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22.08.2008   18:56

My Two Cents

Ja, wer wird’s denn nun? Die Presse überschlägt sich, die Obama-Kampagne heizt seit Tagen das Feuer mit neuen Spekulationen an, da tritt Michael Phelps mit seinen acht Goldmedaillen in den Hintergrund, und die Blamagen der amerikanischen 100-Meter-Staffeln sind schnell vergessen. (Bleibt noch die Frage auf dem Talkshowteppich: Haben die chinesischen Turnerinnen mit ihren Altersangaben geschummelt bzw. die Pässe nicht gut genug gefälscht?)

Morgen werden wir’s alle wissen, wer Baracks Vizepräsidentschaftskandidat ist. Heute schmeiße ich meine zwei Cents auf den Roulettetisch und spekuliere mit; sollte ich recht haben, können wir alle sagen: Ha, die Achse des Guten hat es im voraus gewußt! Und ich verdinge mich beim Nachtfernsehen als Prophet. Wenn ich nicht recht habe, soll’s mir auch recht sein. Oder nicht—je nachdem, wie die Wahl tatsächlich ausfällt.

Also: Morgen vormittag tritt Barack Obama in Springfield, Illinois, dem Heimatort von Abraham Lincoln, gemeinsam …

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28.07.2008   11:51

Obama und die Ballermänner

Während sich Barack Obama foto- und videogen an der Siegessäule in Szene setzte, fuhr ich erstmals auf der hinteren Stoßstange meines Spritfressers meinen neuen Sticker spazieren, der mir an dem Tag von der linksliberalen Wählermobilisierungsorganisation MOVE-ON zugeschickt worden war. Da, wo man kürzlich noch undeutlich die Umrisse des Kerry-Edwards-Aufklebers von 2004 vermuten konnte, prangt nun schwarz auf weiß und dick und fett: OBAMA ‘08. An sich ist das in unserem geschichtsstolzen Universitätsstädtchen mitten in Virginia, Heimatort von drei der ersten fünf amerikanischen Präsidenten (Thomas Jefferson, James Monroe und James Madison—naja, wenn man’s genau nimmt, lebte letzterer etwa 30 Meilen entfernt, übernachtete aber des öfteren in Jeffersons Monticello) nicht ungewöhnlich, wenn es auch unter Anhängern des demokratischen Senators von Illinois wohl nicht allzuviele gibt, die schamlos so ein Achtzylinder-Ungetüm wie ich fahren. Ungewöhnlich dagegen, vielleicht einzigartig, ist die unmittelbare Nachbarschaft auf meiner Stoßstange, womit ich bereits links und rechts Anstoß erregt …

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22.05.2008   11:03

Bei Frishmans hinter der Treppe

TREPPENFAHRT IN JERUSALEM

[Von Frühjahr bis Herbst 1979 verbrachten meine Frau und ich ein knappes halbes Jahr in Jerusalem, davon die ersten drei Monate auf Einladung des damaligen Bürgermeisters Teddy Kollek in Mishkenot Sha’ananim, der an Yemin Moshe angrenzenden ehemaligen Karawanserei gegenüber den westlichen Stadtmauern der Altstadt. Mishkenot Sha’ananim hatte seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts jüdischen Pilgern als Unterkunft gedient und war dann zwanzig Jahre lang, von der Teilung Palästinas bis zum Sechstagekrieg, im Niemandsland zwischen der jordanisch besetzten Altstadt und dem israelischen Westen in Verfall und unter gelegentlichen arabischen Beschuß geraten. Nach 1967 wurde es von der Jerusalem Foundation als Gästehaus der Stadt mit allen modernen Annehmlichkeiten renoviert. Der folgende Text ist ein Auszug aus meinen unendlich in Flux befindlichen und eigentlich unvollendbaren Memoiren.]

Am 1. Juni 1979 frühmorgens legte unsere Autofähre nach knapp zweitägiger Überfahrt von Piräus über Nikosia im Hafen von Haifa an, …

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12.02.2008   22:04

Mit beschränkter Trauer

Am 6. Februar starb im Alter von achtzig Jahren der Schriftsteller, ehemalige Kulturfunktionär, DDR-Bejubler und Denunziant Dieter Noll. Trauer wäre da fehl am Platz; selbst mir, der als Westler nicht unter Typen wie ihm zu leiden hatte, kommt bei der bloßen Erwähnung seines Namens noch heute die Galle hoch.

Nolls Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre veröffentlichter zweibändiger, weitgehend autobiografisch beeinflußter Roman “Die Abenteuer des Werner Holt”, über den Weg eines zunächst kriegsbegeisterten, dann desillusionierten Jugendlichen von der Hitlerdiktatur zum “realen Sozialismus”, gehörte in der DDR zur Pflichtlektüre und ist literarisch gar nicht mal schlecht, wie ich in den letzten Tagen, getrieben von Neugier, nachlesen konnte. Eine Begabung zum wortgewandten Fabulieren ist bei Noll unverkennbar. Schlußfolgerung: Er hat sein künstlerisches Talent vor die bolschewistischen Säue geworfen.

Persönlich kannte ich Dieter Noll zwar nicht, aber hin und wieder gab es über vier Jahrzehnte hinweg merkwürdige …

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09.02.2008   20:22

Finger weg vom kleinen Ferkel!

Das Bundesfamilienministerium beabsichtigt, ein Kinderbuch auf den Index zu setzen, das aus atheistischer Sicht die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gehörig auf die Schippe nimmt. In “Wo bitte geht’s zu Gott” des Autors Michael Schmidt-Salomon, illlustriert von Helge Nyke, einem Buch “für alle, die sich nichts vormachen lassen”, wie’s im Untertitel heißt, einem “Heidenspaß für Groß und Klein”, machen sich ein Igel und ein Ferkel auf die Suche nach dem geheimnisvollen “Herrn”, an den im Gegensatz zu den Tieren so viele Menschen glauben, finden aber nur—in den Gestalten eines Rabbiners, eines Bischofs und eines Muftis—dogmatische Gralshüter, die den ungläubigen Tierchen den Garaus machen wollen und sich zum Schluß bei aller Einigkeit gegen die “Gotteslästerer” gegenseitig an den Kragen fahren. Das Ganze ist recht witzig aufbereitet, mit hübschen Bildchen garniert und, wie bei Büchern fürs erste Lesealter üblich, sehr vereinfachend argumentiert.

Im Indizierungsantrag heißt es …

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15.11.2007   17:26

Easy Rider Blues / Remix

And as we wind on down the road
our shadows taller than our soul…

Led Zeppelin, “Stairway to Heaven”

Das hätte ich mir im Februar 1968 nicht träumen lassen, als ich mit einem Bus voll Kölner Kriegsgegner nach Berlin zum Vietnamkongreß der APO fuhr—daß ich vierzig Jahre später die besten Vorsätze haben würde, an den Gedenkfeiern für die amerikanischen Soldaten teilzunehmen, die in jenem Krieg fielen.

Am 13. November dieses Jahres jährte sich zum fünfundzwanzigsten Mal die Einweihung des Vietnam Memorial in Washington, D.C., dieses von der damals einundzwanzigjährigen Studentin Maya Lin in einem anonymen architektonischen Wettbewerb entworfenen Geniestreichs einer Gedenkstätte. Am 11. November, in Erinnerung an den Waffenstillstand, der den Ersten Weltkrieg beendete, findet in den U.S.A. traditionell der “Veterans Day”statt, der Tag der Kriegsveteranen, und seit einigen Jahren hat sich zeitgleich eine neue Tradition eingebürgert, nämlich daß Freunde und Familienangehörige …

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12.10.2007   12:53

Nastrovje Ramadan!

Seit Monaten bastelt man bei uns an einem Hausanbau. Es gibt die üblichen Verzögerungen—wir haben uns darauf eingestellt und ärgern uns nur manchmal noch. Anfangs lag’s an Vermessungsfehlern des Architekten, später an Schludrigkeiten des Bauleiters.

Solange noch Beton fürs Säulenfundament gegossen wurde, erschienen jeden Morgen bis zu einem Dutzend Lateinamerikaner, die kein Englisch sprachen (nicht unwahrscheinlich, daß sie illegal im Land sind); Andy, ihr bulliger, doch immer melancholisch dreinblickender Vorarbeiter, dem leicht verblaßte Tätowierungen aus dem Hemd lugten, erzählte mir, er sei Sohn eines ungarischen Künstlers, der ‘56 in Budapest für Demokratie demonstriert hatte und dann so eben den russischen Panzern über die österreichische Grenze entkommen konnte, und eines Height Ashbury-Hippiemädels, das Mitte der Sechziger aus den Klauen ihrer strikten nordkarolinischen Eltern nach Kalifornien entfleucht war.

Als es an den Holzbau des eigentlichen Gebäudes ging, wurden Andy und seine betongießenden Latinos abgelöst …

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20.09.2007   13:35

Mohammeds Mutanten - heute: Peter Schütt

Ich möchte mich bei SAID für seine Antwort an Peter Schütt in der “Welt” bedanken, die Henryk Broder hier schon vorige Woche zitierte (http://www.welt.de/welt_print/article1174240/Du_verteidigst_einen_Islam_der_nur_in_Deinem_Hirn_existiert.html ); sie rief bei mir einige alte Erinnerungen wach. SAID spielt darauf an, daß der 1939 geborene Hamburger Schütt lange vor seiner Konversion zum Islam schon als Neunzehnjähriger vom Lutheraner zum Katholiken, dann zehn Jahre später (1968) zum Kremlanbeter mutiert war. Weniger bekannt ist eine Zwischenstation in der Reise von Dogma zu Dogma: Zwischen Katholizismus und DKP, zu seiner SDS-Zeit, war dieser frühere Kitschkommunist und jetzige Muselmanenmime übrigens auch mal Maoist, und aus der Zeit kann ich von einer eigenen Erfahrung mit ihm berichten, bei der mir noch heute das Lachen im Hals steckenbleibt: Als ich Schütt während eines Autorentreffens im Frühjahr 1967 zum erstenmal begegnete, versuchte ich eines Abends (ich glaub, beim Kneipengang nach einer Veranstaltung) dem “antiimperialistischen” Kauderwelsch, in dem er allwissend dozierte, mit …

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