23.04.2007   23:01   +Feedback

Airbag der internationalen Sicherheit

Eine Frage treibt die Gegner des geplanten US-Raketensystems in Europa um: Was wollen die Amerikaner wirklich? Der Schutz gegen Raketen aus „Schurkenstaaten“ wie dem Iran scheint ihnen als Argument unglaubwürdig. Stattdessen fürchten sie, mit dem System werde ein Wettrüsten eröffnet, denn es zwinge Moskau, neue Raketen zu bauen, um seine Abschreckungswirkung zu erhalten.

Von dem historischen Treppenwitz mal abgesehen, dass sich deutsche Politiker aus Koalition und Opposition neuerdings Gedanken um das russische Abschreckungspotenzial machen, wäre mehr Sachlichkeit in der Debatte hilfreich. Denn das geplante System ist viel zu klein, um Russlands riesiges Raketenarsenal zu gefährden. Auch die Behauptung, Moskau sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden, ist sehr gewagt: Seit 2002 diskutiert die Nato das Thema Raketenabwehr ganz offen. In dieser Zeit haben gemeinsame Manöver der Nato und Russlands stattgefunden.

Vergleiche mit dem Kalten Krieg sind deshalb unsinnig. Das System reflektiert eine ganz andere Bedrohung: Seit die Blöcke und deren Kontrolle über alle Vasallen weggebrochen sind, ist völlig unsicher, welcher Warlord oder welches Regime morgen über konventionelle oder Atomraketen verfügt. Sicher, noch gibt es diese Art Bedrohung nicht konkret - aber manchmal ist es sinnvoll, schon im Voraus eine Antwort parat zu haben. Airbags folgen dieser Erkenntnis, eine gute Sicherheitsarchitektur auch.

US-Verteidigungsminister Robert Gates hat den Russen, die längst selbst an einer Raketenabwehr bauen, die Hand gereicht. Diese haben abgelehnt und eine neue Begründung nachgeschoben - diesmal ist ihnen das System zu nah dran. Langsam wird deutlich, dass Europa sich eine andere Frage stellen sollte: Was genau wollen eigentlich die Russen?

Kommentar im Kölner Stadt-Anzeiger, 24.04.07


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Inland  Ausland