11.01.2013   19:16   Leserkommentare (0)*

Alexandra Belopolsky und das Ende des Zweiten Weltkriegs

Hans-Peter Rösler

In die Menge der Augsteinverteidiger hat sich auch die israelische Journalistin Alexandra Belopolsky eingereiht (FAZ).
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/antisemitismus-debatte-israel-gehoert-nicht-seiner-regierung-12016138.html

Am Ende ihres Artikels zieht sie das Fazit: „Vielleicht ist die Zeit endlich reif zu sagen: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Lass uns über die Gegenwart reden.“

Dies erscheint reichlich naiv: Beide Parteien wollen nichts weniger als einen Schlussstrich ziehen. Den Verteidigern Jakob Augsteins geht es nämlich nur darum, Antisemitismus, der sich hinter Israelkritik verbirgt, auf eine bestimmte Richtung einzugrenzen - nämlich Rechts; wobei als „Rechter“ gilt, wen aus¬schließlich sie als „Rechts“ anzusehen geruhen. Dies bestreitet die Gegenpartei mit ihrer Augsteinkritik entschieden.

Bei vielen der Augsteinapologeten, vor allem den aggressivsten, die jetzt von der Antisemitismuskeule sprechen, handelt es sich allerdings meist um dieselben, die z. B. Martin Hohmann und Klaus Möllemann ohne viel Federlesens zu Antisemiten erklärt hatten und Thilo Sarrazin zum Rassisten. (Fairerweise ist festzuhalten, dass einige, die jetzt Augstein unterstützen, auch Sarrazin verteidigt hatten).

Der breite linke Strom hat in der Vergangenheit also selbst gern und oft die große Rassismuskeule geschwungen, um unliebsame Störer los zu werden und gedenkt es weiter zu tun; seit geraumer Zeit wirft man auch gern mit „Islamophobie“ um sich.

Jetzt trifft es die Alleinvertreter des Wahren, Guten und Schönen selbst (denn was ist Antisemitismus anderes als Rassismus). Das tut weh und nagt an der Selbstgefälligkeit!

Daher die Vehemenz der Reaktion nach dem Bekanntwerden von Augsteins Platz 9 auf der „Bestenliste“ des SWC in LA und die ohnmächtig-wütenden Ausfälle gegen Henryk M. Broder, den man dafür verantwortlich macht.

Dieses Verhalten ist aber nur richtig zu verstehen, wenn man konstatiert, dass die Augsteinkampagne, also die Auseinandersetzung über legitime und illegitime (=antisemitische) Israelkritik, nur die Folie bildet für etwas Tiefergehendes. Sie ist nämlich ein Teil der sich schon lange hinziehenden ideologischen Auseinandersetzung darüber, wem hierzulande (und in Europa) die Definitionshoheit über Gut und Böse gebührt, und wer damit die Schlüssel zur Zukunft unserer Gesellschaft in der Hand hält.

Ich gestehe, dass ich eigentlich nicht entscheiden könnte, wo legitime Kritik an Israel aufhört und der jetzt vielbeschworene „wahre“ Antisemitismus beginnt, bin aber in der Lage, die betreffenden Textstellen von Hohmann, Möllemann und Augstein miteinander zu vergleichen.

Mit einer gewissen Neutralität betrachtet (also nicht mit ei-nem Blick durch die ideologisch gefärbte Brille als Einstieg in den hermeneutischen Zirkel), kann man nur zu folgendem Schluss kommen: Sind Hohmann und Möllemann Antisemiten, dann ist es auch Augstein. Ist Augstein kein Antisemit sondern hat nur unbedacht etwas gesagt, was man als antisemitisch interpretieren könnte (so sinngemäß die jüngste Erläuterung des SWC), dann trifft dies auch auf die anderen zu.

Allgemeiner formuliert:

Setzt man die Kriterien an, welche die jetzt hyperventilierenden Linksbürger und -Extremisten einst gegen Hohmann, Möllemann und Sarrazin ins Feld geführt hatten, dann ist Augstein ein Antisemit, also Rassist, ein genuin linker Rassist.

Broder hat diese Konsequenz gezogen und damit als Winkelried eine „Gasse“ in die Phalanx der Meinungsoligarchie geschlagen (die sich - auch Dank Frau Belopolsky – sicher bald wieder schließen wird). Deshalb bespritzt man ihn (nicht zum ersten Mal) mit Hass und versucht ihn zu marginalisieren.

Interessanterweise verwenden die meisten der Augsteinverteidiger diejenigen Argumentationsstrukturen (u. a. „Verwässerung ei¬nes Begriffs“, „Abwürgen jeglicher Kritik“, „Totschlagargument“, Zweifel an der Kompetenz von Institutionen), die sie in den Sarrazinkampagnen den Unterstützern Sarrazins als unzulässig oder als „rechts“ vorgehalten hatten.

Der Zweite Weltkrieg ist also in den Köpfen noch lange nicht vorbei; er ist nur zu einem langen Abnutzungskrieg mit hin und wieder wechselnden Bündnissen geworden – in Deutschland, aber auch in anderen Ländern Europas.

Dr. Hans-Peter Rösler, geb. 1960 in Haburg, Musikwissenschaftler, schreibt über Musiktheorie und Musikästhetik

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Kategorie(n): Inland 

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