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06.05.2008   14:56

Lauter und länger: Die Vögel in der New Economy

Jeder freut sich über den Frühling: die Sonne, die Blumen, die Vögel, der Garten, das Bier – alles scheint auf unser Wohlgefallen aus zu sein, deswegen ist es höchste Zeit, da ein paar Haare in die Suppe oder Wermutstropfen ins Getränk zu schütten, damit uns die schlechte Laune nicht frühzeitig ausgeht. Apropos frühzeitig: Das Elend beginnt ja schon damit, daß es immer früher beginnt, denn die Tage werden länger, und das heißt: sie fangen eher an. Das hat wiederum zur Folge, daß die Vögel schon in des Morgens allererstem Grauen mit ihrem grauenhaften Getschilpe und Geziepe loslegen, sodaß der erst spät nachts gedankenschwer ins Bett gefallene Glossenschreiber des wohlverdienten Schlafes nicht und nimmer findet.

Unsereiner pflegt mit Schuldzuweisungen an die Umwelt zurückhaltend zu sein; deswegen brachte ich die Empfindung nicht nur überlauten, sondern mit der Zeit auch noch immer lauter gewordenen Vögelgeschreis zunächst mit dem eigenen Verkaterungszustand in …

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04.05.2008   23:52

Schillers Schädel: Postmortales Identitätsmanagement

Was für eine makabre Blamage! Da hat sich Weimar jahrhundertelang einen falschen Schiller unterschieben lassen, hat sich damit gebrüstet und in letzter Zeit 60 000 Kulturpilger pro Jahr an der Nase herumgeführt. Jetzt, nachdem der Knochenschwindel aufgeflogen ist, klafft da, wie der Oberbürgermeister erschreckt feststellt, „eine fürchterliche Lücke“. Aber was für eine Lücke? Eine Begründungslücke, um als Tourist nach Weimar zu reisen? Nicht doch. Die deutsche Klassik hat dem Vernehmen nach vor allem mit geistigen Hervorbringungen zu tun; Skelette und Schädel sind da eher Nebensache, möchte man meinen.

Nun zeigt sich allerdings, daß der Kulturbetrieb weitaus weniger aufgeklärt ist als der Religionsbetrieb. Es fiele nämlich niemandem ein, gentechnische Untersuchungen an Heiligenreliquien zu verlangen, weil man sowieso davon ausgeht, daß sie diese Echtheitsprüfung nicht bestehen würden. Und weil man weiß, daß in solchen Knochensplittern die materielle Welt und die symbolische Welt zusammenfließen. Anders bei Schillers Schädel: da wird die …

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29.04.2008   00:02

Demnächst in Ihrem Bundestag: Gesetz gegen Unmäßigkeit (GgU)

Die Welt ist aus den Fugen, und die SPD hat es gemerkt. Donnerwetter, bravo, dankeschön. Jetzt arbeitet SPD-Generalsekretär Hubertus Heil daran, alles wieder ins sozialverträgliche Lot zu bringen, denn es ist dem Durchschnittsarbeiter in der Automobilindustrie ja nicht mehr zu vermitteln (um eine Lieblingsvokabel vieler Politiker zu gebrauchen), daß Porsche-Chef Wendelin Wiedeking das Tausendfache des Durchschnittslohns bekommt. Daher holt die SPD jetzt ihre alte Freundin, die Rationalität aus dem Schrank. Rationalität mit großem R.

Rational ist es nämlich nicht, wenn für Nieten in Nadelstreifen auch noch Monsterabfindungen bezahlt werden. Das muß abgestellt werden. Da muß der Gesetzgeber ran. Der bestimmt den Mindestlohn, den Höchstlohn, und was ist eigentlich dazwischen los? Das reinste Chaos! Aus der Sicht eines jeden Angestellten ist ja bereits das Gehalt des Vorgesetzten nicht wirklich hinnehmbar. Es geht gar nicht um Herrn Wiedeking, schon das Einkommen des Nachbarn ist irgendwie anstößig, denn soviel produktiver ist …

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23.04.2008   20:27

Die ART COLOGNE war ein Flash Mob

Irgendwann zwischen 20 und 25 kommt die gefährlich-gewaltige Erfahrung der Masse auf den jungen Menschen zu. Vorher lebt er im kleinen Kollektiv seiner Familie, dann lehnt er sich dagegen auf und befestigt seine Individualität, und dann beginnt die Phase aktiver Vergesellschaftung: der Mensch sucht Anschluß an größere Gruppen, er findet dort Geborgenheit, er läßt sich fallen in der Masse und empfindet deren Macht. Ob auf dem Fußballplatz, bei Straßendemos oder militärischen Aufmärschen: es ist dieses von Elias Canetti in dem Buch „Masse und Macht“ so genau analysierte Erlebnis, das zu den Grundkonstanten jeder Jugendkultur gehört.

Auch ein Flash-Mob gehört zu diesem Formenkreis. Ein Flash-Mob ist eine der aktuellsten Tollheiten der Jugendkultur. Es handelt sich einerseits um einen klassischen Streich in der Öffentlichkeit – etwa von der Art, ahnungslose Passanten zu erschrecken – und andererseits um ein Phänomen des Medienzeitalters, denn die Beteiligten verabreden sich per Internet oder per …

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23.04.2008   20:26

Fliegende Handys

Walter Benjamin hat in „Berliner Kindheit“ anschaulich beschrieben, als was für eine Zumutung die ersten Telefone in bürgerlichen Wohnungen empfunden wurden. Das schrille Klingeln dieser schwarzen Ungetüme, die in der Diele montiert waren, glich einem öffentlichen Angriff auf das Privatleben. Allein die Möglichkeit, jederzeit dem Anruf aus einer fremden Ferne ausgesetzt zu sein, machte die Menschen hochgradig nervös. Wenn es dann soweit war, rannten sie herbei und riefen überlaut Kommandos in den Apparat, als gelte es, die Entfernung zum Gesprächspartner stimmlich zu bemeistern. Gewiß, die Übertragungsqualität forderte das auch heraus, es rauschte, gluckerte und knackste in den Leitungen, und lautes Sprechen steigerte am anderen Ende die Verständlichkeit, aber meistens kam es einfach von der Aufregung. Man schrie sich gleichsam das eigene Erstaunen über das technische Wunder des Fernsprechens von der Seele.

Und wie ist die Situation heute? Ein knappes Jahrhundert und etliche Technikwunder später hat sich an der …

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23.04.2008   20:24

Generationenkonflikt

Es gibt so viele Konflikte auf der Welt – zwischen Nord- und Südkorea, zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, zwischen Schiiten und Sunniten, zwischen Heavy Metal und Emo – da hat uns dieser gerade noch gefehlt: der Generationenkonflikt. Wer ihn erfunden hat, ist noch nicht abschließend geklärt. Manche sagen, daß es die 68er gewesen seien, die keinem über 30 trauten, weil hinter dieser Altersgrenze Nazideutschland lag. Aber es gibt auch Hinweise auf Goethe und andere Sturm-und-Drang-Mitglieder, die zumindest in jungen Jahren den Generationenkonflikt gewaltig schürten. Als Goethe alt wurde, sogar ziemlich alt, machte er da natürlich nicht mehr mit. Vermutlich gab es allerdings schon bei den Neanderthalern Generationenkonflikte, denn das zeitliche Wechselspiel von Kraft und Schwäche, das jeden Lebenslauf kennzeichnet, ist immer mit gewissen Reibereien verbunden.

Und dann sind da noch Frank Schirrmacher, Roman Herzog und die CDU: Lauter Agenten des Generationenkonflikts. Schirrmacher warnt vor dem Methusalem-Komplott, Herzog vor der …

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23.04.2008   20:19

Computerüberwachung

Die Sittengeschichte hinkt dem technischen Fortschritt immer weiter hinterher. Man weiß gar nicht, wie man mit all den elektronischen Geräten in unserer Lebenswelt umgehen soll. Schon Fotoapparate waren problematisch: Mit jedem Klick geht ein Stück Seele des Abgebildeten verloren. Jetzt gibt es elektronische Kameras allüberall und vermutlich überhaupt keine Seelen mehr. Dafür gibt es jede Menge Diskussionen darüber, was erlaubt werden könne und was verboten werden müsse – Diskussionen, verglichen mit denen die Erörtungen mittelalterlicher Scholastiker über das Geschlecht der Engel und wie viele von ihnen auf eine Nadelspitze passen noch ganz rational wirken.

Vor allem der innenministerielle Tanz um den Computer hat etwas Dadaistisches. So soll die Kriminalpolizei zwar in Wohnungen einbrechen und Abhörwanzen sowie neuerdings auch Minikameras installieren dürfen, wenn irgendein Terrorverdacht besteht, aber den Computer dürfen die Vertreter der Staatsgewalt nicht ausspähen. Dabei findet im Computer natürlich alles Wesentliche statt. Das wissen auch die Innenminister, …

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23.04.2008   20:16

Todeskunst

Kunst ist bekanntlich dazu da, den Tod zu überwinden. Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, wußten schon die Römer. Und so ist es kein Wunder, daß die Künstler immer wieder die Kürze des Lebens oder anders ausgedrückt: den Tod in der Kunst selbst thematisiert haben. Ja, der Tod ist geradezu ein Leitmotiv des bildnerischen Schaffens überhaupt – von mittelalterlichen Totentänzen über Dürers „Tote Blauracke“ bis zu dem diamantbesetzten Totenschädel des britischen Skandalkünstlers Damien Hirst, ein Werk, das letzten Sommer für 75 Millionen Euro gehandelt wurde und damit als teuerstes Objekt eines – man beachte die feine Ironie! – lebenden Künstlers gilt.

Dagegen will der deutsche Skandalkünstler Gregor Schneider das wohl billigste Objekt der Kunstgeschichte ausstellen. Er sucht nämlich, wenn denn die Pressemeldung stimmt, einen Menschen, der bereit ist, in aller Öffentlichkeit zu sterben, allerdings nicht eines gewaltsamen, sondern eines natürlichen Todes, und der ist ja umsonst. …

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