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09.12.2011   11:37

Bionade im Flachmann? Europa unterm Strich

Ist eine Epoche zu Ende, ist unter Umständen auch ihr Regelwerk Geschichte. Man kann zwar weiterhin auf der Stelle treten, aber die Stelle wird plötzlich woanders sein. Deutschland ist nicht mehr der Zwerg mit der Wirtschaftswundertüte. Der nationalsozialistische Furor ist historisiert, dagegen spricht nichts, auch nicht das Morden einiger extremistisch drapierter Verbrecher aus Zwickau.

Deutschland ist nicht Zwickau, aber Zwickau ist auch nicht der Ort, der dem oben genannten Trio und dem ihm verwandten Gesindel gehören würde. Der Osten Deutschlands ist nicht allein der braune Sumpf, den uns das Anschauungsmaterial des Empörungsjournalismus nahelegt, er ist auch der Ort einer vorbildlichen Verabschiedung von der sozialistischen Realmisere.

Die Leistungen, die in Ostdeutschland in den letzten zwei Jahrzehnten erbracht wurden, sind für jeden, der offenen Auges durch die Landschaft zu gehen versteht, in beeindruckender Weise erkennbar. Rufen wir uns mal das Bitterfeld der Achtzigerjahre in Erinnerung und vergleichen wir …

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25.11.2011   11:30

Typisch Deutsch? Oder bloß Europäer?

Diese, unsere Zeit lässt alles im Plural erscheinen. Plötzlich ist von Kulturen die Rede, von Märkten und Religionen. Der Plural lässt alles gleichwertig erscheinen, und damit beliebig. So, als wären die Grundlagen des Abendlands zufällig, und der Rest der Welt ein faszinierender Basar im Blick des Flaneurs.
Heute, da jeder Pauschaltourist aus Mönchen-Gladbach sich spätestens nach seiner dritten Reise als Weltbürger versteht, ist alles zum Karneval erklärt und in Ranking-Listen zusammengefasst. Wer die meisten Bierdosen mit dem Zeh öffnet, und wer am schnellsten den „Faust“ rückwärts liest, ist dabei. Weltweit.
Je schneller man um den Planeten kommt, desto mehr ähnelt alles Tun einer Panik, und die Touristenfrage: Wo sind wir?, kann unversehens zur bedeutsameren Formel: Wer sind wir? geraten. Damit aber wäre man in der größtmöglichen Verlegenheitssituation. Wer diese, in den Augen der Einheimischen schlichte Frage, nicht zu beantworten weiß, wird umgehend ein empathisches Lächeln ernten. …

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16.11.2011   03:19

Merkel & Löw

Gestern war einer dieser Tage, von denen man im Nachhinein gerne sagt, sie seien groß gewesen. Gestern also war ein großer Tag. Wir, die deutschen Zuschauer, haben das Fußball-Länderspiel gegen die Niederlande mit drei zu null gewonnen und Angela Merkel hat auf dem Parteitag in Leipzig das Bad Godesberger Programm der CDU durchgesetzt. Wenn man jetzt noch wüsste, wer die V-Männer in der rechtsextremen Szene sind, und vor allem wessen V-Männer sie dort sind, wären, aus der Sicht der Beobachter der Innenpolitik, so gut wie alle Probleme gelöst.

Trotzdem sind wir nicht zufrieden. Wir können es gar nicht sein. Als Deutscher blickt man gerne in die Zukunft. Dort findet man jenen Abgrund, der der Gegenwart fehlt. Während Angela Merkel zur mächtigsten Parteivorsitzenden in der neueren Geschichte der Christdemokraten gewählt worden ist, fällt uns dazu nichts weiter ein, als die Feststellung, sie habe weit und breit keine Rivalen mehr. …

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10.11.2011   06:46

Rückkehr der alten Linken?

Dass wir eine Krise haben, wurde in der Öffentlichkeit so erfolgreich vermittelt, dass die meisten Menschen fest davon überzeugt sind, obzwar sie kaum etwas davon zu spüren bekommen. Die Arbeitslosenzahlen sind offiziell die niedrigsten seit 20 Jahren. Davon redet aber niemand und es will es auch keiner hören. Wir haben null Inflation aber die größte Währungskrise, seit es das Geld gibt, und daran wollen wir auch ganz fest glauben.

Die Krise, die wir zu haben meinen, ist nicht eine am Puls der Zeit gemessene, sondern am Zeitgeist. Man weiß doch, dass nicht der Haushalt Griechenlands uns belastet, sondern die Tatsache, dass wir nicht wissen, warum Griechenland eigentlich finanziert werden sollte, warum es überhaupt Mitglied in einer Währungsunion ist, deren Voraussetzungen es nie erfüllt hat und auch nie erfüllen wird. Der Besitz der Akropolis, selbst ihr Bau, berechtigt nicht zum Beitritt in die Eurozone. Die Bahnsteigkarte gilt nicht im …

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27.10.2011   08:26

Mentalitätsschnitt?

Wenn Pressekonferenzen um 4:00 Uhr nachts anberaumt werden, müssen große Worte fallen. Das liegt in der Natur der Dinge. Sie erlaubt in nächtlicher Stunde ein bisschen Metaphysik. Der Politiker darf sich für einen kurzen Augenblick der Transzendenz als Erlöser verstehen. Die Ernüchterung kommt mit dem Tagesanbruch.

„Die Welt hat heute auf uns geschaut“, sagte Angela Merkel, „wir haben gezeigt, dass wir die richtigen Schlüsse gezogen haben“. „Frankreich“, fügte Sarkozy hinzu, „wollte eine Tragödie verhindern, eine Pleite Griechenlands wäre eine Tragödie gewesen“.

Fassen wir zusammen: Eine griechische Tragödie, bei der die Welt auf uns schaut? Welche Welt? Und was ist in dieser Nacht wirklich passiert? Außer, dass in Verhandlungen mit den Banken, ein Schuldenschnitt durchgesetzt wurde.

Mit all den bombastischen Verlautbarungen erweckt die Politik den Eindruck, man sei dabei, die griechische Problematik zu lösen. Davon kann aber nicht die Rede sein.

Alles, was …

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25.10.2011   06:36

Einmal Tunis und zurück

Wie man mit der Waffe Erkämpftes durch freie Wahlen rückgängig machen kann, deutet sich jetzt in Tunesien an. Selbst eine Revolution setzt die Grundlegung der Gesellschaft voraus.  Sie aber ist in Arabien nicht gegeben. Wo der Ausgangspunkt fehlt, im politischen Fall, der Gemeinsinn der Bürger und seine Geburt aus dem Willen zur Freiheit und der Gabe des selbstständigen Handelns, kann es auch mit der Demokratie nicht weit her sein. Sie ist nicht ein Instrument der Macht, sondern der Vernunft, die die öffentlichen Angelegenheiten zu regeln hat.

Es kommt nicht allein darauf an, die Bastille zu stürmen, es geht auch darum, was man aus ihr symbolisch zu machen versteht. Ein Museum? Ein neues Amt? Demokratie ohne Vernunft kommt im Ergebnis einem Staatsstreich gleich. Im Klartext: Falls die Islamisten in freier Wahl die Macht ergreifen, ist die Bezeichnung „Arabischer Frühling“ obsolet.

Dann ist die Jugend umsonst auf der …

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07.10.2011   19:25

Ich sah den Kapitalismus untergehen

Als ich im April 1952 im Banat, das damals das zweifelhafte Glück des Stalinismus genoss, geboren wurde, teilte man mir unter den allerersten Informationen, die mir als Kind des Proletariats zustanden, mit, dass der Kapitalismus mit sofortiger Wirkung untergehe. Inzwischen steuere ich auf die Sechzig zu und der Kapitalismus befindet sich immer noch stramm auf Untergangskurs.

Die selbsternannten Inspektoren der Titanic, aus dem linken Lager, stolzieren dieser Tage wie die Goldfasane durch die Einkaufszentren, so als könnte man mit bloßem Auge den Zusammenbruch des Systems in 3D genießen. Es ist, als würden die Anzüge jeden Augenblick von der Stange fallen und der Konsumpalast für immer schließen, damit die Natur nicht länger durch den kaufsüchtigen Menschen belastet werde.

Der Genosse Rudolf Walther belehrt uns unterdessen in den heiligen Spalten der taz darüber, dass der Konservatismus aus Opposition gegen die französische Revolution entstanden sei, Burke und de Maistre …

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03.10.2011   06:10

Kurze Geschichte des Deutschland-Denkens

Gegen jeden aus Stimmung, durch Stimmungsmache forcierten Trend, gegen die Kaufkraft der westdeutschen Wirtschaft - für harte DM ist sogar Einheit zu haben -, ja., auch gegen ein Selbstbestimmungsrecht, das anderen Völkern ungeteilt zusteht, gegen all das spricht Auschwitz, weil eine der Voraussetzungen für das Ungeheure, neben anderen älteren Triebkräften, ein starkes, das geeinte Deutschland gewesen ist. (...) Allen Grund haben wir, uns vor uns als handlungsfähige Einheit zu fürchten.

(Günter Grass, Schreiben nach Auschwitz. Frankfurter Poetikvorlesung, Frankfurt am Main 1990)

Was wird aus der Identität der Deutschen? Lenken die wirtschaftlichen Probleme den Einigungsprozess in nüchterne Bahnen? Oder wird die D-Mark libidinös besetzt und in der Weise aufgewertet, das eine Art wirtschaftsnationale Gesinnung das republikanische Bewusstsein überwältigt?

(Jürgen Habermas, „Nochmals: Zur Identität der Deutschen“, Frankfurt am Main 1990.)

Seiner Struktur nach ist das Deutschland-Problem ein Anachronismus, ein besonders komplexer, lange verschleppter, überständiger …

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