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29.09.2008 06:52
Des Wählers Maß
Auch in Deutschland freut man sich gerne öffentlich. Ab und zu sogar aus gutem Grund. So haben sich auch am gestrigen Abend nicht wenige gefreut. Und worüber? Über die Abwahl in Bayern natürlich. Manch einer hat sich so gefreut, dass man denken konnte, einer seiner Lebensträume sei in Erfüllung gegangen. Als sei Franz Josef Strauß persönlich, wenn auch nur in Effigie, zur Strecke gebracht worden.
Waidmannsheil! Die erlegten Platzhirsche aber sind, wie man’s auch drehen und wenden mag, doch nur die beiden aus Film und Fernsehen bekannten Hanseln mit der Maß: Beckstein und Huber. Sie haben den Aufstand gegen den Übervater Stoiber geprobt, die Palastrevolte gewonnen und das Ergebnis beim Vox-Populi-Spiel verloren. So weit, so banal.
Es ist aber noch viel banaler. War doch der vermeintliche Übervater bloß der Sekretär, der Generalsekretär des großen Toten, der die Staatskunstgesten seines Chefs, in seinem Sekretärselbstverständnis, nach dessen Tod …
23.09.2008 08:18
Sissi in Paris
Heute wäre Romy Schneider siebzig geworden, und auch das ist für unsere Öffentlichkeit ein Anlass sie zu duzen. Romy Schneider ist eines der größten Duzopfer des ewigen Mainstreams. Mit ihr ist man wie mit Sissi verfahren.
Die Fatalität ist bereits im Zusammenkommen von Sissi und Romy, in der medialen Fusion der beiden Figuren begründet. Und zwar an der Schnittstelle von Mädchensozialisationsgeschichte und Frauenschicksal. Die meisten Frauen, die sich gut und gerne an Pippi Langstrumpf erinnern, erinnern sich auch an Sissi. Wie ist das zu erklären?
Wenn die Sissi-Rolle in den Fünfzigern, die mit Waschmaschinenanleitungen beschäftigte Frau noch zum Träumen einladen konnte, so wurde sie später, als sie politisch und kulturell als reaktionär zu entlarven gewesen wäre, schlichtweg Kult. Kult hat ja auch die Funktion, etwas zuzulassen, was die eigene Ideologie verbietet. Ist das strahlende Gesicht der jungen Romy nicht auch ein verschmitztes?
Romy Schneiders …
22.09.2008 07:41
Shootingstar Ukraine
Jede Stippvisite im Segment der jüngeren Ostinteressierten legt den unvermeidlichen Schluss nahe, die Ukraine sei das bessere Russland. Wenn uns Putins Ranch eine Enttäuschung nach der anderen beschert, dann wollen wir uns wenigstens mit der netten Subdivision schadlos halten.
So wurde die Ukraine im Vergleich mit der Moskauer Finsternis zum Shootingstar erklärt. Das Krisenland, das flächenmäßig größer als Frankreich ist und unübersichtlich wie die Türkei, und in mancher Hinsicht Russland gleichkommt, erweckt, mehr oder weniger gekonnt, den Anschein, klein zu sein, verletzlich, und damit wird es zum echten Objekt der Begierde für unsere Nachwuchspolitologen und Jungjournalisten. Was früher der Hotelbar-Journalismus war, ist jetzt die Release-Party-Publizistik.
Alles, was in der Ukraine schiefgelaufen ist, kann man plausibel Russland zuschreiben, insofern in der Einschätzung der Lage die Geschichte für diese Generationen überhaupt noch eine Rolle spielt. Die Exponenten von Beamer und Co sind mehr der Gegenwart zugewandt, sie betrachten …
20.09.2008 06:27
Mitscherlich zum Hundertsten
Was dazu zu sagen ist, erfahren Sie hier:
http://www.die-tagespost.de/2008/index.php?option=com_content&task=view&id=100042953&Itemid=1
20.09.2008 04:52
Ihre Bank
Falls unsere westliche Welt tatsächlich zugrunde gehen sollte, dann wird dies wahrscheinlich wegen des Leichtsinns geschehen, mit dem wir mit ihr umgehen. Was weder Faschismus noch Kommunismus oder der Islamismus bisher vermochten, das wird unter Umständen unsere Gedankenlosigkeit erreichen. Was kein Terror, kein Lager und kein Dschihad auf Dauer durchsetzen konnten, das schaffen wir, die Guten, mit links und mitten im sozialen Frieden.
Ein Grundgestus dieser obskuren Verschwörung gegen uns selbst ist die allgemeine Verharmlosung, die uns alles zum Spiel werden lässt. Eine Öffentlichkeit, in der das Vernichten von 350 Millionen Euro durch eine fahrlässige Transaktion als Überweisungspanne bezeichnet werden kann, ist keine. Sie kommt ihrer Aufgabe als Regulator der Gefahrenquellen längst nicht mehr nach. Zumal, wenn man bedenkt, dass es sich im vorliegenden Fall um eine Staatsbank handelt, und das vernichtete Geld aus öffentlichen Mitteln stammt, aus den Steuerbeiträgen der Bürger.
Wer hat die Unsumme …
14.09.2008 08:02
Ist Kurt Beck Odysseus?
Nicht als Verlierer ist er heimgekehrt, sondern als wackerer Kämpfer und Held. Entsprechend hat man ihn gefeiert, mit einem Wahlergebnis der Rheinland-Pfalz-SPD, das Honecker-Dimensionen aufzeigt: 99,5 %. Wollte man damit den Eindruck erwecken, man sei SPD und Linkspartei in einem? Jetzt erst recht, wie ein gewisser Jargon immer schon, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste, zu suggerieren bereit war?
Das Kokettieren mit der großen Politik hat vor Ort eine lange Tradition. So bezeichnet Metternich 1833 Mainz als ein fürchterliches Jakobinernest, in dem ein Reisender, der einen längeren Aufenthalt macht, bald ausgespäht wird.
Was aber ist von der Mainzer Republik tatsächlich übrig? Ein Beck im Glück? Warum hat dieser geniale Dorfbürgermeister sein Bergzabern verlassen, um nach Berlin aufzubrechen? Warum ist Odysseus nach Troja gereist? Ja, warum?
Mainz liegt zwar immer noch irgendwie zwischen Paris und Berlin, kann sein, wie zwischen Skylla und Charybdis, aber in …
10.09.2008 06:02
In der Schule der Anonymität
Die Berliner CDU ist in Deutschland ungefähr so bekannt wie ihre litauischen und zypriotischen Schwesterparteien. Oder haben Sie schon mal von Ingo Schmitt gehört? Das ist der Landesvorsitzende.
So anonym wie er ist seine gesamte Partei. Das Rathaus zu beherrschen war ihre Sache praktisch nie. Dort saßen gut und gerne die Sozialdemokraten. Mit ihrem Willy Brandt, und auch ohne diesen. Die CDU aber blieb Nischenorganisation: Verein der Schrebergärtner, Elektrofachhändler und Wilmersdorfer Witwen. Die paar Zehlendorfer Betuchten und Belesenen änderten daran auch nicht viel.
Irgendwie war sie die Partei der Rechtschaffenen, die weder auffällig wurden noch sonst weiter auffielen. So repräsentierte sie immer schon das Kleinbürgertum, das die Tugenden hochhielt und sich in Straßenumfragen gelegentlich in markigen Worten übte. Den Studenten die langen Haare von Amts wegen schneiden und die Junkies vom Bahnhof Zoo durch Arbeit heilen. So etwas brachte in den einschlägigen Zeiten seltener einen guten …
09.09.2008 07:47
Westbüro der SPD
Kaum hat sich Außenminister Steinmeier vor der menschenleeren Kulisse des Schwielow-Sees als Kanzlerkandidat der SPD vorgestellt, schon hat man im Googlestil die ähnlichen historischen Augenblicke journalisiert. Da Google in der Regel Prominenz ins Haus bringt, kam man schnell auf Willy Brandt. Auch er war Außenminister einer Großen Koalition. Das trifft zwar zu, nur war es nicht der Grund, ihn zum Kanzlerkandidaten zu machen.
An dieser Stelle empfiehlt sich für den rastlosen Journalisten der Blick ins große Ergänzungsregister von Google, ins Grundbuch, in Wikipedia. Ein solcher Blick würde schon genügen, um den Vergleich zwischen Steinmeier, dem Büroleiter Schröders in Hannover, und dem wahren letzten Kosmopoliten der SPD-Elite zu vergessen. Wenn wir schon bei Vergleichen sind: Der „Büroleiter“ von Willy Brandt in Westberlin hieß Egon Bahr.
Auch wenn man Steinmeiers Wahl für eine gute halten mag, lässt sich trotzdem nicht ihr Hintergrund weglassen. Steinmeier gehört bestimmt zum Besten, …

