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27.06.2010   15:27

Die schamlose Trauer der Christa Wolf

Der Bau der Berliner Mauer: eine Herausforderung für die Loyalität der Protagonistin Rita im „Geteilten Himmel“. Das Wettrüsten der Achtzigerjahre: höchste Gefahr für den wolfschen Garten in Mecklenburg. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: „ein Störfall“ vor allem für den Seelenfrieden der autobiografisch grundierten Erzählerin, die schließlich revoltiert. Sie wirft das Obstbesteck aus edlem Olivenholz (wahrscheinlich von vorherigen Westreisen mitgebracht) wütend durch die Küche, wobei hier der unsichtbare Adressat nicht etwa das posttotalitär-schlampige Verheimlichungsregime der Sowjetunion ist, sondern ein allgemeiner „Technik- und Machbarkeitswahn“. http://www.welt.de/debatte/kommentare/article8179846/Die-schamlose-Trauer-der-Christa-Wolf.html

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12.06.2010   00:34

Schöner sterben

Es ist einer der ältesten und fragwürdigsten Intellektuellenträume: Der klugen These solle doch bitte auch die authentische Tat folgen, dem spekulativ Niedergeschriebenen die nachhaltige Verwurzelung in der Erde.In Bolivien, wo nach Willen des Präsidenten Evo Morales ein “Sozialismus des 21.Jahrhunderts” Realität werden soll, lassen sich gerade die Folgen dieser Ideologie besichtigen.Um die Diskriminierung der Indios zu beenden, hatte der Präsident verfügt, dass deren traditionelle Gerichtsbarkeit fortan neben der staatlichen Justiz Geltung haben solle. Mit Verweis auf diese “Volksgerechtigkeit” rechtfertigte man jetzt in einem abgelegenen Dörfchen die rituelle Hinrichtung von vier Polizisten, die zuerst erschlagen und dann mit dem Gesicht nach unten in der “heiligen Erde” begraben wurden.
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7981827/Lehrstuecke-aus-Lateinamerika.html

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07.06.2010   22:07

Ein sauberes Facebook

Haben nicht alle darauf gewartet? Endlich bekommt Facebook Konkurrenz - zumindest in Pakistan, wo ein paar junge IT-Leute aus Lahore ein bereits hochfrequentiertes “Millatfacebook” gegründet haben.Doch was wie eine smarte Innovation erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein auf unangenehme Homogenität setzendes Kampfprogramm.Facebook dulde blasphemische, den Propheten Mohammed verspottende Seiten, donnert da beispielsweise der 24-jährige Software-Entwickler Usman Zaheer - und erklärt auch gleich, was “Millatfacebook” deshalb sein möchte: ein Netzwerk von Muslimen für Muslime, in welchem gnädigerweise auch “sweet people” anderer Religionen willkommen sein sollen.
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7934777/Ein-sauberes-Facebook.html

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03.06.2010   20:34

Es waren mehr als Worte

Am Tag seiner Wahl zum neuen Präsidenten der Berliner Humboldt-Universität gab der Erziehungswissenschaftler Jan-Hendrik Olbertz an dieser Stelle ein Interview. Darin beschrieb er, wie ihn vor Jahrzehnten als Jungakademiker in der DDR die Sorge plagte, dass „meine Dissertation B., also die Habilitationsschrift, über das akademische Ethos …vom Parteiapparat zerschlagen würde“ (WELT v. 20.4.). Dass Olbertz Habilitationsschrift aber wohl weniger widerständig als behauptet war, fand kurze Zeit später der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk heraus. Kowalczuk zitierte auf einer Tagung aus der Arbeit zahlreiche marxistisch-leninistische Propagandaformulierungen, verwies auf Honecker-, Krenz-, Hager- und Lenin-Zitate und löste damit eine Debatte aus: Hat der ehemalige Lehramtsstudent Olbertz zu DDR-Zeiten „ideologische Einpeitscherparolen“ verkündet? Oder waren die verbalen Speichelleckereien ein legitimes und harmloses Spiel mit dem System, um die Karriere voranzubringen? Der Berliner Schriftsteller Marko Martin (Jg. 1970), der die DDR Anfang 1989 als Kriegsdienstverweigerer verließ, kritisiert Olbertz’ „Mitmacher-Haltung“. http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7895163/Es-waren-mehr-als-Worte.html

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26.05.2010   20:19

Was uns Bangkok lehrt

In das großäugige Entsetzen angesichts derer, die in Bangkoks Straßen ebenso schnell getötet wie anschließend still entsorgt wurden, scheint sich inzwischen auch leichte Ungeduld zu mischen: Wann, so die kaum verhüllte Frage, beruhigen sich endlich diese seltsamen Thais, damit wir wieder unbesorgt urlauben können?
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7787396/Was-uns-Bangkok-lehrt.html

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21.05.2010   09:52

Mit Nietzsche in Athen

Warum sollte man in der Montur pikierter Kulturbeflissenheit einer krisengeschüttelten Gesellschaft den Prozess machen, wenn jeder Geschichtsstudent weiß, dass die Bewohner des Pleitestaats von Einwanderern aus Serbien und Albanien abstammen und mit den klassischen Griechen ebenso wenig gemein haben wie die mit Goethes oder und Winckelmanns philhellenischer Konstruktionen? http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7693607/Mit-Nietzsche-in-Athen.html

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07.05.2010   11:05

Mein indischer Freund

Wäre dies eine Erzählung mit gängig zivilisationskritischer Tendenz, sie würde wohl davon handeln, wie nur ein halbes Jahrzehnt später aus einem ungebärdigen Hedonisten-Beau ein gestresst dynamischer Boss von sage und schreibe elf ineinander verschachtelten Unternehmen (Tourismus, Hotels, Landkauf- und Verkauf, Immobilien) geworden war, glücklicher Ehemann in einer zuvor von den Familien arrangierten Ehe, dazu Cousin des gerade gestürzten indischen Außenministers - ein Handy- und Blackberry-Abhängiger, der mit Vollgas auf den Straßen der Großstadt Cochin im benachbarten Bundesstaat Kerala unterwegs ist und während des Telefonierens und E-Mail-Sendens rücksichtslos alle unter der Hitze schwitzenden Fußgänger und Rikschafahrer beiseite hupt.
http://www.welt.de/die-welt/debatte/article7479069/Mein-indischer-Freund.html

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06.04.2010   21:48

Es bebte zweimal

"Gerade deshalb aber gibt es ein Menschenrecht auf einen humanen und funktionierenden Staat”, sagt Jorge Edwards, Chiles berühmtester Romancier, der es sich in diesem Jahr jedoch einmal mehr mit seinen linksliberalen Freunden verdorben hat. Edwards, 1931 geboren und Träger des in der spanischsprachigen Welt dem Nobelpreis vergleichbaren Premio Cervantes, hatte nämlich das Sakrileg begangen, im letzten Wahlkampf nicht etwa den Kandidaten der aus Sozialisten und Christdemokraten bestehenden Concertation zu unterstützen, sondern den rechtsgerichteten Multimilliardär Sebastian Pinera. Und erneut reichlich aufdringliche Symbolik wie aus einem Roman des magischen Realismus: Der Zäsur, dass nach 20 Jahren linksliberaler Concertations-Herrschaft ein erklärter Konservativer mit über sechzig Prozent die Stichwahlen gewann, folgte jenes mörderische Erdbeben von Stärke 8,8, das von der Stadt Conception wenig übrig ließ, jedoch auch die Hauptstadt erschütterte. Zusammenhänge? http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7066902/Es-bebte-zweimal.html

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