Beiträge von Prof. Dr. Ulrike Ackermann
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16.03.2012 09:12
Willkommen Joachim Gauck
Es ist schon kurios: ab Sonntag werden wir, wenn alles gut geht, einen leidenschaftlichen Kämpfer für die bürgerlichen Freiheiten zum Bundespräsidenten haben, den eigentlich keine der Parteien haben wollte. Der prompt entbrannte Streit um Joachim Gaucks Freiheitsverständnis spiegelt recht getreu wider, wie es in Deutschland um die Wertschätzung der Freiheit in der öffentlichen Debatte bestellt ist. Dieser eigensinnige ehemalige Bürgerrechtler und Diktaturaufklärer erlaubt es sich – dem Zeitgeist ganz gegenläufig –, die Freiheit als den wichtigsten Wert unserer westlichen Zivilisation zu preisen und zu verteidigen.
Er ist damit weder unpolitisch, monothematisch oder ewig gestrig, wie uns seine Kritiker von rechts bis links einreden wollen. Ganz im Gegenteil: Gaucks antitotalitären Freiheitsimpuls brauchen wir auch noch 23 Jahre nach dem Ende der zweiten deutschen Diktatur, wenn heute die Mehrzahl unserer Gymnasiasten nicht weiß, wie sich Demokratie und Diktatur voneinander unterscheiden. Auch sein Vertrauen in die parlamentarisch-repräsentativen Institutionen wird in Zeiten …
19.11.2011 12:44
Was ist der Markt?
In der aktuellen Diskussion um die Finanz-, Euro-, Schulden- und Wirtschaftskrise, um Staatsbankrotte, Europäische Stabilitätsfonds und milliardenschwere Rettungsschirme steht oftmals “der Markt” im Mittelpunkt der Kritik. Doch was genau ist gemeint, wenn von “dem Markt” geredet wird? Handelt es sich bei ihm um ein abstraktes, gesichts- und geschichtsloses Wesen? Müssen wir uns, wie Kritiker fordern, von ihm verabschieden? Sicherlich nicht! Aber, welche Argumente sprechen für “den Markt”? Zahlreiche interessante Gedanken und intellektuelle Anregungen sowie kulturhistorische Hintergründe zur Fundierung der gesellschaftlichen Debatte über “den Markt” stehen in dem Buch über die Kulturgeschichte des Marktes von Hans Jörg Schmidt.
Hans Jörg Schmidt
Kulturgeschichte des Marktes
Ein Essay zur Genealogie einer soziokulturellen Gegebenheit
140 Seiten, broschiert
Buchausgabe: 16,80 Euro
ISBN 978-3-941743-15-1
E-Book (PDF): 9,80 Euro
Frankfurt am Main 2011
Verlag Humanities Online
21.09.2011 22:11
Paternalismus und Ökodiktatur
Was waren das für schöne Zeiten, als die Idee eines geeinten freiheitlichen Europa die Bürger, Politiker und Märkte noch gleichermassen begeisterte! Aus dem ehrgeizigen Projekt ist im Zuge der Staatsverschuldungskrise ein ökonomischer und politischer Scherbenhaufen geworden. Die Vergemeinschaftung der Schulden mit immer gigantischer werdenden Rettungsschirmen geht einher mit einem atemberaubenden Entmündigungsprozess: einzelner Staaten, der nationalen Parlamente und natürlich der Bürger. Verträge werden gebrochen, demokratische Verfahren ausgesetzt und unterlaufen. Die Freiheit, verbunden mit Selbstverantwortung, bleibt auf der Strecke. Den Primat der Politik über die Ökonomie wollen EU-Bürokratie, die europäischen Regierungschefs und ihre Finanzminister durchsetzen. Das Heil sehen sie in noch mehr zentraler Planung, Lenkung, Egalisierung und Vereinheitlichung. Obwohl uns die Geschichte gelehrt haben sollte, dass dies uns gerade nicht auf dem Weg zu Freiheit, Demokratie und Wohlstand weitergebracht hatte. Doch erst recht in Krisenzeiten greifen Politiker gerne auf das von ihnen so geschätzte Instrument des Paternalismus zurück, nämlich in väterlicher Manier …
15.08.2010 20:09
Trauen wir uns!
Die vielzitierte Politikverdrossenheit der Bürger entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Parteienverdrossenheit und handfeste Enttäuschung über die Politik, die die konservativ-liberale Regierungskoalition seit ihrem Amtsantritt ihren Wählern zumutet. Denn die Bürger sind erwachsen und realistisch genug, um zu begreifen, dass die Rundumversorgung des Wohlfahrtstaates angesichts exorbitanter Staatsverschuldung und dramatischer demografischer Lage nicht mehr finanzierbar ist. Anstatt Koalitionsgezänk und parteiinterner Ränkeschmieden erwarten sie endlich eine Politik, die dieser Realität mit Tatkraft begegnet und Reformen auf den Weg bringt – und nicht ständig über selbst vermasselte Neustarts jammert. Die Kanzlerin scheut sich weiterhin, den Bürgern mehr an Selbstbestimmung und Eigenverantwortung „zuzumuten“. „Die Kraft der Freiheit“ beschwört sie nicht hier, sondern wie letztes Jahr in weiter Ferne vor dem amerikanischen Kongress. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass sie die Erfahrung mit dem sozialdemokratischen Partner in der großen Koalition tief berührt hat und sie ihm womöglich immer noch nachtrauert. Vom Aufbruch …
25.01.2010 14:34
Seyran Ates trifft den wunden Punkt
Seyran Ates: ‚Der Islam braucht eine sexuelle Revolution’, Ullstein Verlag, Berlin
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution, fordert die Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates in ihrem jüngsten Buch. Sie zählt zu den wenigen Islam-Dissidentinnen, die nicht nur den Islamismus kritisieren, sondern unerschrocken auf die großen Probleme hinweisen, die der Islam mit den westlichen Bürger- und Freiheitsrechten hat. Dafür zahlte sie in der Vergangenheit bereits einen hohen Preis: Nachdem sie bedroht, zusammengeschlagen und angeschossen wurde, gab sie zeitweise ihre Tätigkeit als Anwältin auf. Mit ihrer neuesten Streitschrift berührt Seyran Ates einen äußerst wunden Punkt: die Sexualität. Ob Individuen ihre Sexualität selbstbestimmt leben können oder eben nicht, darin sieht sie die gravierendste Kluft zwischen dem Westen und der muslimischen Welt. Als Ates 1969 aus der Türkei nach Deutschland kam erlebte sie selbst einen großen Kulturschock. In ihrer Kindheit und Jugend begleitete sie als ständige Mahnung das Wort „ayip“: unanständig. Ein …
14.12.2009 23:07
Die Zukunft des Kapitalismus und der Freiheit
Aus meinem neuen Essay-Band “Freiheit in der Krise?”
Roland Tichy
Noch haben wir gar nicht begriffen, welche Wucht die Krise wirklich entfalten kann: Millionen junger Menschen haben den Duft des Wohlstands kennengelernt – was geschieht, wenn der feine Duft verweht? Sie werden sein Verschwinden nicht tatenlos hinnehmen. In den damals demografisch jungen Gesellschaften Europas hat die Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre zu einer Radikalisierung beigetragen, die mit die Ursache des Zweiten Weltkriegs wurde. Der Aufstand der Jungen, die sich plötzlich um ihre Zukunft bedroht sehen, kann sich heute wiederholen. Zugegeben: In Deutschland ist davon wenig zu spüren. Rentner keifen, aber revoltieren nicht, jugendliche Stürmer und Drängler fehlen schon demografisch. Denn die überalterte Gesellschaft ist weniger unruhig, weniger explosiv. Vorerst federn wir die Krise mit dem Instrumentarium des Sozialstaats ab. Aber aus der Kurzarbeit kann schnell Arbeitslosigkeit werden; die Renten sollen weiter erhöht werden – aber die Generation der …
12.12.2009 14:40
Warum wir mehr Freiheit statt mehr Gerechtigkeit brauchen
Aus meinem neuen Essay-Band “Freiheit in der Krise?”
Vera Lengsfeld
In den gegenwärtigen turbulenten Entwicklungen auf dem Finanz-, und Arbeitsmarkt sieht sich die Politik unter besonderem Handlungsdruck. In allen westlichen Industriestaaten werden Staatsprogramme zur »Rettung« von Banken und Industriezweigen aufgelegt, deren Erfolg mehr als fraglich ist, die mit Sicherheit aber die ohnehin immens hohe Schuldenlast der Industriestaaten in weitere astronomische Höhen treiben. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung diesen »Rettungsschirmen « skeptisch bis ablehnend gegenübersteht, glaubt die Politik, nicht darauf verzichten zu können. Das frappierende an diesem Phänomen ist, dass die Rezepte, die jetzt zur Bewältigung der Krise zum Einsatz kommen, den gescheiterten sozialistischen Planwirtschaftsmodellen ähnlicher sind als den Wirkungsmechanismen der Marktwirtschaft, denen der Westen seinen beispiellosen Wohlstand verdankt. Nicht dem erfolgreichsten Wirtschaftsmodell der Geschichte wird vertraut, sondern das Heil in bereits gescheiterten Ideen gesucht. Das ist nur mit Unterstützung der Mehrheit der kulturellen und geistigen Elite …
11.12.2009 19:28
Gute Lebenswelt, böses System
Aus meinem neuen Essay-Band “Freiheit in der Krise?”
Gerhard Schulze:
Je mehr sich die Menschen dem Luxus zuwandten, desto geringer wurde die Not. Und das will einem nicht so richtig in den Kopf. Viel eingängiger ist die entgegengesetzte Botschaft der Bußprediger: Schluss mit der Gier, damit alle was vom Kuchen abkriegen. Das Gegenargument lautet: Ohne Gier entsteht erst gar kein Kuchen.
Vielleicht sollten wir deshalb, weniger moralisierend, besser »Begehren« oder »Habenwollen« sagen, auch aus Respekt vor der Freude der Menschen an Dingen, die ihnen gehören. In der Gierdiskussion liegt ein Element von asketischer Menschenverachtung, Neid und Lustfeindlichkeit. Um auf die Finanzkrise zurückzukommen: Natürlich wäre sie uns ohne die Begehrlichkeit der Menschen erspart geblieben, freilich nur deshalb, weil erst gar kein Finanzmarkt entstanden wäre. Wo es kein Geld gibt, ist man bestens gegen eine Finanzkrise gewappnet.
[…]
Eine zu große Schlichtheit …


