Beiträge von Dr. Cora Stephan
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11.09.2007 10:39
Wer nicht für uns ist…
„Haben Sie etwa was gegen Ausländer?“ So fragte jüngst ein Rüpel, der sich vorgedrängelt hatte und an dem man nur das auszusetzen hatte, mitnichten seine sonstigen Attribute – und schon gar nicht wollte man es sich mit allen Ausländern verderben, nur weil man diesen einen hier unangenehm fand.
Pars pro toto, man nimmt sich selbst fürs Ganze – das ist ein Muster, das seit einigen Jahren immer beliebter wird. Menschen oder ihre Meinungen und Überzeugungen stehen nicht mehr für sich selbst, sondern für ein größeres Ganzes, und kritisiert man sie, macht man sich in einem weit über den Anlaß hinausgehenden Maß schuldig: wahlweise an der muslimischen Welt, an der Natur, an den Frauen, an der Menschheit.
26.06.2007 12:07
Frauen sind die besseren Menschen, oder?
Haben wir’s nicht immer schon gesagt? Frauen sind das bessere Geschlecht. Hübscher, klüger, selbstbewußter, zielstrebiger, Alpha-Mädchen eben, wie der Spiegel vergangene Woche titelte. Die Jungs? Schmieren gewaltig ab. Vor allem die im Osten sitzen mit fauler Wampe und Flaschenbier vorm Fernseher oder gehen gleich zu den Neonazis. Frau geht da lieber in den Westen und angelt sich einen, der ihr ebenbürtig ist, sofern die Konkurrenz noch einen übrig gelassen hat. Nicht so’n Loser, eben.
Ach, in einen so hübschen kleinen Goldfischteich, der geradezu nach Champagner dürstet, gießt man ungern Wasser. Und doch: es muß.
Denn so Gold ist es eben nicht. Trotz Kanzlerinnenbonus sind ganz oben die Männer auch weiterhin unter sich. Kinderkriegen ist trotz Ursula von der Leyen weiterhin ein Karrierehindernis, weshalb es sich für Frauen noch immer lohnt, in den Heiratsmarkt, also ihr Äußeres, zu investieren, statt in die inneren Bildungswerte und damit in den Arbeitsmarkt. Ob das neue Unterhaltsrecht daran etwas ändert, wird man sehen. Gewiß aber, und das ist die gute Botschaft, sind Wirtschaft und Demografie auf der Seite der Frauen. Der Mangel an Fachkräften läßt die Unternehmer um die gutausgebildeten Frauen buhlen – und um die qualifizierten älteren Arbeitnehmer. Beides gehört zusammen, denn wenn Frau nicht mehr damit rechnen muß, nach einer Kinderpause schon mit 40 schwer vermittelbar zu sein, entkrampft sich auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau, die bislang gezwungen sind, in einem verdammt kurzen Zeitraum Nachwuchs und Karriere zugleich bewältigen zu müssen.
26.06.2007 12:04
Verliebt in den Untergang
In der Hamburger Spiegelredaktion wird es kürzlich nicht anders zugegangen sein als an anderen Stammtischen der Nation auch: Die Edelfedern dürften sich gestritten haben wie die Kesselflicker. Denn den Titel des Nachrichtenmagazins schmückte eine schwitzende blonde Comic-Heldin vor zerfließendem Globus, „Hilfe ... Die Erde schmilzt!“ seufzen. Untertitel: Die große Klimahysterie.
Was denn? Doch keine Klimakatastrophe? Die Käufer und Aktionäre im Energiesparlampenbereich und die Betreiber von Kernkraftwerken werden sich bedanken: Eben noch ging es so schön abwärts und deshalb aufwärts mit den Kursen und Gewinnen! Und jetzt das!
Aber keine Bange. Wer glaubt schon einer Entwarnung? Doch nicht wir! Und ausgerechnet bei unserem Lieblingsgrößenwahn. Nein, die Hamburger haben nur ein bißchen gefummelt an einem unerschütterlichen Tabu, das sie selbst mitfabriziert haben und das mit keinem noch so sorgfältig recherchierten und wissenschaftlich grundierten Zwischenruf mehr aus der Welt geschafft werden kann. Die Welt geht unter und wir sind schuld daran, basta. Das kann uns niemand nehmen.
04.04.2007 18:49
„Wahrlich, ich sage dir: heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Da, wo ich lebe, habe ich es nicht weit zum Paradies. Es liegt ganz um die Ecke. Es ist auch nicht schwer, dort hinzugelangen: das Paradies ist gut zu Fuß zu erreichen, hat viele Parkplätze und extra welche für Frauen und Behinderte. Wenn man ankommt, wird man warm empfangen: es ist gut geheizt, hell erleuchtet, farbenfroh dekoriert und hat mehrere Stockwerke, die man über Rolltreppen erreicht. Oder über einen Fahrstuhl. Ob die Menschen gern dorthin gehen, weiß ich nicht, auch nicht, ob sie es als Verheißung empfinden, dort zu verkehren. Denn wenn sie das Paradies wieder verlassen, haben sie meist schwer zu tragen. Doch das spricht nicht gegen das Paradies, höchstens dafür, daß die Menschen gefunden haben, wonach sie suchten.
21.03.2007 12:25
Universum Holzschnitt
Wir vergreisen, erzählen sie uns immer mal wieder, die netten jungen Damen und Herren aus der meinungsprägenden Klasse, die in Presse, Funk und Fernsehen die Deutungshoheit innehaben. Irrtum, sage ich. Wir leben, im Gegenteil, in einer zunehmend infantilen Gesellschaft. In Legoland, wo die Überraschungseier auf den Bäumen wachsen. Im Reich von Gut und Böse, von Verdammnis und Erlösung, von Schwarz und Weiß. Im Universum Holzschnitt, mit anderen Worten.
Erwachsen war gestern. Statt reifer Menschen mit einem gewissen Quantum an Vernunft und Lebenserfahrung scheinen in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2007 jede Menge Unmündige zu hausen, die von den wenigen Durchblickern an die Hand genommen werden müssen. Mal mit freundlicher Nachsicht, mal unerbittlich: mit Mahnen und Warnen, mit Zurechtweisung und Andenprangerstellen, mit Strafen und Verboten. Noch bevor irgendjemand sagen kann: „Laß uns mal nachdenken, bevor wir darüber reden“ oder „Ich möchte mir erst ein Bild machen, bevor ich eine Meinung habe“, haben die Erzieher der Nation das Problem bereits griffig auf den Punkt gebracht und den richtigen moralischen Schluß daraus gezogen. Die Welt der Phänomene dient ihnen nur zu einem einzigen Zweck: aus ihnen ein weiterer Erziehungsziel zu generieren.
Ein Jugendlicher hat sich mit geschätzten 50 Gläsern Tequila ins Koma getrunken? Schon weiß man in den Medien, daß Komatrinken neuer Trend ist bei der Jugend. Und was schließen wir daraus? Natürlich! „Alkoholverbot für Jugendliche!“
20.02.2007 00:40
Beamte des Terrors
Brigitte Mohnhaupt, „die Beamtin des Terrors“, wie die FAZ sie treffend benennt, wird auf Bewährung entlassen, und ob Christian Klar begnadigt wird, entscheidet der Bundespräsident. Soweit alles klar und alles Rechtens. Dieser Staat nimmt keine Rache und verlangt auch keine Reue – die man wahrscheinlich noch nicht einmal hören wollte. Aufklärung darüber, wer wann wen erschossen hat, wäre indes mehr als erwünscht – aber das verbietet den RAF-Leuten ihr „Stolz“, wie Spiegel-online anerkennend bemerkt. Oder nicht vielmehr – ihre Ganovenehre?
19.01.2007 19:15
Freiheit für wen?
Wenn umstürzlerische Ideen auf der Ebene bürokratischer Verordnungen angelangt sind, bleibt vom Charme nichts übrig, den sie ursprünglich mal gehabt haben mögen. Der Frauenbewegung der 70er Jahre jedenfalls gereicht es nicht zur Ehre, daß einige ihrer damals schon umstrittenen Vorstellungen mittlerweile regierungsamtlich sind. Vom neuen Diskriminierungsgesetz profitieren vor allem die Anwälte, die politisch korrekte Bibelübersetzung hat immerhin Arbeitsplätze geschaffen, aber gegen Gender Mainstreaming spricht nicht nur, daß niemand versteht, was damit gemeint sein soll. Auch das Bundesverdienstkreuz für Alice Schwarzer ist kein Sieg des Feminismus, sondern recht eigentlich die Entsorgung des Problems: Alice Schwarzer auszuzeichnen, kostet nichts.
20.11.2006 01:14
Angst vor der Konkurrenz
Während man in der alten Bundesrepublik jahrelang mit hippiehafter Naivität von den Wundern einer multikulturellen Gesellschaft schwärmte und gleich alle reinlassen woll-te, die irgendwie exotisch wirkten, beharrte man auf der anderen Seite des politischen Spektrums mit der Behauptung, Deutschland sei kein Einwanderungsland, auf einem fiktiven Status Quo und verzichtete auf das einzig wirkungsvolle Steuerungsinstrument. Das Ergebnis: es sind nicht unbedingt die Integrationswilligen und –fähigen, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind.
Wollte man es damals nicht wissen oder fand man die Diskussion angesichts der deut-schen Vergangenheit politisch unkorrekt? Eine Einwanderungsgesellschaft kann sich aussuchen, wen sie einlädt, an den Segnungen und Leistungen des eigenen Landes teil-zunehmen. Typische Einwanderungsländer vergeben ihre Greencard nur nach gründ-lichster Prüfung und nur nach dem Prinzip des eigenen Nutzens.


