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22.08.2008 16:05
“Israel hat Russland den Krieg erklärt”
Die folgende Geschichte erzählte mir ein alter Bekannter. Sie beginnt so: Israel hat Russland den Krieg erklärt. Auf diese exklusive Information hätten die Leser des Feuilletons einer deutschen Tageszeitung, so mein Bekannter, seit einiger Zeit bereits Zugriff. Der unermüdlich in den Kulissen des weltpolitischen Schachers des 21. Jahrhunderts recherchierende Autor des Beitrags habe den Sachverhalt schon vor Tagen gemeldet. Damals sei ihm noch von den treuen Verbündeten Israels in Deutschland, dem „Perlentaucher“ und der „Achse des Guten“ heftig widersprochen und anscheinend sogar Antisemitismus vorgehalten worden.
Jetzt aber habe zumindest die „Achse des Guten“, die, wie man schon lange vermute, der Presseabteilung der israelischen Armee nahe stehe, das israelische Engagement indirekt durch einen Gastbeitrag eines enttäuschten Beraters der georgischen Armee eingeräumt. Ja, die Großmacht Israel habe dem rechtschaffenen Russland nicht nur den Krieg erklärt, sie habe das kleine Land sogar angegriffen. Im von Israel beherrschten Sicherheitsrat aber habe der …
21.08.2008 08:27
Die Freiheit in Prag
Heute, vor vierzig Jahren standen die Panzer des Kreml in Prag, um den Reformen ein Ende zu machen.Die Panzer des Kreml sind zwar nicht schnell, aber sie können schnell vor Ort sein. Das können Viele bezeugen. Die Panzer sind das Kreml-Argument Nummer eins geblieben.Worum aber ging es damals, in der Tschechoslowakei?
Der Prager Frühling war ein Phänomen der sechziger Jahre. Er hätte so, weder vorher noch nachher entstehen können. Es war die Allianz zweier Generationen, die als studentische Jugend und als reformorientierte Kommunisten, die den Stalinismus überlebt hatten, auftraten.
Eine wesentliche Rolle spielten von Anfang an die Künste, vor allem Literatur und Film. In jenen Jahren entstanden die bis heute bedeutenden Romanwerke, etwa von Kundera oder Skvorecki, und jene Filme aus den Barrandov-Studios, die, in ihrer beißend humorvollen Schilderung von Provinz und dem dieser zugeordneten Bösen, einzigartig sind. Die Filme von Vera Chytilova, Milos Forman, Jiry …
18.08.2008 10:18
Kaukasische Spiele. Der Kreml, die Ostmitteleuropäer und die EU
Gewiss, die Entmachtung der Kommunisten in Ostmitteleuropa im Herbst 1989 ist auch der Schwäche von Gorbatschows damaliger Sowjetunion zu verdanken, das Ganze aber nur darauf zurückzuführen, wäre ein Irrtum. Wahr ist vielmehr, dass die Menschen die Verbote und die Vormundschaft nicht mehr hinnahmen, sie strebten offen die Freiheiten des Westens an.
Die Implosion des totalitären Machtgefüges aber signalisierte den Bankrott einer Ideologie des kollektiven Glücksversprechens und das Ende eines imperialen Systems, das sich auf diese Ideologie berief. Die sowjetisch kolonisierten Gesellschaften sahen sich unverhofft auf die eigene Geschichte und zugleich auf den herausfordernden Vergleich mit dem Westen zurückverwiesen. In der Geschichte fand man aber nicht nur den Seelenbalsam für die Nation, man fand dort auch die eigene Vergangenheit. Von den Kommunisten für vierzig Jahre stumm gemacht, offenbarte sich diese in einer vom gesellschaftlichen Umbau überforderten Gegenwart. Wir erinnern uns an forsche Rehabilitierungen von Autokraten und Diktatoren, an den …
16.08.2008 14:55
Ein Nationalbolschewist im amerikanischen Sektor
„Die Menschenrechtsanwälte machen auf die Dauer ihre Sache lächerlich, wenn sie nicht von den Interessen reden – von denen der Vereinigten Staaten vor allem, aber auch, es ist kein Geheimnis mehr, von denen Israels“: Das schreibt Lorenz Jäger in der FAZ vom heutigen Samstag. http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E6EC997D715C34D24AC2123004471CAB6~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Er schreibt es aus Anlass einer Polemik gegen André Glucksmann und Bernard-Henry Levy. Die beiden französischen Philosophen hatten in der „Liberation“ einen ihrer bekannt pathetischen Appelle an die Öffentlichkeit gerichtet: „SOS Georgie? SOS Europe!“
Zurück zum Zitat, und damit zu den Interessen der Vereinigten Staaten und Israels. Interessen Israels in Georgien? Warum ist in einer Kolumne, in der es primär um Russland geht, Israel ein Thema? Wegen der Waffenlieferungen? Einschlägige Unterstützung wird auch Polen, und sogar Rumänien, nachgesagt. Die kaukasische Verwirrung aber ist älter als der Staat Israel und selbst als die amerikanischen Interessen. Sie ist hausgemacht und von Russland …
14.08.2008 06:39
Was machen eigentlich die Osteuropäer? Take 6: Immunität
Adrian Nastase, Ex-Premierminister und Miron Mitrea, Ex-Verkehrsminister, sind wieder einmal mit einem blauen Auge davon gekommen, und nicht einmal das ist zu sehen. Natürlich bekämpft man in Rumänien die Korruption. Schließlich ist man in der EU, und wenn Brüssel sagt, die Korruption sei zu bekämpfen, dann bekämpft man in Bukarest eben auch die Korruption.
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Man bekämpft sie sozusagen demokratisch. Die einen fertigen, wie sich’s gehört, die Akten an, die anderen wehren sie höflich ab. Durch Parlamentsabstimmung. Mitrea und Nastase gelten zwar bei weitem nicht als unschuldig, aber sie kommen auch nicht vor Gericht. Schließlich kennt man im demokratischen Rumänien nicht nur die Gewaltenteilung, man kennt auch die parlamentarische Immunität.
Diese ist in der Demokratie durchaus nötig, um die Unabhängigkeit des jeweiligen Abgeordneten zu garantieren, gewissermaßen seine Unbestechlichkeit. Im vorliegenden Fall aber geht es darum, dass eine Abgeordnetenmehrheit die Arbeit der Justiz behindert. Und …
12.08.2008 05:37
Russland in Gori
Das Problem mit dem Kaukasus besteht darin, dass man ihn weder vor Russland schützen kann noch vor sich selbst.
Wenn es um den Kaukasus geht, ist Russland nicht mehr Russland, es ist nur noch das Imperium. Das Imperium, das seine Überdehnung erlebt, ohne in die Schranken gewiesen zu sein.
Das war von Anfang an so, seit dem späten 18. Jahrhundert. Wer sollte ihm schon im Kaukasus Paroli bieten? Das Osmanische Reich? Die Briten? Die Osmanen waren zu schwach dazu, und den Kaukasiern ebenfalls suspekt, die Briten, zu weit weg, mit Indien beschäftigt und an den afghanischen Gebirgspässen gescheitert.
So fühlte sich das imperiale Russland, angesichts fehlender Konkurrenz, bald im Recht. Die Legitimation bezieht ein Imperium ohnehin aus seinem Auftrag als Ordnungsmacht. Auch wenn es ein selbsterteilter Auftrag ist. Wie der russische im Kaukasus.
Ist es doch bloß der Rand, mit dem …
10.08.2008 17:32
Russland und die andorranische Verschwörung
Weil es bei Kriegen immer wieder so aussieht, als würden sie um Nebensachen geführt, vermutet man dahinter ebenso oft die große Verschwörung. So verhält es sich auch mit dem neuesten Krieg im Kaukasus. Der Kaukasus liegt zwar in Vorderasien, ist aber, zumindest in der georgischen Selbstwahrnehmung, der Balkon Europas.
Schöner kann man einen Irrtum wohl kaum zum Ausdruck bringen. Alles andere aber hängt von der Blickrichtung ab, und diese wiederum von der Balkonseite. Befindet sich der Balkon auf der Ostseite, blickt man auf Mittelasien herab, befindet er sich auf der Westseite, schaut man, über das Schwarze Meer, tief in den Balkan hinein. Als suchte man den Horizont nach Argonauten ab, und es sind weit und breit nur Freischärler zu sehen, Tschetniks.
Vom Norden aber spricht man besser nicht, und vom Süden schon gar nicht. Dort sind die Türken. Die Türken und die Perser. Vom Norden kommen …
10.08.2008 16:29
Bin Laden tanzt mit Naomi Watts
„Angst vor Terrorismus ist schlimmer als Terrorismus“. Dieser Satz steht am Schluss eines Interviews, das der Psychologe Philip Zimbardo der „Frankfurter Rundschau“ gewährte. http://www.fr-online.de/top_news/1415794_Wir-alle-sind-verfuehrbar.html
Zimbardo war der Leiter des Stanford Prison Experiments, bei dem 24 Studenten eine Gefängnissituation simulierten. Die Hälfte von ihnen hatte die Rolle von Häftlingen, die andere Hälfte die der Wärter zu übernehmen. Im Verlauf des Experiments eskalierten die Machtspiele und Gewalthandlungen, so dass das Experiment abgebrochen werden musste.
Zimbardos Fazit daraus: „Wir alle sind verführbar“. Das aber ist eine neue Form des Relativismus, es ist ein moralischer Relativismus, und, in den Zeiten des politisch Korrekten, wohl kaum überraschend. Dabei war Toleranz mal ein brauchbarer Moralbegriff, bevor sie zum Leitmotiv der Loveparade gemacht wurde.
Wenn jetzt Verführbarkeit und Terrorismus zusammengebracht werden, folgt man damit dem verharmlosenden Prinzip des Kulturrelativismus. Nicht in einer von aggressivem Religionspotential gesteuerten Mentalität liege das …

