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02.07.2009   21:33

Unter Menschen 7

Ich habe beschlossen, die taz abzubestellen und den Berliner Kurier zu abonnieren. Der Aufmacher von heute hat mich überzeugt. „1. Islam-Grill in Berlin“ – erst dachte ich, schon wieder ein Beitrag zur Integration, Berlin wird halal, demnächst müssen auch die Haxn bei meinem Haxn-Wirt dran glauben. Aber so war die Titelstory nicht gemeint.

Im Quartiersmanagment Pohlstraße in Berlin-Mitte ist ein Streit über die Benutzung eines grossen gusseinsernen Grills entstanden, den der Bezirk aus öffentlichen Mitteln angeschafft hat. Die Vertreter der Moslems im Quartier wollen, dass auf dem Grill nur Lamm, Huhn und Rind gebraten werden dürfen. Quartiersmanager Krohmer sagt: „Das geht nicht, es gibt einen klaren Beschluss, dass der Grill allen Bürgern im Quartier zur Verfügung steht.“ Man habe zudem für einen „Extra-Rost“ gesorgt, „damit niemand Lammfleisch auf einen Rost legen muss, auf dem schon Schweinefleisch lag“. Ein fairer Kompromiss sollte man meinen, aber für die moslemischen Vertreter …

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02.07.2009   21:14

Unter Menschen 6

Zum Intercity von Spandau nach Hilversum. Auf Bahnsteig 3 steht eine junge Frau und macht Notizen. In eine DIN-A-3 Kladde trägt sie ein, wann der Zug einfährt, wann er abfährt, wann eine Verspätung bekannt gegeben wird und welcher Zug ganz ausfällt. „Machen Sie das zum Vergnügen?“, frage ich. „Nein, für die Bundesbahn“, sagt die junge Frau. „Aber die hat doch einen Computer.“ – „Ich weiß auch nicht, das Ganze nennt sich RIS-Studie.“

Ich wüsste gerne, was eine RIS-Studie ist, hab aber keine Zeit, mich zu erkundigen, weil eine Durchsage kommt. Alle Züge vom Hauptbahnhof über Spandau in Richtung Hannover, Köln und Frankfurt werden umgeleitet, den Reisenden wird empfohlen, mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof zu fahren und dort einzusteigen. Für mich bedeutet das, dass ich den 10.51 Zug verpassen werde und erst zwei Stunden später fahren kann. Super, denke ich, ich setzt mich in die erste Klasse und sag …

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02.07.2009   20:59

Unter Menschen 5

In der U7 nach Spandau. Zwei Erzieherinnen steigen mit zwei Dutzend Kindern ein, Mädchen und Jungen im Vorschulalter. Dem Aussehen nach zu urteilen, hat die Hälfte der Kinder einen „Migrationshintergrund“, alle reden Deutsch, kein Mädchen trägt ein Kopftuch, die Jungen Baseballmützen verkehrt herum. Es gibt das übliche Gerangel um die freien Plätze, wobei ein Mädchen das Kommando übernimmt. „Jose, setzt dich dahin, Haji, du kommst her.“ Alle Kinder sind proper angezogen, keines sieht aus, als hätte es sich nach dem Aufstehen selber versorgen müssen, sie sind laut und lustig und völlig aggressionsfrei. So sehen die Berliner der Zukunft aus.

Aber das ist es nicht, was wir mitbekommen. Wir lesen jeden Tag, dass es ein „Ausländerproblem“ gibt, dass Ausländer überall diskriminiert werden, dass „der Staat“ nicht genug für die Integration der Ausländer tut. Eine ganze Industrie lebt inzwischen davon, die Ausländerfeindlichkeit zu suchen, zu examinieren und zu bekämpfen. Und …

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02.07.2009   20:08

Steinmeier, übernehmen Sie!

Frank-Walter Steinmeier, an sich für das Äußere zuständig, mischt sich gerne in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik ein. Wenn er nicht gerade Geiseln im Jemen befreit, rettet er Opel vor der Pleite. Und zwischen zwei Terminen bei den Vereinten Nationen nimmt er zusammen mit seinem französischen Kollegen Kouchner einen Integrations-Song mit dem Rapper Muhabbet auf. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,517018,00.html
Nun steht das Sommerloch vor der Tür, und gleich danach gibt es Wahlen. Eine gute Gelegenheit, um einen “Musikwettberwerb gegen Rechtsextremismus” zu starten, damit wir “frei von Angst leben” können und es “null Toleranz für Neonazis gibt”. Vorneweg Frank-Walter Steinmeier und hinter ihm ein paar Grufties der Pop-Szene, die gemeinsam “Nazis aus dem Takt bringen” wollen. http://www.vorwaerts.de/artikel/steinmeier-startet-musikwettbewerb-gegen-rechts Nur Udo Lindenberg und Katja Ebstein sind diesmal nicht dabei.
Die Idee ist unter Umständen nicht so blöd, wie sie sich anhört. Der Dresdner grüne Stadtrat Stephan Kühn hat es versucht …

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02.07.2009   19:47

Wehleidigkeit ist ein Meister aus Deutschland

Kennen Sie den? Eine Gruppe amerikanischer Touristen besichtigt die Moskauer Metro. Der russische Fremdenführer sagt, es handle sich um die älteste aber auch modernste U-Bahn der Welt, absolut sicher und zuverlässig, nirgendwo auf der Welt würden mehr Passagiere pro Stunde befördert, sogar die Luft in den Stationen sei besser als auf der Straße. Die Amerikaner hören geduldig zu, schließlich hebt einer die Hand und fragt: „Und wieso ist seit über einer halben Stunde kein Zug gekommen?“ – Darauf der Fremdenführer: „Und warum werden in den USA die Neger verfolgt?“

Der Witz ist uralt, aber noch immer aktuell. Er spielt nicht mehr in der Moskauer U-Bahn, sondern in den Unterständen der deutschen Friedensbewegung, die in der Bonner Republik von der DDR ferngesteuert wurde und die inzwischen auf eigene Rechnung einen Opportunismus praktiziert, der zum Himmel stinkt. Auch die Pointe hat sich nicht verändert.

Der außenpolitische Sprecher der …

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01.07.2009   18:45

Unter Menschen 4

Angeblich sollen die Berliner Busfahrer zur WM auf “höflich” getrimmt worden sein, um bei Gästen aus dem Ausland einen guten Eindruck zu hinterlassen. Das ist nun eine Weile her, und die Berliner Busfahrer finden wieder zu ihrer alten Form zurück. Nicht alle, aber immer mehr.
Ich steige am Theodor Heuss Platz in einen Wagen der Linie 104 ein, lege 2.10 Euro hin und frage: “Wo muss ich umsteigen, wenn ich zum Wilden Eber will?” - “Woher soll ich das wissen?”, antwortet der Busfahrer. “Weil Sie der Busfahrer sind”, sage ich und mache einen zweiten Versuch: “Wo muss ich umsteigen, wenn ich zur Mecklenburgische Straße will?” - “Keine Ahnung”, sagt der Busfahrer, “das nächste Mal machen Sie sich schlau, bevor Sie einsteigen”.
Ich nehme den Fahrschein, gehe nach hinten und ruf die Pressestelle der Berliner Verkehrsbetriebe an. Die beiden Pressesprecher sind nicht da, vermutlich begleiten sie eine Delegation nordkoreanischer Pädagogen durch die BVG-Katakomben, in denen Schwarzfahrer umerzogen werden.  Frau Schulz, Mitarbeiterin der Pressestelle, nimmt die Beschwerde entgegen. “Das tut mir leid”, sagt sie, “vielleicht hat der Fahrer einen schlechten Tag, ich werde Ihre Beschwerde weiter leiten”. Davon bin ich überzeugt. Deswegen will ich, dass sie wenigstens eine Notiz anlegt. Leicht widerwillig schreibt Frau Schulz die Linie, die Uhrzeit und die Wagennummer 3032 auf.
Berlin braucht dringend wieder eine WM.

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01.07.2009   12:56

Schwanger mit der Revolution

Die Bundesrepublik, die sich gerne als moralisch-militärische Großmacht inszeniert, wenn es um Liechtensteiner Konten geht, lässt sich lieber als Papiertiger vorführen, als dass sie ein überschaubares Risiko eingeht. Das Gerede von der exportabhängigen deutschen Wirtschaft ist reine Ausrede. Die Iraner, ebenso wie die Russen, die Chinesen und andere lupenreine Demokraten, machen nicht aus Höflichkeit oder Erbarmen Geschäfte mit deutschen Firmen, sondern weil sie deren Produkte brauchen, so wie die Bundesrepublik iranisches Öl und russisches Gas braucht. Wenn es also eine wirtschaftliche Abhängigkeit gibt, dann funktioniert sie nach beiden Seiten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,633272,00.html

Siehe auch:
Der neue EU-Ratspräsident Fredrik Reinfeldt sprach sich am Mittwoch gegen eine vollständige Isolierung Teherans aus. «Der Iran ist ein sehr wichtiges Land, für sich und für die gesamte Region», sagte der schwedische Ministerpräsident. Zudem könnte ein Konfrontationskurs mit Teheran auch für die Reformbewegung im Iran kontraproduktiv sein, warnte Reinfeldt. Die EU werde angesichts …

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28.06.2009   22:15

Apokalypse und Äquidistanz

Erich Follath, ein erfahrener und weit gereister Reporter, hat in der vorletzten Ausgabe des SPIEGEL ein Doppelporträt des iranischen Präsidenten Ahmadineschad und des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu veröffentlicht. Wie schon der Titel - „Das Duell der Auserwählten“ - verspricht, geht es in dem Essay um den Kampf zweier männlicher Alphatiere, die aufeinander zurasen wie Lokomotiven auf einer eingleisigen Strecke.

Natürlich ist es verführerisch, einen Konflikt auf den Clash zweier Egomanen zu reduzieren. Schon Ulrich Wickert hat Osama Bin Laden als ein Spiegelbild von George Bush zu zeichnen versucht, andere Hobbymoralisten wollten den amerikanischen Präsidenten und den Al-Kaida-Führer auf eine unbewohnte Insel bringen, um sie dort gegeneinander kämpfen zu lassen und so der Welt einen Krieg zu ersparen.

Der Charme solcher Ideen liegt in ihrer Entrücktheit. Wenn sie zu etwas nutze sind, dann vor allem dazu, ihren Verbreitern das Gefühl zu geben, über den Dingen zu stehen, eine Äquidistanz zu den Objekten ihres Interesses zu wahren. Weder der iranische Präsident noch der israelische Ministerpräsident sind „Auserwählte“. Ahmadineschad ist die Marionette eines Systems, dessen Machthaber in den Kulissen agieren, Netanjahu hat nach einer Wahl eine Koalition zusammengefügt, die über eine Mehrheit in der Knesset verfügt. Man muss ihn nicht mögen. Aber man kann sich nicht um die Erkenntnis drücken, dass er im Gegensatz zu dem iranischen Präsidenten demokratisch legitimiert ist. Dass beide auf die gleiche Weise atmen, essen und verdauen, reicht nicht aus, um sie auf eine Stufe zu stellen und ihre politische Performance wie einen Auftritt von Karl und Franz Moor aus dem Parkett heraus zu rezensieren.

Genau das aber tut Follath. Seine scheinbare Äquidistanz beruht auf einem Kunstgriff. Er zitiert, er stellt gegenüber. Auf der einen Seite die Verteidiger des iranischen Präsidenten; sie sagen, man müsse sich dessen Wunsch nach einem Verschwinden Israels von der Landkarte „eher metaphysisch“ vorstellen. Auf der anderen Seite Israel, das vor lauter Kraft kaum noch laufen kann, von Metaphysik keine Ahnung hat und sich nicht einmal bedroht fühlt, sondern nur „bedroht zu fühlen scheint“. Mit solchen sprachlichen Feinheiten unterlegt, werden Follaths eigene Spekulationen zu Fakten aufgemotzt. Er zitiert eine „stets gut informierte israelische Tageszeitung“, die sich ihrerseits auf Politiker beruft, „die in Verbindung mit Netanjahu stehen“ und deswegen sagen, „er habe seinen Entschluss zur militärischen Zerstörung der iranischen Nuklearanlagen schon gefasst“. Das ist Hörensagen vom Hörensagen, nur einen Atemzug vom Kaffeesatzlesen entfernt. Aber es insinuiert, dass Israel den Iran bedroht, während der Iran sich mit metaphysischen Übungen fit hält.

Und während der iranische Präsident die Rückkehr des im 9. Jahrhundert verschwundenen 12. Imam durch einen „reinigenden Umsturz“ beschleunigen möchte, gibt sich der israelische Ministerpräsident einer noch skurrileren Marotte hin. „Bibi“ ist überzeugt, dass er „Amalek“ daran hindern muss, Israel zu überfallen, so wie der „Krieger aus Kanaan“ die Hebräer auf dem Weg ins Heilige Land schon einmal überfallen hat. Woher weiß Follath das? Er hat es bei Jeffrey Goldberg, einem „Israel-Kenner“, gelesen, der sich seinerseits „bei einem Netanjahu-Vertrauten“ schlau gemacht hat. Diskretion ist auch im Journalismus die halbe Miete.

Außerdem will „Bibi“ aus dem Heldenschatten seines Bruders „Joni“ treten, der bei der Befreiung der Geiseln von Entebbe ums Leben gekommen ist. Das wiederum ist Follath klar, seit er die Familie Netanjahu vor über 30 Jahren, nur ein paar Tage nach dem Tode von „Joni“, in Jerusalem besucht hat. Diese Erinnerung, angereichert mit ein paar Sätzen aus dem Fünften Buch Mose, reicht Follath, um das gegenwärtige „apokalyptische jüdische Gedankengebäude“ zu begreifen. Es basiert auf der Idee, „nach einem möglichen iranischen Nuklear-Erstschlag...“ werde es „einen Judenstaat nicht mehr geben“.

Damit schiebt Follath den Psycho-Peter Israel zu, das sich „bedroht zu fühlen scheint“, statt in aller Ruhe abzuwarten, was nach einem möglichen iranischen Nuklear-Erstschlag vom Judenstaat übrig bleiben könnte. Würde ein Nachbar von Follath immer wieder erklären, er sei ein Störenfried, er solle sein Haus räumen und dahin verschwinden, woher er gekommen ist, käme der Kollege nicht auch auf die Idee, die Forderung könnte ernst gemeint sein?  Würde er sie „eher metaphysisch“ verstehen und sich die Vorfreude auf das nächste Gartenfest nicht vermiesen lassen?

Für das Bagatellisieren und Banalisieren der iranischen Drohgebärden gegenüber Israel gibt es zwei mögliche Erklärungen: „Wir sind ja nicht gemeint.“ Oder: „Es trifft keine Unschuldigen.“

Es gibt eine Unzahl von Statements von Ahmadineschad und aus seinem Umfeld, die sich nicht wegdebattieren lassen. Israel sei ein Geschwür, das aus der Mitte der moslemisch-arabischen Welt entfernt werden müsse, ein Fremdkörper im Fleisch der „Umma“, die Ursache aller Übel. Ahmadinejads Wunsch nach einer „World without Zionism“ ist keine abstrakte Utopie, sondern ein Euphemismus für den nächsten Anlauf zur Entjudung der Welt. Er ist klug genug, sein Ziel zu beschreiben, ohne zu sagen, wer den Job erledigen soll. Nicht zum ersten Mal fehlt das letzte Glied in einer Beweiskette. Auch nach dem Führerbefehl zur letzten Endlösung der Judenfrage wird noch immer gesucht.

See also: Goldberg on Bibi and Amalek
In any case, this whole debate is a perversion, and not only because genocide is the specialty of other religions, and not Judaism. Iran has called for the elimination of the Jewish state, and seems to be building nuclear weapons that could make that a reality; Israel simply seeks to protect itself from a country that wants to exterminate it. http://jeffreygoldberg.theatlantic.com/archives/2009/05/on_misreading_amalek.php

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