Beiträge von Dirk Maxeiner
Kategorien
Archiv
19.07.2008 08:22
Arme Alphatiere
Von Maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 18.07.2008
Christian Wulff will kein „Alphatier“ sein. Verwundert schütteln die Beobachter den Kopf über sein Bekenntnis: „Mir fehlt der unbedingte Wille zur Macht.“ Warum outet sich ein erfolgreicher Politiker plötzlich als Sensibelchen? Eine mögliche Erklärung lieferte Wulff selbst: „Lustgewinn habe ich auf anderen Feldern.“ Das ist er ganz nah an den Erkenntnissen der Zoologie, aus der ja auch der Begriff „Alphatier“ stammt. Entgegen der früheren Annahme, dass der ranghöchste Affe den größten Erfolg bei den Weibchen hat, haben Wissenschaftler in jüngster Zeit herausgefunden: Alphamännchen werden von ihren weniger machtgierigen Geschlechtsgenossen ausgetrickst. So nutzen rangniedere Rhesusaffen jede Gelegenheit, um sich heimlich mit den Weibchen zu vergnügen. Klugerweise verhalten sich die weiblichen Affen bei diesen Affären viel leiser, als wenn sie mit dem Hordenchef kopulieren. Würzburger Wissenschaftler ermittelten durch Gentests die Herkunft der Nachkommen von Perugia-Kärpflingen, einer kleinen Fischart. Ergebnis: Kein …
16.07.2008 16:46
Just for the record
Eine Kurve zeigt oft mehr als tausend Worte. Hier der Verlauf der Globaltemperatur nach den Daten der offiziellen britischen Climate Research Unit (CRU). Das ist schon mehr als ein Knick in der Katastrophen-Optik. Es geht im Moment erkennbar bergab, aus welchen Gründen auch immer. Man weiß auch nicht, ob man sich drüber freuen soll. Aus pädagogischen Gründen vielleicht, aus grundsätzllichen Erwägungen eher nicht: Kalte Zeiten waren meist problematischer als warme.
11.07.2008 12:44
Arbeitsplatz-Voodoo
Von maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 11.07.2008
Wer in die Internet-Suchmaschine Google die Wortkombination „Schaffung von Arbeitsplätzen“ eingibt, findet über 860 000 Einträge. Das ist kein Wunder, schließlich ist die Redewendung eine Standardvokabel der Politik. Völlig egal welcher staatliche Eingriff gerade ansteht, es empfiehlt sich dringend ihn mit neuen Arbeitsplätzen zu begründen. Wirtschaftszweige, denen daraus ein Nachteil entsteht, lehnen diese Eingriffe meist ebenso routiniert mit dem Argument der „Gefährdung von Arbeitsplätzen“ ab. Das Problem: Was bleibt unterm Strich?
Als Beispiel kann das deutsche Gesetz über die Förderung der erneuerbaren Energien dienen. Das, so unser Umweltminister, erzeuge eine „Win-Win-Situation“ also einen Zustand in dem alle nur gewinnen können: Es schützt das Klima und schafft Arbeitsplätze. Ökonomen sind gegenüber solchen Versprechungen allerdings meist misstrauisch, denn ein Lehrsatz der Volkswirtschaft lautet. „There ain’t no such thing as a free lunch.“ Frei übersetzt heißt das: „Irgendeiner muss …
04.07.2008 15:30
Wer hat Angst vorm deutschen Film?
Im Original-Ambiente der 50er und 60er-Jahre fand gestern in München im Theatiner-Filmtheater die Premierenvorstellung zum Start des Dokumentarfilms “Auge in Auge” statt. Er erzählt die Geschichte des deutschen Films (was sich im Titel “Auge in Auge” leider nicht sofort erschließt, etwas provokanter hätte es ruhig sein dürfen). Die Kritiken im Vorfeld waren hymnisch und zwar zu recht. Das ganze dauert gute 100 Minuten und ist keine Sekunde langweilig. “Auge in Auge” ist sogar höchst amüsant und manchmal urkomisch. Die Geschichte des deutschen Films wird gleichsam undeutsch erzählt. Aber was ist eigentlich deutsch? Und was ist deutsch am deutschen Film? Oft sympathisch selbstironische Auskunft geben prominente Filmschaffende - von Dorris Dörrie über Wim Wenders bis Tom Tykwer. Anschauen lohnt sich wirklich. Alle Kinos und Termine hier.
02.07.2008 12:19
Wunsch und Wirklichkeit
Das Hybridauto “Toyota Prius” gilt als leibhaftige Umweltfreundlichkeit. US-Stars schmücken sich damit, sogar Renate Künast rief zum Kauf auf. Doch die Autokäufer wollen einfach nicht mitmachen. Bis Ende Mai wurden in Deutschland 1498 Prius verkauft, das sind noch einmal 600 weniger als im Vorjahr. Aus einem Bericht der FAZ zur Lage am Automarkt.
02.07.2008 12:06
Ethischer Lifestyle-Journalismus
Hajo Friedrichs, verstorbener Moderator der Tagesthemen, hat einmal den schönen Satz gesagt: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten”. Michalis Pantelouris, Chefredakteur des grünen Lifestylemagazins IVY, propagiert hingegen einen “ethischen Lifestyle-Journalismus”. In einem Interview sagte er: “Wer die Welt nicht verbessern will, hat im Journalismus sowieso nichts zu suchen”. Na denn. Quelle. “Umweltjournalist. Das Magazin für Umweltjournalismus.”
24.06.2008 10:05
Sommer, Sonne, Autobahn
Von Maxeiner & Miersch erschienen in DIE WELT vom 20.06.2008
Wir schreiben an dieser Stelle meistens über Dinge, bei denen wir uns einig sind. Eine Sache, bei der uns das partout nicht gelingen will, ist das Autofahren. Wir meinen das gemeinsame Autofahren. Deshalb nehmen wir meistens die Bahn. Das ist aber manchmal zu umständlich. Deshalb fuhren wir kürzlich mit einem Leihwagen zu einer Veranstaltung im schönen Tirol. Der Urlaubsverkehr war schon voll entbrannt und strapazierte die Nerven - besonders die von Maxeiner.
Der saß nämlich auf dem Beifahrersitz. Der Fahrer, so sagen Psychologen, empfindet das Auto als erweiterten Körper, den er souverän beherrscht. Der Beifahrer empfindet genauso, nur wird sein Körper beherrscht. Er ist zur Passivität verdammt, und fühlt sich unbewusst als würden seine Organe vom Fahrer gesteuert. Der Beifahrer ist eine Marionette. Knapp 20 Millionen deutsche Beifahrer altern in Rekordzeit - hilflos den Ein- und …
16.06.2008 19:54
Ein neues Phänomen: Antisemitismus ohne Antisemiten
Henryk Broders heutiger Redebeitrag vor dem Innenausschuss des Bundestages:
Meine Damen und Herren, liebe Kollegen, sehr geehrte Frau Köhler, sehr geehrter Herr Edathy,
ich danke Ihnen für die Einladung zu dieser Anhörung. Es ist mir eine Ehre, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich weiß, dass es einige Irritationen wegen meiner Teilnahme gegeben hat. Aber ich bin sicher, dass Sie am Ende meines Statements es nicht bereuen werden, mich eingeladen zu haben.
Es ist nicht die erste Anhörung zum Thema Antisemitismus, und es wird nicht die letzte bleiben. Seit der Schriftsteller und bekennende Judenfeind Wilhelm Marr im Jahre 1879 die Schrift „Der Sieg des Germanenthums über das Judenthum – Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet“ veröffentlichte und damit zum Wortführer des politischen Antisemitismus im Kaiserreich avancierte, hat es zahllose Versuche gegeben, den Antisemitismus zu definieren, zu erklären und zu neutralisierten – sie sind alle gescheitert. Wäre …

