Beiträge von Burkhard Müller-Ullrich
Kategorien
Archiv
12.12.2007 01:11
Kultur, Enquête und Kniebeugen
Es gibt kaum einen Politiker, der sagt, er sei gegen die Kulturförderung, sie solle gekürzt und das Geld lieber anderswie verwendet werden. Hingegen fordert jeder Politiker das Gegenteil und wird nicht müde, die Bedeutung der Kultur hervorzuheben und sich für ihre Finanzierung, nein: für die nachhaltige Sicherstellung ihrer Finanzierung, nein: für die Verstärkung und Erhöhung ihrer Finanzierung einzusetzen. Kultur ist also etwas, worüber sich alle prinzipiell einig sind. Das macht die Arbeit der parlamentarischen Enquête-Kommission zum Thema kultur außerordentlich streßarm und erfreulich.
Das macht sie aber auch verdächtig. Denn jede Art der Politisierung von Kultur führt weg von dem, was Kultur eigentlich ist. Kultur ist nämlich keine staatliche Veranstaltung und auch kein öffentlicher Dienst. Es stimmt zwar, daß ein guter Staat auch die Kultur fördert und schützt, aber wie das genau auszusehen habe, läßt sich gar nicht einfach bestimmen. Kultur ist eben nicht etwas, über das Lieferverträge abgeschlossen …
07.12.2007 12:24
“Klimawort” ist die “Katastrophe des Jahres”
Wer oder was außer dem Friedensnobelpreis für Al Gore könnte die sogenannte Klimakatastrophe wohl noch aufhalten? Vielleicht die Gesellschaft für Deutsche Sprache, die auf der Suche nach dem prägenden Wort des Jahres 2007 eben jene Klimakatastrophe fand, die tatsächlich in aller Munde ist? Allerdings ist sie das schon seit längerem, aber in den letzten Jahren erschienen den Wiesbadener Sprachpflegern „Fanmeile“ und „Bundeskanzlerin“ als wichtiger. Sprache ist eben immer mit Willkür verbunden; der Ausdruck, den wir einer Sache geben, enthält stets die Vorstellung, die wir von ihr haben. Es gibt keine Sprache, die sich selber spricht – mögen das auch Philosophen wie Heidegger und manche Dichter anders gesehen haben. „Die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort“, sagte der wegen seines 150. Todestags gerade viel erwähnte Eichendorff. Und Stefan George, dank einer großen Biographie auch wieder gegenwärtiger, behauptete, daß „kein Ding sei, wo das Wort gebricht“. Solche Überlegungen …
06.12.2007 12:03
Das große Geld
Galgenholz ist selten geworden, und auch der Strick eines Gehängten ist nicht leicht aufzutreiben. Mit solchen Accessoires unter dem Kopfkissen glaubten früher manche Menschen, von den richtigen Lottozahlen zu träumen. Auch heute noch reißt das Lottospiel einige Abgründe in der Volksseele auf, wie sich gerade jetzt wieder zeigte, da ein für deutsche Verhältnisse rekordmäßig gefüllter Jackpot enormen Zulauf brachte. Genau das ist übrigens seine Funktion: Durch die Einführung der sogenannten Superzahl vor exakt 16 Jahren wurden die ohnehin ziemlich geringen Chancen auf die höchste Gewinnklasse nochmals um 90 Prozent reduziert, damit sich der Jackpot öfters fülle. Denn Lotto lebt von der Abwegigkeit. Lotto ist negative Vernunft. Lotto ist Hysterie.
Nun hat die Vorstellung des ganz großen Geldes, auf der das Lottospiel beruht, in letzter Zeit eine interessante Umwertung erfahren. Da ist zum Beispiel die surrealistische Abgehobenheit der Finanzmärkte, auf denen sich tagtäglich die wildesten Umverteilungsphantasien ganz ohne Revolution …
04.12.2007 11:30
Friedenssteine in Berlin
Der Mann sieht aus wie eine Mischung aus Reinhold Messner und Richard Branson, bloß etwas älter und ausgeblichener. Er ist auch mindestens so weit herumgekommen wie die beiden, und vor allem: er hat denselben Blick ins Weite, den visionären Gestus des wahrhaften Globaldenkers und Mutter-Erde-Propheten. Nur daß der 74-jährige Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld noch nicht ganz so bekannt ist. Aber das wird sich geben.
Denn der Irrsinn, mit dem er die Welt beglücken möchte, hat ein so gewaltiges PR-Potential, daß es schon mit dem Teufel zugehen müßte, wenn Politik und Medien nicht voll darauf anspringen. Herr von Schwarzenfeld möchte nämlich ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für den Frieden, mitten in Berlin. In der Tat ist Berlin eine so friedenszeichenarme Stadt, daß sich der Senat und zahllose Sponsoren nachgerade darum reißen, in dieses Projekt, das, wie Herr von Schwarzenfeld so goldig schreibt, „frei von historischer, politischer und ideologischer Belastung“ …
02.12.2007 20:38
Tschuldigung, falsch gewählt
Man kennt ja diese Herrschaften, die im Treppenhaus herumgeistern, sich von Tür zu Tür vorarbeiten und alle möglichen Gebrechen angeben. Wenn man ihnen auch nur einen Spalt breit aufmacht, hat man sie in der Wohnung und dann liegt plötzlich irgendein supergünstiges Angebot auf dem Tisch, dessen kleingedruckte Bedingungen vor den Augen verschwimmen, als ob man sie durch eine regennasse Fensterscheibe läse. Und während man noch denkt, man bestätige mit seiner Unterschrift bloß den Besuch des Telekom-Vertreters oder des Abgesandten vom Roten Kreuz hat man zwei neue Zeitschriften abonniert oder den sinnlosesten Fernsprechtarif um zahn Jahre verlängert.
Gottseidank gibt es gegen dieses Unwesen Gesetze. Unsere Parlamentarier haben für Leute, die beim Unterschreiben gerade mal nicht aufpassen, die Widerrufsklausel eingeführt. Die Widerrufsklausel ist ja überhaupt ein sehr menschenfreundliches und lebensnahes Denkmodell, denn wer möchte nicht manchmal alles, aber auch alles widerrufen? Es soll sogar Parlamentarier geben, die ihre eigenen Gesetze …
25.11.2007 23:21
Sachsen macht Weltkultur (auf Konferenzen)
Kultur – das ist doch dieses kommunikationslose Gebiet der Ausdrucksarmut. Kultur ist stumm und kalt und einsam. Kommt, laßt uns die Kultur erlösen und ihr die Chance geben, sich zu artikulieren. So ähnlich müssen ein paar Leute in Dresden und Umgebung gedacht haben, als sie den Plan faßten, ein Weltkulturforum zu gründen. Denn in Dresden gab es die Frauenkirche und die Semperoper und jede Menge Vergangenheit, aber noch kein Weltkulturforum. Das schmerzte sowohl den Präsidenten des Sächsischen Kultursenats als auch den Kuratoriumsvorsitzenden der um die Holzschnitzkunst verdienten Daetz-Stiftung in Sachsen, den Intendanten des Staatsschauspiels Dresden und den Berater des sächsischen Ministerpräsidenten Prinz Alexander von Sachsen. Sie alle gehören zum Gründerkreis jener sachsenhaften, pardon: sagenhaften Initiative, die an diesem Wochenende mit einem großen Kulturkongreß Gestalt annahm.
Im Hintergrund stand die Idee, so etwas Ähnliches wie das jährliche Stelldichein der internationalen Wirtschaft und Politik, das Weltwirtschaftsforum in Davos, zu veranstalten …
20.11.2007 23:19
Aber hallo, das ist doch Wissenschaft! - Zum Dänemark-Ausflug der Stasi
Nachtrag zu Vera Lengsfelds Eintrag:
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/wer_verrat_begeht_erschiesst_sich_die_stasi_auf_einer_konferenz_in_daenemar/
----
Mit der Aufklärung begann auch das Zeitalter der modernen Wissenschaften, deshalb sind alle Aufklärer irgendwie auch Wissenschaftler – und ganz besonders natürlich die Mitglieder der Hauptverwaltung Aufklärung, der HVA, des Ministeriums für Staatssicherheit des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates mit dem von der Sowjetunion verliehenen Gütesiegel „demokratisch“. Nun ist infolge des kapitalistisch-imperialistischen Umsturzes von 1989 die wissenschaftliche Exzellenzinitiative der Stasi bekanntlich jäh gestoppt worden, und da man den Stasi-Agenten auch noch ihre Akten und Archive weggenommen hat, können sie eigentlich gar keiner richtigen wissenschaftlichen Arbeit mehr nachgehen.
Was tun?, wie Lenin schrieb. Die PDS könnte eine Uni gründen und alle HVA-Spione zu Professoren machen; bloß fehlt es der Partei an Geld. Die DDR-Geheimdienstler könnten aber auch ihr akademisches Profil schärfen und an wissenschaftlichen Tagungen und Konferenzen teilnehmen oder sogar solche selbst veranstalten. Das war ja …
12.11.2007 20:51
Sozialkassenkunst
Es ist wirklich verdammt schwer, in Deutschland kein Künstler zu sein. Denn so wie im Strafprozeß die Unschuldsvermutung gilt, so gibt es in Bezug auf jede Tätigkeit, die einem seltsam vorkommt, die primäre Kunstvermutung. Bis zum Beweis des absoluten Gegenteils hat jeder Furz in unserem Land zumindest potentiellen Kunstcharakter, und dies wiederum hat weitläufige sozialversicherungsrechtliche Auswirkungen. Der freischaffende Künstler steht nämlich unter dem besonderen Schutz des Staates; im Alter und bei Krankheit wird er genauso gut versorgt wie jeder Angestellte – vorausgesetzt, der freischaffende Künstler wurde amtlich anerkannt.
Zuständig hierfür ist die Künstlersozialkasse – kurz KSK – , eine in Wilhelmshaven ansässige Behörde, die der gesamthaften Verwandlung des deutschen Volks in Künstler durch gewisse Prüfungsprozeduren entgegenwirken soll. Das ist gar nicht so einfach, denn der Gesetzgeber hat es freundlicherweise vermieden, klar zu definieren, wer Künstler und was Kunst ist, beziehungsweise nicht ist. So kommt es immer wieder zu …

