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03.01.2012 18:08
Die Blase wird platzen
Wie immer am Anfang eines neuen Jahres fragen wir uns bang und erwartungsfroh, was uns die Zukunft bringen mag. Der Futurist weiß es. Und wer ist das nun wieder?
„Futurist“ ist der Name eines Weblogs, das sich mit Zukunftsthemen befasst. Der Text erschien voriges Jahr um diese Zeit – also passend zum Anfang des neuen Jahrzehnts und sagt das Platzen einer Blase voraus, diesmal das Platzen der so genannten „Misandry bubble“, der Männerfeindlichkeits-Blase.
Der Text ist allein wegen seiner Materialfülle an der Grenze des Lesbaren und geht gelegentlich über das hinaus, was das Wörterbuch hergibt. Hinzu kommt, dass viele der schillernden Details auf die USA bezogen sind und für uns unverständlich bleiben. Max Christian Henrich hat den Text übersetzt und ich habe ihn gekürzt und stellenweise nacherzählt.
So haben wir aus der Oper ein Lied gemacht. Es hat zwei Strophen: ‚Die kulturelle …
30.12.2011 23:43
Sauberfrauen und Schlampen
„Eine neue Ära hat im deutschen Bundestag begonnen.“ So heißt es in der Berliner Erklärung, in der sich eine Reihe von prominenten Erstunterzeichnerinnen für eine Quote in Aufsichtsräten stark macht. Da werden große Töne angeschlagen:
Gleich der erste Satz lautet: „Seit über 60 Jahren gilt in Deutschland laut Grundgesetz, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. In der Realität ist die Gleichstellung allerdings noch lange nicht verwirklicht.“
Anders ausgedrückt: Seit über 60 Jahren gilt in Deutschland laut Grundgesetzt, dass Äpfel erhältlich sind. In der Realität sind aber Birnen noch lange nicht überall vorhanden.
Wenn man seine Brille verlegt hat, kann man leicht „Gleichberechtigung“ und „Gleichstellung“ verwechseln. Es fängt ja auch beides mit „Gleich-“ an. Doch man sollte, wenn man etwas unterschreibt, nicht nur das Kleingedruckte, sondern auch das Großgedruckte lesen. Das wissen die Frauen bestimmt selber.
Es ist keine unbeholfene …
24.12.2011 10:56
Mein Weihnachtsgruß an die lieben Leser…
… ist diesmal etwas für Hörer:
Heute, am 24.12. um 16.00 Uhr, einer prima Zeit, „prime time“ sozusagen, kommt auf Deutschlandradio Kultur eine von mir geschriebene und gelesene Weihnachtsgeschichte, in der es darum geht, dass man nicht so viele Fragen stellen soll. Eingerahmt wird der Text mit einem Lied von Georg Kreisler, der in diesem Jahr verstorben ist. Die Geschichte spielt auf dem flachen Land, in den 60ern. Da fragt man sich schon, ob bei den Bauern die Tiere womöglich allein schon deshalb so beliebt waren, weil sie – wie auch Mark Twain wusste – einen nicht dauernd irgendwas fragten.
22.12.2011 18:46
Die Familienfeinde
Erinnert sich noch jemand an die ‚Vorwerk’-Werbung, bei der eine Frau auf die Frage nach ihrem Beruf stolz verkündete: „Ich leite ein erfolgreiches, kleines Familienunternehmen!“? Ein wahres Wunderding, dieser Staubsauger.
Denn eine Familie ist heute nicht erfolgreich, sie gilt als „Auslaufmodell“. Die hohen Scheidungszahlen sind alarmierend, noch schlimmer ist der hohe Anteil der kinderlosen Ü40-Frauen. Wäre die Familie ein Tier, könnte man von einer bedrohten Art sprechen. Es ist, als würden junge Paare heute aus dem Fenster schauen und sagen: Nein, in diese Welt wollen wir keine Kinder setzen.
Die Familie hat mächtige Feinde. Einer ist die Gleichheits-Walze, die über unser Land rollt. Jede auch nur gefühlte Ungleichheit wird als Unrecht angesehen, das beseitigt werden muss. Eine Chancengleichheit genügt da nicht mehr, es muss eine messbare Ergebnisgleichheit her. Und zwar sofort. Sonst ist eine Strafe fällig. Es wird uns alle unglücklich machen, wenn es so weitergeht; …
16.12.2011 21:57
Männer und Frauen passen nicht zusammen
Wenn sie es dennoch versuchen, hält es nicht lange. Es ist aus zwischen Mann und Frau. In der Schweiz hat die Verbreitung dieser Erkenntnis im November einen gewissen Höhepunkt erlebt. Da haben nicht nur die Kuhglocken, sondern auch die Alarmglocken gebimmelt. Was war los? Männer warnten vor der Ehe. Frauen kündigten sie.
Es wirkt wie ein heimlicher Wettbewerb unter Liebenden, der unter dem Motto steht: Wer macht zuerst Schluss. Wie bei Leonard Cohen, wo es heißt „But all I’ve ever learned from love was how to shoot at someone who outdrew you.“
Die „Warnung vor der Heirat“ sieht aus wie die bekannte Warnung vor den Risiken und Nebenwirkungen des Rauchens mit schwarzem Trauerrand. Sie wird auch so begründet: „Wer heute einen Bankkredit unterschreibt, muss von der Bank über die Risiken aufgeklärt werden – sonst ist der Vertrag ungültig. Wer eine Packung Zigaretten kauft, wird über die …
05.12.2011 21:32
Ein gewaltiges Missverständnis
Draußen hängen unauffällige Plakate, auf denen zunächst nur eine Tapete zu erkennen ist – mit einem Fleck. Erst wenn man näher herangeht, sieht man, was da steht: „Jede vierte Frau in Deutschland wird Opfer von häuslicher Gewalt“. Das ist viel. Das sind rund zehn Millionen Frauen – wenn ich richtig gerechnet habe. Das ist Bürgerkrieg. Es fällt noch etwas auf. Es sind nur Frauen als Opfer erwähnt. Kinder nicht. Männer auch nicht. Ist das richtig so?
Dazu gibt es zwei Auffassungen: Die einen meinen, dass es sich bei häuslicher Gewalt um ein (fast) ausschließlich männliches Vergehen handelt: die Opfer sind (fast) nur Frauen, die Täter (fast) nur Männer. Das „(fast)“ können wir weglassen. Das führt zu solch griffigen Formeln wie „Der Schläger geht, die Geschlagene bleibt“, und verführt zu „Übersetzungen in leichte Sprache“, bei denen versucht wird, komplizierte Politik in einfachen Worten zu erklären, da heißt es dann schlicht: „Der …
03.12.2011 00:23
Kleines Lied für Christa Wolf
Christa Wolf ist gestorben. Ich habe sie noch bei einer Lesung im Literarischen Colloquium am Wannsee erlebt. Sie wirkte entspannt, souverän und sympathisch. Sie hatte das Publikum von Anfang an auf ihrer Seite.
Ich hatte keine Vorurteile – dachte ich zumindest. Ich kannte sie ja kaum. Dabei bin ich als halber Ossi ein treuherziger Freund der DDR-Literatur (gewesen): Barbara Honigmann mag ich besonders und natürlich Jurek Becker. Insgesamt gesehen verliert diese Sonderform der Literatur jedoch viel von ihrem Glanz, wenn man sie nicht mehr mit gutwilligem Blick betrachtet. Ich war jedenfalls gespannt.
Sie las aus ihrem neuen Buch ‚Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud’, das in Los Angeles spielt. Die Sorgen der alten Welt verfolgen sie bis dahin, sie leidet darunter, dass sie mit einer Stasi-Vergangenheit behängt wird - und wie sich nun im fernen Deutschland die Medien und ihre Bekannten dazu verhalten. …
23.11.2011 19:40
Wenn nicht Liebe, was sonst?
Über Georg Kreisler (1922 - 2011)
Meine Tochter war noch in dem Alter - sie war acht oder neun -, in dem sie auf dem Kindersitz im Auto hinten sitzen musste. Ich hatte aus Versehen den falschen Sender eingestellt, und nach dem Verkehrshinweis lief von Freddy ‚Die Gitarre und das Meer’. Als sie danach meinte „Das war aber mal ein schönes Lied“, fiel mir auf, dass sie womöglich gerade zum ersten Mal bewusst der Musik aus dem Radio zugehört hatte. Normalerweise war das in Englisch, ein bedeutungsloses Grundrauschen zum Motorengeräusch, das an ihr vorbeizog wie die langweile Aussicht aus dem Rückfenster. Da wurde mir klar, was es für ein Verlust ist, keinen Zugang zu Liedern über die vertraute Sprache zu finden.
So habe ich Kassetten für sie zusammengestellt, zuerst mit deutschen Schlagern, und weil ich die selber nur mit innerem Grinsen hören konnte -, …


