David Harnasch 21.12.2011 21:21 +Feedback
Äquidistanz gone wild
Auf evangelisch.de schreibt Miriam Bunjes einen sehr lesenswerten Artikel über das Verhältnis zwischen Journalisten und NGOs: Auf der Seite der Guten.
Exemplarisch für die journalistische Unsitte der Äquidistanz bzw. des “He said she said journalism” sei hier ein Statement der attac-Sprecherin Frauke Disthelroth angeführt.
Überbewertet werden NGOs von den Medien nicht, findet Frauke Distelroth, Pressesprecherin von attac. “Die Mainstream-Medien stützen sich noch immer zu stark auf Parteipolitiker und Behörden und als letzte Stimme, hinten im Beitrag, sagt jemand von einer NGO etwas – als Stellvertreter für die Zivilgesellschaft.” Das entspreche nicht der Relevanz von NGOs in der Gesellschaft und sei auch deshalb problematisch, weil eine einzelne NGO ja immer nur für ihren Themenbereich spreche.
“Es bessert sich gerade etwas”, sagt die gelernte Journalistin. “Immerhin werden nach Demonstrationen meist auch unsere Teilnehmerzahlen genannt – vor einigen Jahren waren es fast immer nur die der Polizei und die wichen oft stark von unseren ab.”
Würde ausgerechnet die Pressesprecherin einer NGO öffentlich sagen, dass NGOs von den Medien überbewertet sind, würde sie zu recht sofort ins Archiv versetzt. (In zivilisierten Gesellschaften natürlich fristlos gefeuert, aber in Deutschland ist erwiesene Unfähigkeit bekanntlich kein Kündigungsgrund.) Interessant ist das nicht, sondern ein ähnlich evidenter Sachverhalt: Die Teilnehmerzahlen von Demonstrationen attacs in Deutschland werden von der Polizei und Attac “stark” unterschiedlich eingeschätzt. Dass die Zahlen attacs neuerdings häufiger unkommentiert gleich gewichtet von den Medien kommuniziert werden, ist aber mitnichten ein Zeichen irgendeiner “Besserung”.
Wenn die syrische “Polizei” gravierend andere Angaben über Demonstranten, Tote und Verletzte macht, als Organisatoren bzw. Beteiligte dieser Proteste, dann müssen selbstverständlich beide Zahlen genannt werden, es sei denn, der Reporter hat zuverlässigere Quellen. Nur zeichnen sich Unrechtsregime eben genau dadurch aus, dass die Proklamation vieler Wahrheiten mit dem Tode bestraft wird, weshalb das selten der Fall sein dürfte. (Was übrigens jede Gleichgewichtung freier Israelischer und despotischer Arabischer Quellen von vornherein verbietet, dies aber nur nebenbei.)
Wenn Herr Pofalla die Auswirkungen eines steuerpolitischen Vorschlags gravierend anders einschätzt als Frau Nahles, dann ist es ebenfalls angemessen, über beide zu berichten.
Dass attac ein Interesse daran hat, Teilnehmerzahlen an eigenen Demos zu übertreiben, ist evident. Würden sie sie untertreiben, oder auch nur realistisch darstellen, hätte ich ein moralisches Anrecht auf Zurückerstattung meiner Spenden.
Wie sieht nun die Interessenlage der Polizei aus? Zunächst mal versteht sich die Polizei bei einer ordnungsgemäß angemeldeten Demo nicht als Antagonist der Demonstranten, sondern versucht, die Demo “ordnungsgemäß” über die Bühne zu bringen. Also unter Wahrung des Demonstrationsrechts dafür zu sorgen, dass keine Gewalt ausbricht oder Unbeteiligte über Gebühr belästigt werden. Die Polizei hat Jahrzehnte Erfahrung in der Einschätzung von Menschenmassen und im Gegensatz zu Mubarak wird Angela Merkel wohl kaum die Anweisung an Hauptkommissar Hinterhuber geben, per amtlicher Falschpropaganda den Systemumsturz durch ein paar verwöhnte Akademikerkids zu verhindern.
Was passiert, wenn der verantwortliche Hauptkommissar Hinterhuber nun - wie von attac unterstellt - absichtlich die Teilnehmerzahl der Demo untertreibt? Bei der nächsten Demo gleicher Größe bekommt er, sofern alles glatt geht, weniger Personal zugeteilt. Was im Allgemeinen selten dem Interesse leitender Beamter dient. Entgleitet ihm aber die Situation, wirft es ein erbärmliches Licht auf seine Führungsqualitäten, dass schon - sagen wir - 3.000 statt der erwarteten und von attac behaupteten 6.000 Demonstranten ihm auf der Nase herumtanzen konnten.
Nun könnten sich die werten Kollegen darauf berufen, dass sie diese Gedankengänge bei Ihren mündigen Lesern als selbstverständlich voraussetzen, und daher lediglich alle relevanten Informationen liefern. Das glaube ich aus zwei Gründen nicht: Die meisten Kollegen denken selbst nicht so weit. Und die meisten die es tun, blicken auf ihre Leser voller Zynismus herab und genießen die Macht der verfälschenden Wirklichkeitsdarstellung, wenn es denn einer “guten Sache” dient. Und wie gefährlich das ist, davon handelt nun wieder der vorzügliche Artikel über NGOs und Berichterstattung.
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Kategorie(n): Inland


