Beiträge von Burkhard Müller-Ullrich
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12.08.2007 22:38
Der mediale Schnellschießbefehl
Was für ein Sensationsfund! Und welch eine Aufregung! Landauf, landab wurde es stündlich in den Nachrichten gemeldet, die Sonntagszeitungen waren voll davon: ein Dokument sei aufgetaucht, das endlich belege, was von den führenden Köpfen des DDR-Regimes immer bestritten wurde, nämlich daß es einen Befehl ab, auf Menschen zu schießen, die das Land auf dem Fluchtwege verlassen wollten, Frauen und Kinder inbegriffen. Als ob irgendwo beim Militär ohne Befehl geschossen würde.
Die Fundmeldung war eine fabelhafte Gelegenheit, das Funktionieren unseres Medienbetriebs und seiner politischen Reflexbögen zu studieren; zur Geschichtsaufklärung trug der Fund indessen nicht das Geringste bei. Denn der Text des Schießbefehls war bereits vor zehn Jahren publiziert worden – zwar an entlegener Stelle, in einem Forschungsband, den kaum jemand zur Kenntnis nahm, aber der Neuigkeitswert der Sensationsmeldung des gestrigen Sonntags war damit allemal dahin.
Trotzdem erzitterte die Republik in einer Art historiographischem Starrkrampf: Journalisten bemühten sich, …
21.05.2007 00:08
Heute: Tag der kulturellen Vielfalt
Die schreckliche Globalisierung nimmt uns Arbeitsplätze weg, zerstört das Sozialgefüge und stürzt den satten Westen in Verelendung, aber selbst wenn man ihre wirtschaftlichen Folgen ausnahmslos verdammenswert findet, in kultureller Hinsicht muß man die Globalisierung wenigstens aus einem Grund begrüßen: sie fördert den weltweiten Kontakt, den Austausch und damit die Vielfalt. Kulturschaffende und Kulturprodukte zirkulieren wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte rund um die Erde, und wo diesem Prozeß noch politische und praktische Widerstände entgegenstehen, da sorgt der berühmte Globalisierungsdruck dafür, daß neue Wege gefunden, neue Schneisen geschlagen und neue Brücken gebaut werden.
Eigentlich müßte die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, darüber froh sein. Sie ist es jedoch keineswegs. Statt dessen jammert sie über den Verlust von Vielfalt. Globalisierung ist für sie nämlich gleichbedeutend mit amerikanischer Invasion, und Kultur ist für sie gleichbedeutend mit Unterhaltungsindustrie. Diese Perspektive entspricht genau der protektionistischen Politik Frankreichs, das in seinem ewigen Kampf …
23.04.2007 17:11
Heute: Tag des Bieres. Bald: Tag des Biosprits.
Erst kam das Reinheitsgebot, dann das Dosenpfand: Bier ist so etwas von umweltfreundlich, daß man schon aus Naturschutzgründen täglich mehrere Liter trinken sollte. Während Wein Glykol, Wasser Schwermetall und Cola Cola enthält, ist Bier vom ersten bis zum letzten Schluck ein Bekenntnis zur deutschen Reinheit und insofern auch ein Politikum. Deswegen brauchen wir schnellstmöglich eine amtliche Mindestschluckverordnung, ein Gesetz zur Ankurbelung des dramatisch abnehmenden Bierkonsums. Denn schon haben uns die Tschechen und die Iren in der Trinkstatistik überholt. Vor allem die Stamm-Gruppe der Stammwürze-Fans, die 30- bis 45-Jährigen werden dem Bier in so beängstigenden Maße abtrünnig, daß man das Biertrinken nicht nur als Bürgerrecht betrachten, sondern mindestens zur Bürgerpflicht erklären sollte.
Bier ist bio: allein mit diesem Motto müßte es möglich sein, eine Quotenregelung durchzusetzen wie bei allem anderen, was bio ist – wie etwa dem Biobenzin. Seit Anfang dieses Jahres müssen Kraftstoffen ja Anteile von landwirtschaftlich erzeugtem …
22.04.2007 21:47
Zur Wahl in Frankreich
Denjenigen Beobachtern, die Frankreich für ein politisch unzuverlässiges, ja gefährliches Land halten und es womöglich schon zu einer Belastung für Europa stempeln wollen, wurde am gestrigen Sonntag eine Belehrung zuteil: die Franzosen haben nämlich ein denkbar kluges Wahlergebnis produziert.
Da ist zunächst die Wahlbeteiligung: mit knapp 85 Prozent ein Rekord der 1958 von De Gaulle ausgerufenen V. Republik – ein Wert, der nur bei De Gaulles erster Wahl zum Präsidenten erreicht wurde. In diesem Wert drückt sich nicht nur die politische Mobilisierung der Nation als solcher aus, sondern er weist speziell auch auf die Verjüngung der politischen Akteure hin: sowohl der 52-jährige Kandidat der Rechten, Nicolas Sarkozy, als auch die 53-jährige Sozialistin Ségolène Royal sind die jüngsten Präsidentenkandidaten seit Giscard d’Estaing und haben schon deswegen jüngere Wählerschichten an die Urne gebracht.
Sodann ist dieses Wahlergebnis von einem beispiellosen Niedergang extremistischer Positionen jeglicher Couleur gekennzeichnet: Für den …
19.04.2007 14:48
Die Waffenkommentare sind zum Schießen!
Was für ein großartiger Seufzer der Erleichterung entringt sich tausend europäischen Kommentatorenkehlen angesichts der blutigen Tragödie im fernen Virginien: „Selber schuld!“, lautet ihr Fazit. „Selber schuld!“ ist die wohl primitivste Form von Mitleidsverweigerung, über die der Mensch verfügt. Wenn Eltern das Schmerzgeschrei ihres hingefallenen Kindes nicht ertragen, dann sagen sie ihm, es sei selber schuld. Wenn irgend etwas Schlimmes in Amerika passiert, dann heißt es bei uns in Presse, Funk und Fernsehen, die Amerikaner seien selber schuld. Verwüsten Wirbelstürme Stadt und Land, dann liegt es daran, daß die USA das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet haben. Bringt ein Verrückter 33 Menschen um, dann bekommen die journalistischen Fernfuchtler erst richtig Oberwasser. Dann können sie ihren Lesern, Hörern und Zuschauern nämlich erklären, warum die Vereinigten Staaten nicht funktionieren.
Vom Zürcher „Tages-Anzeiger“ bis „Le Monde“ und vom „Independent“ bis zum „Corriere della Sera“ weht einhellige Empörung durch den Blätterwald: die unzivilisierten Amis mit …
20.03.2007 11:54
Horror im Aquarium - Der Staatsanwalt ermittelt
Die Kieler Polizei hat einen Fang gemacht. Es handelt sich um keinen großen Fisch, der ihr ins Netz gegangen ist, es sind nur mehrere kleine, kaum länger als Büroklammern. Aber sie leuchten! In der Tat besitzen die bei dem Polizeieinsatz beschlagnahmten Zebrabärblinge eine Eigenschaft, die sie bei Aquariumsbesitzern auf der ganzen Welt begehrt macht: sie stammen nämlich aus einer genetisch veränderten Zucht, und das ihnen eingepflanzte Gen bewirkt, daß die Fischlein grün, orange oder rot fluoreszieren.
Doch offiziell darf man so etwas nicht niedlich finden, schließlich handelt es sich um genmanipulierte Lebewesen, also um Monster, um Schwimmer der Apokalypse. Ihr Vertrieb, ganz zu schweigen von der Zucht, ist in Europa streng verboten; dem Händler drohen 50 000 Euro Bußgeld und Gefängnis. In den USA, wo die Harmlosigkeit der Leuchtfische von mehreren Behörden geprüft und bescheinigt wurde, kann man sie unter der Bezeichnung ‚Glofish’ für fünf Dollar pro Stück …
19.03.2007 22:54
Das Mündel will Wähler sein
Nicht nur das Volk ist unzufrieden mit seinen Politikern, auch die Politiker sind es mit ihrem Volk. Die Politiker möchten deshalb einem Vorschlag Berthold Brechts folgend ein anderes Wahlvolk wählen. Das ist natürlich nicht ganz leicht, aber partiell läßt es sich machen. Zum Beispiel läßt sich an der Altersgrenze drehen, die das Wahlvolk von den Kindern trennt. Wenn auch Kinder wählen dürfen, dann – so hoffen Grüne, SPD und FDP – sehen die Wahlergebnisse anders aus.
Nachdem die letzte Debatte um das Kinderwahlrecht schon fast vier Jahre zurück liegt, rollt jetzt die nächste Welle an. Diesmal geht es nicht um Babies, die ihren Eltern zusätzliche Stimmzettel verschaffen, sondern bloß um das Heer der Halbstarken. Es geht um die Herabsetzung des Wahlalters auf sechzehn Jahre.
Die Begründungen dafür sind allerdings haarsträubend: Niedersachsens SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner behauptet beispielsweise, Jugendliche seien „heute früher reifer“. Wo hat er das her? …
15.03.2007 12:02
Deutschland wird hitlerfrei
75 Jahre und zwei Wochen nachdem der staatenlose Adolf Hitler Deutscher wurde, hat sich die niedersächsische SPD-Landtagsfraktion zum Widerstand entschlossen. Sie läßt jetzt allen Ernstes prüfen, ob man dem Führer die deutsche Staatsbürgerschaft nicht wieder aberkennen kann, womöglich wegen schlechter Führung.
In der Tat wurde Hitler im Februar 1932 vom damaligen Land Braunschweig eingebürgert und zum Regierungsrat ernannt, deshalb soll Niedersachsen als Rechtsnachfolger des Landes Braunschweig die Sache rückgängig machen – posthum, was rechtlich nicht ganz einfach ist. Denn im Gegensatz zu einer Ehrenbürgerschaft, die je nach der politischen Zeitstimmung verliehen oder aufgehoben werden kann, ist die Nationalität ein Faktum, an dem sich nicht leicht rütteln läßt. Man kann zwar – wie jetzt in Bad Doberan – versuchen, die peinlich frühe Ehrung Hitlers durch das Stadtparlament zu annullieren, um vor den G8-Chefs, die dort im Juni tagen, nicht so blöd dazustehen, aber daß ein Rechtsstaat rückwirkend an den …

