits seit sieben Jahren tot. Die einstmals von Freund und Feind gefürchtete Premierministerin ist nicht mehr Herrin ihrer Sinne. «Sie kleidet sich wie eine Frau aus den 1930er-Jahren», hieß es 1957 in einem BBC-internen Memo über die konservative Jungpolitikerin, die sich anschickte, für das Unterhaus zu kandidieren. «Ihr Charme besteht darin, dass sie nicht wie eine Karrierefrau aussieht.» Nicht nur die hinfällige alte Frau, auch schon die junge Abgeordnete wirkte, als sei sie aus ihrer Zeit gefallen: altmodische Hüte, hochgeschlossene Kostüme, Perlenketten. Wer prophezeit hätte, dass die Krämerstochter aus der Provinz einmal in die Downing Street einziehen könnte, wäre für unzurechnungsfähig erklärt worden. Eine Frau als Premierministerin, das war auch 1979 noch eine Sensation. Der Film zeigt, wie Thatcher als junge Abgeordnete 1959 zum ersten Mal das Unterhaus betritt. Es ist ihr hellblauer Hut, der auffällt – in einem Meer von Halbglatzen.
Wofür sie als Politikerin stand, zeigt Lloyds Film in einigen Rückblenden: Der Kampf gegen die übermächtigen Gewerkschaften. Eine rigorose Haushaltspolitik. Eine skeptische Haltung
gegenüber Brüssel. 1982 führte sie Krieg gegen Argentinien um ein paar Inseln, die spärlich bewohnt waren, von einigen wenigen Nachkommen englischer und schottischer Siedler und von noch mehr Schafen. Man sprach vom Krieg am Ende der Welt, spottete über einen Militäreinsatz, den man für ein letztes Aufbäumen eines überkommenen Kolonialismus hielt – und verkannte dabei die symbolische Dimension des Falkland-Konflikts. «Wir haben aufgehört, eine Nation auf dem Rückzug zu sein», sagte eine triumphierende Premierministerin, nachdem die letzten britischen Soldaten vom Ende der Welt zurückgekehrt waren. Von einer schnauzbärtigen südamerikanischen Militärjunta wollte sich die Dame mit den sorgfältig ondulierten Dauerwellen nichts gefallen lassen. Als Ronald Reagans Außenminister Alexander Haig intervenierte, ließ sie ihn abblitzen. Die Amerikaner wollten keinen Krieg in ihrem Hinterhof und forderten von den Engländern, mit den argentinischen Generälen zu verhandeln. Doch die Eiserne Lady blieb hart. «Eine Nation auf dem Rückzug», diese Worte sind es, die uns Margaret Thatchers politische Vorstellungswelt erklären. Großbritannien hatte den Zweiten Weltkrieg gewonnen, aber danach den Frieden verloren. Vor dem Krieg war das Rosa des britischen Weltreiches die dominierende Farbe auf jedem Globus gewesen. Nach dem Krieg gingen die asiatischen und afrikanischen Besitzungen nach und nach verloren. Der Lebensstandard im Mutterland stieg zunächst, doch in den 1970erJahren begann die britische Wirtschaft zu stagnieren. Die verschiedenen Regierungen scheuten die Konfrontation mit mächtigen Gewerkschaftschefs wie dem knorrigen Bergarbeiterführer Arthur Scargill. Auch Thatchers Parteifreund Edward Heath versuchte, sich mit ihnen zu arrangieren. Doch kaum war Thatcher in Downing Street eingezogen, suchte sie die Konfrontation.
Margaret Thatcher war eine konservative Revolutionärin. Sie veränderte ihre Partei grundlegend – in politischer wie in gesellschaftlicher Hinsicht. Politisch rückten die Tories nach rechts. Soziologisch wurden sie von einer Partei wohlmeinender und konfliktscheuer Honoratioren zu einer Partei ehrgeiziger, kleinbürgerlicher Aufsteiger. Hatten die alten Tories ihre Vermögen meist geerbt, so kamen nun Selfmade-men ans Ruder, die ihr Geld erarbeitet hatten. Sie waren vor allem an einem interessiert: niedrigen Steuern und Abgaben, einem sparsamen Staat, wenig Bürokratie. Die kleinen und mittelgroßen Unternehmen seien das Rückgrat der Nation, gibt Alfred Roberts seiner Tochter mit auf den Weg. Dass die sich so gut mit Ronald Reagan verstand, ist sicher kein Zufall: Der frühere Hollywood-Mime war der Sohn eines irischen Arbeitslosen aus dem Präriestaat Illinois. Auch er hatte sich nach oben gearbeitet – in einer Partei, in der ehrgeizige Männer aus dem Westen das alte Ostküsten-Establishment immer mehr verdrängten. Viele Briten glauben, für Thatcher sei ihre Herkunft aus der unteren Mittelschicht ein weit größeres Handicap gewesen als ihr Geschlecht. Wie nirgendwo sonst auf der Welt lässt sich in England die soziale Herkunft eines Menschen an seinem Akzent ablesen. Um ihre Herkunft zu verleugnen, musste die Nachwuchspolitikerin Sprechtraining nehmen. Die Rolle der Upper-Class-Britin, welche die Amerikanerin Streep mit stupender Sicherheit beherrscht, ist schon einmal mühsam einstudiert wurden: von der jungen Margaret Roberts. Wie mühevoll es für die junge Frau aus der Provinz war, das Partei-Establishment zu überzeugen, wird im Film deutlich, als sie sich zum ersten Mal um einen Wahlkreis bewirbt: Die lokalen Tory-Granden kommen zusammen, um die Kandidatin auf Herz und Nieren zu prüfen. Die junge Dame scheint vernünftige politische Ideen zu haben. Doch die härteste Prüfung steht ihr noch bevor: das Dinner. Ein junger Geschäftsmann greift ritterlich ein: Dennis Thatcher, ihr späterer Ehemann, zeigt der Aufsteigerin, welcher Gang mit welchem Besteck gegessen wird.
Besuch in der Redaktion des «Spectator». Der «Spectator» ist in England eine Institution. Die Auflage der Zeitschrift ist klein, gerade einmal 50.000 Exemplare, doch ihr Einfluss ist nicht zu unterschätzen: Der «Speccie», wie seine Leser ihn liebevoll nennen, gilt in Großbritannien als Leib- und Magenorgan des intellektuellen Konservatismus. Als Margaret Thatcher für den Parteivorsitz kandidierte, war der «Spectator» die einzige Zeitschrift, die sie darin unterstützte. Selbst dem konservativen «Daily Telegraph», der heute zuoberst auf der Thatcher-Gedenkwelle reitet, war das Auftreten der Ex-Ministerin aus der Grafschaft Lincolnshire zu schrill. Chefredaktor Fraser Nelson empfängt uns in den holzgetäferten Redaktionsräumen in der Nähe des Parlaments. Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen, Nelson und sein fünfköpfiges Team befänden sich in einem Clubhaus. Whiskeytrinkende ältere Herren könnte man sich hier eher vorstellen als hart arbeitende Redaktoren. «Mister Nelson, hat Maggie Thatcher England gerettet?» Der Schotte Nelson, der immer noch aussieht wie ein hochaufgeschossener Public-School-Boy, ein englischer Privatschüler, sagt: «Wenn sie die Macht der Gewerkschaften nicht gebrochen hätte, wären wir heute ein Land wie Portugal oder Griechenland.» Nelson selbst hat Lady Thatcher noch vor wenigen Monaten getroffen. Sie sei krank, habe aber ab und zu noch ihre klaren Momente. Als er sich ihr als «schottischer Tory» vorgestellt habe, habe sie gescherzt: «Ah, Sie sind also der schottische Tory.» Nelson lacht lausbubenhaft über die Anspielung auf die Schwäche der Konservativen nördlich des Hadrianswalls. Und dann sagt er etwas, was manchen Kontinentaleuropäer zuerst einmal überraschen wird: «Heute könnte sie nicht mehr Regierungschefin werden.» Warum? «Weil sie eine Krämerstochter war.» Heute könne
man es fast nur noch als Millionär in die Regierung schaffen. Ein Konservativer kritisiert Camerons Kabinett der reichen Leute. Leistung statt Privilegien. Ein Konservatismus, wie er Alfred Roberts und seiner Tochter gefallen hätte. In England wird dieser Tage aber vor allem eine Frage diskutiert: Darf man eine lebende Person alt und hinfällig zeigen? Premierminister David Cameron sagte: «Ich wünschte mir, Phyllida Lloyd hätte den Film irgendwann zu einem anderen Zeitpunkt gemacht.» Es gehe in ihm «mehr um das Älterwerden und Demenzerscheinungen als um eine großartige Premierministerin». Der frühere Außenminister Douglas Hurd nannte den Film «makaber». Das Alter, stöhnte Charles de Gaulle, sei «ein immerwährender Schiffbruch». Alte Politiker verlieren ihren Schrecken. Plötzlich würden sie lächerlich, meinte der österreichische Dramatiker Thomas Bernhard. Man beobachte dann alte Männer, wie sie im Wiener Türkenschanzpark auf der Bank säßen, die Vögel fütterten, und dabei rinne ihnen die «Alterssoße» aus den Mundwinkeln. Und das, so denke man, das sei dann der berühmte Minister XY gewesen.
Man kann es auch anders sehen: Meryl Streeps «Eiserne Lady» enthalte «mehr Sanftheit als Stahl», schreibt die «Los Angeles Times» anerkennend. Es ist eine verletzlich wirkende Thatcher, die Streep uns zeigt, Lichtjahre entfernt von der Regierungschefin, die Minister und Oppositionsführer vor aller Augen zusammenstauchte. Dass Thatcher heute zuerst als Mensch und dann als Politikerin gezeigt wird, sagt einiges über ihren Imagewandel aus: Aus der Regierungschefin, die polarisierte wie keiner ihrer Vorgänger und keiner ihrer Nachfolger, ist eine nationale Ikone geworden. Das liegt weniger daran, dass ihre politischen Ideen nun allgemein akzeptiert würden. Eher zeigt es, dass sie inzwischen zur historischen Figur geworden ist. Auch Napoleon wird heute nicht mehr gehasst, obwohl er einmal die englischen Küsten erobern wollte. Mittlerweile wird sogar diskutiert, ob Thatcher ein Staatsbegräbnis erhalten soll, eine Ehre, die bisher nur zwei Regierungschefs zuteilwurde: David Lloyd George und Winston Churchill, den Premierministern, die das Land durch die beiden Weltkriege führten. Was Maggie Thatcher dazu sagt, weiß keiner. Eines aber ist bekannt: Den Film, der in England als Kino-Ereignis des Jahres gilt, wird sie sich nicht ansehen.
Erschienen in der „Basler Zeitung“ vom 8. Januar 2012


