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06.06.2008   10:34

Endsieg in Hemmoor. Bericht von der T-Shirt-Front

Hemmoor ist, wenn man trotzdem lacht. Sagt man in meiner Gegend. Wie wahr. Lesen Sie diese T-Shirt-Ode, gefunden im Drehregal einer Esso-Tanke der tristen norddeutschen Kleinstadt:

„Wenn meine Finger zärtlich deinen Hals berühren
Wenn sie deine feuchte Öffnung spüren
Weiß ich, du gehörst zu mir
Mein geliebtes Flaschenbier.“

Wer T-Shirts mit solchen Botschaften kauft (gern auch „Halt durch, bald ist Freitag!“ oder „Gerstensaft formte diesen edlen Körper“), gehört vielleicht nicht zur Kernleserschaft von Hans Magnus Enzensberger. Insofern war ich etwas verblüfft, dass im selben Regal auch ein Hemd mit dem kolorierten Antlitz des Ernesto Guevara de la Serna, genannt der Ché, angeboten wurde. Nun, 41 Jahre nach seinem Tod, ist es also endlich auch beim ländlichen Prekariat angekommen, das „stalinistische Bambi“ (Michael Miersch). Und ich dachte mir: manchmal liefert die Geschichte denn doch eine kleine, späte Rache ab.

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04.06.2008   14:43

Arschretter und Lifestyle-Kritiker. Eine Lesefrucht

Wohl nur in Deutschland kann es vorkommen, dass ein Buchautor auf der zweiten Umschlagseite so eingeführt wird: „Carl Hiaasen, Reporter und Starkolumnist des Miami Herald, ist einer der schärfsten Kritiker des amerikanischen Lifestyles“. Also, die Leute vom Goldmann-Verlag, wo einige von Hiaasens Büchern erschienen sind, schreiben nicht etwa: Carl H. hat eine tolle Schreibe, seine Plots sind ausgetüftelt wie das Leben, bei den Sexszenen geht einem das Messer in der Tasche auf oder so etwas. Nein, zuvörderst erwähnen sie, dass er den „amerikanischen Lifestyle“ kritisiert. Und zwar schärfstens!…

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02.06.2008   21:41

Mein liebstes Desinfo-Radio. Laudatio zum Zehnten

Liebes NDR-Inforadio,

du bist heute zehn Jahre alt geworden. Glückwunsch! sage ich, obwohl das natürlich überflüssig ist, denn du feierst dich ja schon den ganzen Tag lang selber. Schließlich bist du ein ARD-Sender, und unter Bescheidenheit leidet ihr Zwangsgebührenfunker zuletzt. Trotzdem will ich dir melden, dass du mein Leben bereichert hast, auf vielen langen Autofahrten ins Büro. Nie hast du mir den geringsten Anlass gegeben, meine solide gewachsenen Vorurteile zu überdenken. Nämlich die, dass die ARD zu ihrem größten Teil ein krass tendenziöser Haufen ist, angetreten und konstituiert, uns Hörer von früh bis spät mit einer Weltsicht zuzutexten, wie sie bei der SPD, den Grünen, den Gewerkschaften und – neuerdings aber hallo! – der SED-Nachfolgepartei herrscht (wie immer sich Letztere gerade nennt, komme da kaum noch mit)…

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24.05.2008   14:43

Chakra-Arbeit auf dem Land. Ein Fortbildungserlebnis

Den aktuellen Stand der Quitsch & Quatsch-Gesellschaft, bilde ich mir ein, kann man in der Provinz besser abrufen als in den Metropolen. Wenn in der überwiegend von Städtebewohnerinnen gelesenen „Brigitte“ geraten wird, zwischen vier und fünf Uhr früh irgendwelchen Qi Gong-Blödsinn zu treiben („Dann ist das Qi ins Organsystem Lunge eingetreten… wer jetzt Atemübungen macht, der verteilt frisches Himmels-Qi im ganzen Körper und leitet trübes Qi aus“) - was beweist das schon? Höchstens, dass in Ballungsgebieten sich auch genügend Verrückte, Hypochonder und Vereinsamte eines bestimmten Alters zusammen ballen, denen man erzählen kann, was man will. Vor allem, dass im Himmel Jahrmarkt ist. Und zwar das ganze Jahr über…

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20.05.2008   19:16

Einsatz in Hamburg (2). Dem Unrecht keinen Fußbreit

Der Landesdienst Nord der dpa meldet: “Nach der tödlichen Messerattacke auf eine 16-jährige Deutsch-Afghanin versucht die Mordkommission die Hintergründe des vermeintlichen ´Ehrenmordes´ aufzuklären. Es würden weitere Zeugen vernommen, sagte gestern Polizeisprecher Ralf Meyer.
Im Zentrum stehe dabei die Frage, ob es andere Personen gibt, die von der Tat gewusst haben oder die Tat gebilligt haben. Vor allem solle geklärt werden, ob der Verdächtige zur Tat angestiftet worden sei, möglicherweise im Auftrag der Familie gehandelt habe. Meyer sagte, dem tatverdächtigen Bruder des Opfers solle ein ´Vernehmungsangebot´ gemacht werden. ´Ob er das annimmt, wissen wir jedoch nicht´, sagte Meyer.
Das Alevitische Kulturzentrum Hamburg zeigte sich tief betroffen von der Tat, aber auch befremdet darüber, ´wenn hier davon ausgegangen wird, dass diese Tat aus einer Parallelgesellschaft geschehen sein soll. Für uns gibt es keine Parallelgesellschaften außer dieser einen Gesellschaft´, sagte Vereinsvorstand Cengiz Orhan.”

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19.05.2008   19:31

Schafft ein, zwei, viele Liechtensteins!

Steuern muss ich in Hamburg zahlen, obwohl ich in Niedersachsen wohne. Der Grund ist, dass die Leute beim für mich eigentlich zuständigen Finanzamt Cuxhaven zu dämlich sind, eine gemeinsame Veranlagung von mir und meiner Frau (wohnt in Hamburg) zu bearbeiten. Das Hamburger Finanzamt schafft das sehr wohl. Ärgert mich die Platze. Nicht, weil ich dadurch mehr zahle (beides kommt aufs Selbe hinaus), sondern aus anderen Gründen. Erstens braucht die schöne, aber strukturschwache Region, in der ich wohne, jeden verdammten Cent. Hamburg dagegen schwimmt in Steuergeld. Der Hauptgrund aber ist, dass ich ungern meine Kohle in ein Gemeinwesen stecke, deren Mitglieder zu erheblichen Teilen offenkundig politisch unzurechnungsfähig sind. Sonst hätten sie, die Hamburger, ja kaum für ein Wahlergebnis gesorgt, das Böcke zu Gärtnern macht – ausgerechnet in der prosperierenden Hafenmetropole stellen die grünen Bremsklötze von der GAL jetzt die Senatoren für Schule, Justiz und – bitte anschnallen! - Stadtentwicklung! Noch mehr trauerte ich um mein schönes Geld, als jüngst das Ergebnis einer Forsa-Umfrage bekannt wurde…

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16.05.2008   17:54

Kleine Brötchen. Günni Wallraff rides again

Günter Wallraff ist seit vielen Jahren - eigentlich schon seit Jahrzehnten – der ideale Kandidat für die letzte Seite des „stern“. Ja verdammt – Was macht eigentlich… Günni W.? Vom Mann, der bei „Bild“ den geschundenen Reporter Hans Esser mimte und später den ausgebeuteten Kumpel Ali gab; von einem, der mit seinen Sozialreportagen Millionen verdient hat, der Darling linker Sozen, Gewerkschafter, DKPler war, aber auch eine Ikone vieler Bürgerkinder, die zu Veranstaltungen mit ihm liefen, als sei der heilige Che Guevara auferstanden, mindestens – von diesem Mann also hatte man lange nichts gelesen…

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13.05.2008   17:36

Und ewig singen die Monster. Ein Medienschmarrn

Der Fall Fritzl hing mir, ehrlich gesagt, schon am dritten Tag nach bekannt werden zum Halse heraus. Er war schnell geklärt, und ebenso klar war, dass er nichts aussagte über ein Land oder auch nur eine Region – anders als der Fall Hoyerswerda, zum Beispiel. Ebenso klar war, dass die Medien das „Inzest-Monster“ noch lange ausweiden würden; von unten, von oben und von der Seite, wie die „Weltwoche“ den Mechanismus in ihrer letzten Ausgabe so treffend beschrieb. Die Arbeitsteilung geht so: Bild & Co. stellen ein Buffet mit den neuesten Ekelhappen in Körpersaftmarinade zusammen und befriedigen damit die gewöhnlichen Voyeuristen. So genannte Qualitätsblätter nudeln das Verbrechen durch den schwerstkritischen Wolf, fragen bang nach der „Verantwortung der Gesellschaft“, stoßen empört auf eine „Mauer des Schweigens“ (weil die Einwohner des betroffenen Ortes irgendwann von der selbstgerechten Journaille genug haben und die Klappe halten) und konstatieren schlussendlich eine Mitschuld „der Gesellschaft“ (weil die mit ihren Röntgenaugen ja jederzeit durch die dicken Verliesmauern des hoch intelligenten Ausnahmetäters hätte blicken können, nicht wahr)…

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