04.09.2008   15:20   +Feedback

Aktenzeichen XY ungeliebt. Ein Rückblick

Gestern Abend lief eine neue Folge der ZDF-Fahndungssendung „XY ungelöst“. Wenn alles mit linken Dingen zuginge, wäre sie längst vom Bildschirm verschwunden. Erfunden von Eduard Zimmermann 1967, im Vormärz der Studentenbewegung, war sie von Anfang an Linken und Linksliberalen zutiefst verhasst. „Menschenjagd“ lautete der übliche Vorwurf an die Adresse des ZDF, das damals als reaktionär galt („Adenauerfernsehen“)…

Dahinter stand die aufkommende, bis heute im Sozialpadägogenmilieu weit verbreitete Vorstellung, nicht die Verbrecher seien für ihre Taten verantwortlich, sondern „die Gesellschaft“ - die kapitalistische, natürlich. Nach der Revolution würden auch die bisweilen leicht befremdlichen Verhaltensweisen von Räubern, Vergewaltigern und Mördern sich unvermeidlich zum Guten hin verändern. Bis dahin sollte man sie verdammt noch mal in Ruhe lassen, diese unangepassten, von allen gemein diskriminierten Außenseiter.

Ulrike Meinhof, die demnächst auf den Bildschirm zurückkehrt, hatte in einer ihrer immer verblendeter werdenden Kolumnen in „konkret“ die ideologische Marschrichtung vorgegeben. Statt Nazischergen würden Ersatzfiguren zu „Sündenböcken“ gemacht, „die Ursachen der Kriminalität“ verschleiert. Zitat:

„Die Fernsehserie Aktenzeichen XY ungelöst ist ein riesiger Betrug an den Zuschauern, der nicht durchschaut wird, weil er einer ganzen Reihe echter Bedürfnisse entgegenkommt. Sie dürfte nicht zuletzt eine Testsendung sein, vermittels derer feststellbar ist, inwieweit Kriminelle sich als Hassobjekte in Deutschland und Österreich eignen und inwieweit Deutsche und Österreicher auf diese faschistische Weise mobilisierbar und gleichzeitig kontrollierbar sind...“ (konkret 17/1968).

„Ganoven-Ede“ Zimmermann, ein stramm Konservativer, bekam zeitweise mehr Drohbriefe als mit ihm befreundete CSU-Politiker und musste sein Privathaus schwer verschanzen lassen. Vor Politgangstern, nicht so sehr vor Ganoven. 1970 wollte es die Ironie der Fernsehgeschichte, dass Ulrike Meinhof selber in Aktenzeichen XY ungelöst auftrat. Als Gesuchte.

Ihre Verschwörungstheorien sind derzeit nicht mehr so gefragt. Heute verabscheuen liberale Fundis und grüne Multikultiromantiker die Sendung aus anderen Gründen. Sie zeigt nämlich die Täter in Großaufnahme - die meisten von ihnen Schwerverbrecher wie Mörder, Totschläger, bewaffnete Räuber, Alte-Menschen-Quäler, Bandenkriminelle. Deren Namen und Gesichter gehören in weit überproportionaler Zahl, gemessen an der Gesamtbevölkerung, zu meist jungen Männern aus Ost- und Südosteuropa, der Türkei und dem arabischsprachigen Raum. So weisen es auch regelmäßig die Kriminalstatistiken aus, vorausgesetzt, sie wurden nicht von Christian Pfeiffer bearbeitet. Die modernen Methoden der politisch-korrekten Täteridentitätsverschleierung, die es mittlerweile bis in die Provinzblätter geschafft haben, sie können bei XY ungelöst einfach nicht funktionieren. Ohne Fakten zur Person und Sprache kann man einen Täter auch beim besten Willen zum Gutmenschentum unmöglich zur Fahndung ausschreiben.

Warum das ZDF, das der ARD an politischer Mainstream-Beflissenheit gewöhnlich nicht nachsteht, an seinem alten Format festhält? Die Sendung hat ja weder Chancen auf einen Grimme-Preis, noch zeitigt sie sonderliche hohe Fahndungserfolge. Aber sie ist in der Produktion nicht teuer, kommt ohne Stars aus und erreicht trotzdem vier Millionen Zuschauer. Neun Prozent davon entfallen auf die begehrte Zielgruppe der 18 – 49jährigen. „Die Sendung“, schrieb Ulrike Meinhof in ihrer denkwürdigen konkret-Kolumne, „ist gut gemacht. Sie hat Unterhaltungscharakter auf Kriminiveau“. Auf den Punkt gebracht.


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