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17.02.2007 11:52
Von Rosenaffen, Schokoladenherzen und einem kopflosen Heiligen
Das Telefon klingelt. Ich sehe auf dem Display, daß es Gabe ist, seit anderthalb Jahrzehnten mein bester Freund hier in Charlottesville, Virginia. “Ok, wie wär’s in einer Stunde”, sage ich, ohne erstmal auf seine Stimme zu warten. Fast jeden Tag treffen wir uns im Fitnesszentrum, um uns eine Stunde lang relativ gemächlich nebeneinander auf Stehbikes abzustrampeln und in Maßen Gewichte zu stemmen, wobei wir des öfteren einhalten, um abseits des Rauschens der Räder oder muskelschmerzinduzierten Stöhnens unser gegenseitiges Gequassele über Gott (dem wir beide einhellig die Anerkennung verweigern) und die Welt (die wir regelmäßig anzweifeln) verstehen zu können.
“Moment”, sagt er, “heute kann ich nicht, hab einen wichtigen Termin.”
“Ok, dann geh ich halt allein, komm ich endlich mal richtig ins Schwitzen, du alter Schwanz”, rufe ich munter und warte darauf, daß er wie üblich “Fuck you!” erwidert. Wir reden immer so erfrischend miteinander; nur Neuzugezogene …
05.02.2007 10:44
Uschis heißer Busen und mein kalter Boiler
Zufälle und Non-sequiturs sind das Salz des Lebens. Überhaupt hüpfe ich fürs Leben gern vom Hölzchen aufs Stöckchen. Ich bitte also um Geduld bei meinen Umwegen um ein paar obskure Ecken; sie sind weniger mutwillig, als sie auf den ersten Blick scheinen mögen.
Vor einem Jahr veröffentlichte ich in meiner Kolumne “Forsicht Freddy”, in der ich mich auf Henryk Broders Website gelegentlich über dies und das auslasse, einen längeren Artikel über die Turbulenzen unserer Jugendfreundin “Ana Be“. Und vor ein paar Wochen berichtete ich hier, auf Achgut, unter “Grabschen nach Uschi Obermaier” von Assoziationen beim um fast vier Jahrzehnte verspäteten Gucken des 1969er Filmchens “Rote Sonne”, in dem die echte Heißmacherin der eigentlich schlappschwänzig-großmäuligen Kommune Eins mehr schlecht als recht eine unechte, auf Männermord erpichte Kommunardin spielte.
Letzte Woche, während in Deutschland das von Kritikern nicht gerade gnädig aufgenommene Bio-pic übers “wilde Leben” des inzwischen zur …
04.02.2007 21:53
Aufruf zur weltweiten Lesung der Berichte von Anna Politkowskaja am 20. März
Die Peter-Weiss-Stiftung in Berlin ruft Kulturinstitutionen, Theater und interessierte Personen zu einer weltweiten Lesung “in memoriam Anna Politkowskaja” auf, und zwar für den 20. März.
Die am 7. Oktober 2006 in Moskau ermordete Journalistin Anna Politkowskaja beschrieb in ihren Reportagen vor allem die Katastrophe des zweiten Tschetschenienkrieges. Ihre Texte schildern Folterszenen, rekonstruieren kaltblütige Morde, prangern den Zynismus von Bürokraten an, schildern das Leid und die Verzweiflung der Zivilbevölkerung, die zwischen Armee und Rebellen aufgerieben wird, und geben ein beklemmendes Bild vom Klima der staatlich geschürten Angst und Repression in Russland.
Für die Lesungen ist die Textauswahl “Machkety. Ein Konzentrationslager mit kommerziellem Einschlag” und “Sonderoperation Sjasikow” vorgesehen (aus: “Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg”, aus dem Russischen von Hannelore Umbreit und Ulrike Zemme, © 2002 Anna Politkovskaja, © 2003 DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln). Diese Textpassagen können am 20. März 2007 bei Bereitstellung eines Büchertisches honorarfrei …
23.01.2007 08:49
“Beleidigung des Türkentums”: die Staatsbeihilfe zum Journalistenmord
Als Vorstandsmitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland faxte ich heute das folgende Schreiben an den türkischen Premierminister Erdogan sowie an den türkischen Außen- und Menschenrechtsminister Gül:
“The PEN Centre of German-Speaking Writers Abroad is deeply shocked by the murder of Hrant Dink, and we urge all appropriate Turkish authorities to assure that all those responsible for the crime be brought to justice swiftly and in a transparent manner.
Furthermore, this murder is a stark reminder that laws that criminalize so-called “insult to Turkishness” are not only in violation of international standards protecting the right to freedom of expression, but also endanger the lives of those charged. We call for urgent reconsideration of such insult laws, in particular the repeal of Article 301 of the Turkish Penal Code.
We will hold the Turkish state responsible for this kind of violence against writers and journalists …
22.01.2007 19:21
Empfehlung: A Word A Day
Während deutsche Wörter und Unwörter des Jahres gekürt werden, gibt es für anglophone Leser eine Website, die einem täglich (bzw. in den USA nächtlich) ein “Wort des Tages” liefert, mit Definition, Etymologie, Synonymen, Gebrauchsbeispielen aus der Literatur, Politik, den Medien… Geschaffen wurde sie vor knapp dreizehn Jahren von Anu Garg, einem Computerwissenschaftler indischer Herkunft. Ich hatte vor einiger Zeit Gelegenheit, ihn und seine auch am “business” beteiligte Frau Stuti in ihrem hübschen Häuschen in einem Vorort Seattles zu besuchen; das junge Ehepaar ist ein Paradebeispiel für den American Dream. Sie machen etwas, das ihnen Spaß macht, von dem (bzw. den Nebenprodukten) sie gut leben können (heutzutage jedenfalls; die ersten Jahre war’s ein “struggle”, wie’s sich gehört)—und das vielen anderen Menschen lehrreiche Freuden bereitet. Aber davon kann sich jeder selbst überzeugen, der sich fürs kostenlose Abonnement einschreibt bei http://wordsmith.org/awad/subscriber.html
22.01.2007 14:19
Carl Schurz, Henryk und ich - drei Rheinländer in Washington, D.C.
Am Donnerstagabend las Henryk M. Broder in der deutschen Botschaft in Washington vor ausverkauftem Haus aus seinem Bestseller “Hurra, wir kapitulieren!” Eingeladen hatte die German Language Society, eingeführt und moderiert wurden die Lesung und die anschließende Diskussion mit dem Publikum von Rüdiger Lenz, dem Korrespondenten der Deutschen Welle, der sich auch mit Broder beim knapp einstündigen Vortrag von Passagen aus dem Buch abwechselte.
Für mich war es ein Erlebnis ganz besonderer Art—und das nicht nur, weil ich Henryk seit 44 oder 45 Jahren kenne, seit wir mit- und gegeneinander im Kölner Politischen Arbeitskreis Oberschulen unsere argumentativen Messer wetzten. Drum seien hier, im Interesse journalistischer Offenheit, Gemeinsamkeiten unserer Vergangenheit gebeichtet:
Einmal, bei einem Tanz in die Ferien der Tanzschule Dresen, scharwenzelten wir Obersekundaner, argwöhnisch einander beäugend, um dieselbe, wie es damals hieß, “flotte Biene” herum. Im folgenden Jahr, nun in der Prima, lagen wir miteinander als Chefredakteure …
15.01.2007 16:58
Grabschen nach Uschi Obermaier
For Old Times Sakes: Von Uschi Obermeier bis Floh de Cologne
Bei meinem Berlinbesuch letztes Frühjahr grabschte ich mir von einem Wühltisch mit verbilligten DVDs den Spielfilm ROTE SONNE, 1969 mit Uschi Obermaier in der Hauptrolle gedreht. Ich hatte zwar nie vorher davon gehört, aber irgendwann, dachte ich mir, gibt mir der vielleicht einen kreativen Nostalgieschubs; immerhin hatte ich Uschi und die Kommune 1 bereits 1967 in Aktion erlebt. Zuhause landete der Film allerdings zuerst mal auf einem Haufen ungesehener Scheiben, der sich bedrohlich bei mir auftürmt.
Heute las ich zufällig beim Browsen, daß Uschi Obermeiers eigenes stürmisches Leben kürzlich zum Stoff für ein Spielfilm wurde (vom Gruppensex der Kommunarden über heiße Nächte mit Mick Jagger und Keith Richards und ihre Heirat mit einem Reeperbahnbonzen bis zur Karriere als nunmehr sechzigjährige Schmuckverkäuferin in Kalifornien); der Streifen, EIGHT MILES HIGH, soll Anfang Februar auf den deutschen Markt …
15.01.2007 16:49
Der gewöhnliche Sadismus der Bürokratie
Als Sohn eines deutschen Beamten (mein Vater war bei der Steuerfahndung) weiß ich seit meiner Kindheit, daß Bürokraten auch nur Menschen sind—freundlich und hilfsbereit, wenn man Glück, gleichgültig, schludrig oder gar feindselig, wenn man Pech hat. Das trifft auch auf meine Erfahrungen mit der amerikanischen Bürokratie zu—wobei mir aufgefallen ist, daß amtliches Entgegenkommen, ja oft gar eine gewisse Liebenswürdigkeit im Umgang mit dem Bürger kleinstädtischen Amtsinhabern gewöhnlich leicht fällt; wenn ich zum Beispiel zum Sheriff gehe, um mir eine Lizenz erneuern zu lassen, sind die Angestellten immer zu einem gemütlichen Schwatz aufgelegt, und sogar als durchnumerierter0 Kunde im unpersönlichen Apparat des Straßenverkehrsamtes kann man die Leute hinter den Schaltern mit ein paar netten Worten zum Schmunzeln und zu leichter Konversation animieren.
Bei meinen beiden wichtigsten Begegnungen mit den amerikanischen Einwanderungsbehörden habe ich unverschämtes Glück gehabt. Die erste fand vor über einem Vierteljahrhundert im Berliner Generalkonsulat statt; zu der …


