Beiträge von Burkhard Müller-Ullrich
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02.03.2013 18:57
Weder Frau noch Mann oder beides zugleich
In dieser schrecklichen Welt der Gewalt, in der zu leben wir bis jetzt gezwungen sind, kommt vieles Elend von den Strukturen. Das weiß heutzutage jeder, der zehn Minuten Philosophie studiert hat, auch wenn sie sich dann zu zehn Jahren, das heißt: zwanzig Semestern dehnten. Diese Dehnung hängt in den meisten Fällen damit zusammen, daß er oder sie oder es oder nrK möglichst lange in dem seligen Zustand der Unentschiedenheit verharren wollte. Denn mit der Berufsentscheidung fängt ja die strukturelle Gewalt bereits an – oder nein: eigentlich schon viel früher, mit der Geburt. Da man nicht gleichzeitig sein und nicht sein kann, ist das Geborenwerden schon ein heftiger Eingriff in das Privatleben, denn gefragt wird man, das heißt: er oder sie oder es oder nrK vorher nicht. Auch wird das Selbstbestimmungsrecht im Hinblick auf das
06.01.2013 19:12
Routenneuberechnung - 100 Orientierungsglossen
Eine Warnung gleich vorweg: Klicken Sie NICHT auf diesen Link!
http://www.amazon.de/dp/B00AU3NK8Q
Das Buch, das hier beworben wird, strotzt von Belanglosigkeiten. Es braucht Sie nicht zu interessieren, denn es enthält nichts wirklich Neues. Es ist nicht hilfreich. Es trägt nicht zur Lösung der drängenden und gewaltigen Weltprobleme bei. Schlimmer noch: es lenkt in einem gewissen Maße sogar davon ab. Insofern ist es ein gefährliches Buch.
Unter dem harmlosen Titel „Routenneuberechnung“ versucht der Autor, Scherze über die vielfältigen Probleme des modernen Verkehrs zu machen. Aber Scherze sind nicht jedermanns Sache. Lassen Sie die Finger von diesem Buch, wenn Sie ankommen und nicht bloß herumkommen wollen. Wenn Sie sich nicht desorientieren lassen wollen. Im Zweifelsfall ist Ihnen das Geld (5,15 Euro) zu schade für solche
14.11.2012 01:24
Ups - schon wieder Akten vernichtet
Nicht erst seit der Aufklärung ist der menschliche Wille eine große Sache. Schon bei den Römern gab es ein Sprichwort, das da lautet: Wenngleich die Kräfte fehlen, so ist doch der Wille zu loben. Das heißt, alles, was tatsächlich geschieht, muß vor dem Hintergrund des eigentlich Beabsichtigten gewürdigt und bewertet werden. Und zwar im Guten wie im Bösen. Wenn beispielsweise jemand einen Schaden verursacht, dann stellt sich in den Kategorien unseres abendländischen Denkens sofort die Frage: Geschah es extra oder aus Versehen? Danach bemißt sich die Schwere der Schuld und nach ihr gegebenenfalls die Strafe.
Daher lautet der wichtigste juristische Ratschlag überhaupt: Man stelle sich so dumm wie möglich! Wer wegen überhöhter Geschwindigkeit von der Polizei geschnappt wird, sollte niemals sagen: ‚Ich habe mich doch
07.11.2012 10:34
Der 5-Wochen-Kredit der Deutschen Bahn AG
Am 29. September 2012 sprang im Gleisvorfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs ein Intercity aus den Schienen. Das daraus resultierende Chaos hielt noch am 30. September an und führte unter anderem dazu, daß der Zug, mit dem ich nach Köln fahren wollte, annulliert wurde. Um das für meine Fahr- und Platzkarte gezahlte Geld wiederzubekommen, füllte ich das „Fahrgastrechte-Formular“, das die Bahn im Internet anbietet, aus und sandte es tags darauf an die dort angegebene Adresse des „Servicecenters Fahrgastrechte“ in Frankfurt am Main.
Zwei Wochen und zwei Tage später, am 18. Oktober bekam ich von dieser Stelle einen Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, man habe den von mir „eingereichten Sachverhalt“ (kann man Sachverhalte „einreichen“?) an DB Fernverkehr AG in Bamberg zur Bearbeitung weitergeleitet. Was, so fragte ich
06.11.2012 00:19
Koalitionsgipfel
Die Theatralisierung von Politik hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Staunend sieht das Publikum, wie aus gewöhnlichem Regierungshandeln eine superlativische Showveranstaltung wird, die in jeder Zeitung große Besprechungen bekommt und in den elektronischen Medien eine Nachhallzeit von anderthalb Tagen. Schon die Bezeichnung „Gipfel“ löst ja Höhepunktgefühle aus: eine Sternstunden-Stimmung, in der die unsägliche Nichtigkeit der Inhalte („Praxisgebühr“, „Betreuungsgeld“) gar nicht mehr auffällt. So weit ist es schon gekommen, daß die ganze Republik in eine Art Erwartungs-Ekstase gerät, wenn sich die gewählten Verantwortlichen mal zu einer Besprechung treffen.
Darin spiegelt sich allerdings genau der generelle Kategorienverlust, die Fusion von Wichtig und Unwichtig, die nicht nur in der Politik stattfindet.
05.11.2012 00:46
Gesödert, nicht gestreppt
Unerbetene Anrufe gibt es seit der Erfindung des Telefons, aber jeder kann bezeugen, daß sie zunehmen. Hier ist das Meinungsforschungsinstitut, hätten Sie ein paar Minuten Zeit? Hier ist Ihr Telefonanbieter, wir möchten Ihnen Sie auf einen neuen Tarif hinweisen. Hier ist das Versicherungsbüro XY, haben Sie schon mal darüber nachgedacht, was aus Ihrer Familie wird, wenn Ihnen etwas zustößt?
Auch die Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens kennen dergleichen, und diese Erfahrung kann im Umgang mit Anrufen aus Parteizentralen hilfreich sein. Allerdings gibt es einen Unterschied zu den Quengeleien irgendwelcher Call-Center: die Parteizentralen haben Macht. Sie bestimmen, wer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen was wird. Und wer was geworden ist oder noch werden will, bestimmt, was gesendet wird.
22.10.2012 22:45
Breiviks goldene Worte
Was für ein Jammer, daß Mohammed Atta so wenig geschrieben und gesagt hat. Seine Manifeste und Deklarationen würden bestimmt auf Podien und Bühnen vorgelesen, denn manche Theaterleute gieren geradezu nach solchem Stoff. Auch die Äußerungen von Klaus Barbie, Osama bin Laden und Carlos wurden noch längst nicht ausreichend deklamiert, inszeniert und publiziert – und mit dem Massenmörder von Utoya stehen wir erst am Anfang der künstlerischen Verwurstung.
Die erfolgt natürlich ganz und gar im Zeichen des Abscheus und zum Zwecke der Verdammung. Das ist ungefähr so überzeugend wie bei jener Boulevardzeitung, die auf einer ganzen Seite irgendwelche anstößigen Bilder druckte, und zwar unter der Überschrift: „Solche Bilder wollen wir nicht sehen!“ Bloß daß der Tanz mit dem bösen Text stets als Aufklärung ausgegeben wird.
27.06.2012 18:55
Nicht zum Hinsehen: Bundeskanzlerin im Stadion
Eigentlich sollten die Kameras pietätvoll wegschwenken, wenn die Kanzlerin sich freut. Denn das sieht schon nach einem klinischen Fall aus – in der Zeitlupe zumindest. Die Handflächen einwärts gekrümmt, die Schultern hochgezogen, der ganze Körper in einer Art Starrkrampf – so präsentiert sich Angela Merkel in ausgelassenen Momenten. Wenn sie jubelt, ist es, als hätte sie das Jubeln gerade im Rahmen einer Elektroschocktherapie gelernt: übertrieben ekstatisch, eckig und statisch, eine fleischgewordene Blockade. Wenn sie die Arme hochreißt, ist es, als gäbe es in Kopfhöhe einen festen Anschlagspunkt; deswegen reißt sie die Arme nur andeutungsweise hoch – wie jemand, der, anstatt „hurra!“ zu schreien, ständig ruft: „Mir ist, als möchte ich hurra schreien; mir ist, als möchte ich hurra schreien!“
Diese


