Beiträge von Dr. Oliver Marc Hartwich
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02.03.2007 08:41
Zu weiß, zu britisch
Corby ist ein kleines Städtchen im Norden von Northamptonshire, etwa hundert Kilometer nördlich von London. An und für sich ist in Corby die Welt auch in Ordnung, allerdings hat die Stadt ein ethnisches Problem: sie ist zu weiß und britisch. 98,3 Prozent der Einwohner sind weiß, und auch die knapp zwanzig Prozent Schotten unter der weißen Bevölkerung können kaum für ein richtiges Multikultifeeling sorgen.
Der mangelnde Migrationshintergrund könnte Corby nun zum Verhängnis werden, denn die staatliche Gefängnisbehörde hat angekündigt, 80 ihrer Mitarbeiter von Corby nach Leicester zu verlegen. Damit soll es möglich werden, auch nicht-weiße Mitarbeiter für die Behörde zu rekrutieren, verlautete aus dem Innenministerium, wie der Daily Telegraph berichtet. Nicht-Weißen kann man Corby als Arbeitsort offenbar nicht zumuten - welch hinterhältige Diskriminierung, die dort bisher stattgefunden hat.
Nach dem …
01.03.2007 16:48
Heuschrecken in Großbritannien
Wenn es nach drei Jahren, die ich mittlerweile in London gelebt habe, eine Erkenntnis gibt, die ich in dieser Zeit gewonnen habe, dann ist es diese: Briten und Deutsche sind sich viel ähnlicher als die Deutschen glauben und die Briten wahrhaben möchten. Die Vorurteile sind ja eigentlich ziemlich klar verteilt: Die Deutschen gelten als staatsgläubig und marktfeindlich, die Briten hingegen als freiheitsliebend und kapitalistisch ("a nation of shopkeepers”, wie Adam Smith es einmal formuliert hat). In Wirklichkeit besteht jedoch kaum noch ein Unterschied zwischen beiden Nationen, und so kann man gerade erleben, dass die Heuschrecken-Empörung, mit der Franz Müntefering vor der letzten Bundestagswahl wie eine Plage über Deutschland hergefallen ist, nun auch das Vereinigte Königreich erreicht hat.
Die britischen Geistesverwandten Münteferings finden sich erwartungsgemäß auf der linken Seite des politischen Spektrums, also Gewerkschaften, Labour-Traditionalisten und natürlich die BBC. Das Wirtschaftsmagazin “The Business” widmet sich dem (Zitat) …
27.02.2007 18:04
God save the Queen
Ich bin dankbar für jeden Tag, den Elizabeth II. Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland ist. Den wunderbaren Glückwünschen, die ihr vor einigen Monaten Matthias Matussek zum 80. Geburtstag per SPIEGEL online übermittelt hat, kann man kaum etwas hinzufügen - außer vielleicht, dass Elizabeth via Helen Mirren in der Zwischenzeit auch noch einen Oscar für ihr Land gewonnen hat. Was will man mehr von einem Staatsoberhaupt?
Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum man der Queen ein langes Leben und noch viele Jahre als Souverän wünschen möchte, und dieser Grund heißt Prinz Charles. Während sich seine Mutter nämlich peinlich genau an ihre verfassungsmäßige Rolle hält, die ihr neben einigen wenigen Rechten vor allem die Pflicht zum Unpolitischsein zuweist, gibt sich der Prinz von Wales nicht damit zufrieden. Nein, er bringt sich in gesellschaftliche Debatten ein, zum Beispiel wenn es um …
27.02.2007 09:11
Life’s a box of chocolates
Das Leben ist voller Überraschungen, und manchmal braucht es Jahre, bis eigene Vorurteile gründlich revidiert werden müssen. Diese Erfahrung bestätigte sich für mich gestern einmal wieder. Ich hatte mich zum Lunch mit einem Dozenten der London School of Economics (LSE) verabredet, und so gingen wir in das Restaurant für Angestellte der LSE. Doch bevor wir dort zu unserem eigentlichen Gesprächsthema kommen konnten, erklärte mir mein Gesprächspartner stolz, dass er es geschafft habe, mit diversen steuerlichen Tricks die Kosten seines Mitagessens auf durchschnittlich 40 Pence zu drücken. Man frage mich nun nicht mehr, wie genau das ging, denn dafür war der Sachverhalt zu kompliziert, aber es hatte irgend etwas mit der Absetzbarkeit des Arbeitsessens zu tun.
Bis dahin hatte ich geglaubt, dass verwunderliche steuerliche Konstruktionen eine Spezialität des deutschen Steuerrechts sind, dass man von ihnen anderswo jedoch weitgehend verschont bleibt. Weit gefehlt - und mein positives Vorurteil über das …
26.02.2007 08:35
And the Oscar goes to …
Al Gore hat nun also den unvermeidlichen Oscar für seine so genannte Dokumentation “An Inconvenient Truth” gewonnen. Wir gratulieren mit dem Link zu einem Artikel in der kanadischen Financial Post, in dem man unter anderem lesen kann:
While the gods must consider An Inconvenient Truth the ultimate comedy, real climate scientists are crying over Al Gore’s new film. This is not just because the ex-vice-president commits numerous basic science mistakes. They are also concerned that many in the media and public will fail to realize that this film amounts to little more than science fiction.
“Little more than science fiction” - wahrscheinlich wäre es angemessener gewesen, dem Film die Oscars zu geben, die er wirklich verdiente:
Best Leading Actor - Al Gore (as himself)
Best Supporting Actress - Mother Earth (as Goddess Gaia)
23.02.2007 19:05
Vorfreude eines Angestellten
Angestellte, die einen neuen Vorgesetzten bekommen, sind ja gelegentlich neugierig, wie der Neue wohl sein wird. Also machen sie sich ein wenig schlau, was im Einzelfall durchaus auch zu Vorfreude führen kann.
23.02.2007 13:30
Am deutschen Wesen …
Die Kolumnen des Chefökonomen der Financial Times Deutschland, Thomas Fricke, habe ich immer schon mit Interesse, wenn auch in der Regel ohne Zustimmung gelesen. Einmal etwas überspitzt formuliert, erklärt Herr Fricke seinen Lesern an jedem Freitag (und das seit Jahren), dass es um die deutsche Wirtschaft viel besser bestellt ist, als uns die Propheten des Untergangs - allen voran der “Basar-Ökonom” Hans-Werner Sinn - glauben machen wollen. Alles, was der Wirtschaft fehle, sei eine bessere Konjunkturentwicklung, die sich durch Drehen an ein paar makroökonomischen Stellschrauben auch problemlos erreichen ließe, wenn denn nur die Europäische Zentralbank nicht ständig auf die Entwicklung der Inflationsrate schielen würde. Strukturprobleme spielten hingegen laut Chefökonom Fricke kaum eine Rolle bei der Erklärung der deutschen Wachstumsschwäche der vergangenen Jahre, und insofern sollte die ganze Reformiererei am deutschen Sozialstaat nun auch endlich einmal ein Ende haben. Wie gesagt, das war bewusst etwas zugespitzt, gibt aber wohl die grundsätzliche …
22.02.2007 15:08
Eine göttliche Komödie
Nachdem Pläne bekannt geworden waren, denen zufolge Vertreter der römisch-katholischen und der anglikanischen Kirche über eine Vereinigung nachdenken, hat sich der Economist des Falles angenommen. Er dekliniert die Argumente für und gegen eine Fusion beider Kirchen durch - dies allerdings, wie es sich für einen economist gehört, ganz und gar unsentimental und unreligiös. Kostprobe:
Yet potential synergies abound. Combining workforces could allow for significant cost savings, though job cuts might prove unpopular. Buoyant property markets mean that a merged church could profit handsomely by selling surplus assets, many of them in prime city-centre sites. As the two organisations would not benefit equally—the merger would in effect be a Catholic takeover of its smaller rival—Anglicans may prefer a looser bond, perhaps hiving-off some assets into a joint-venture or even, looking …

