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03.04.2011 19:00
Mit der FDP scheitern Deutschlands Denker
Feixen gehört zum Handwerk des soliden Feuilletonisten. Das Erste, was er sich antrainiert, ist dieser Ton süffisanter Schlaubergerei, der andeutet, man habe eigentlich die Erklärung für alle offenen Fragen, sei nur grad zu gelangweilt, diese zu artikulieren. Ein Lieblingsobjekt feuilletonistischen Spottes war schon immer die FDP. Zu 15 Prozent-Zeiten amüsierte man sich über deren Hang zur substanzlosen Show. Heute zelebriert man begeistert ihren Niedergang. Und weil der Feuilletonist der Experte für den weiten Blick ist, verquickt er damit die Frage, ob nun endgültig auch jeder Liberalismus in Deutschland den Bach runtergehe.
Allerdings frage ich mich, weshalb eigentlich nicht mehr intellektuelle Strahlkraft von einer Idee ausgeht, die in abstrakterer Form die Paradedisziplin des Feuilletonisten ist. Dieser hält sich ja für einen großen Freigeist, einen Kämpfer für die Kreativität des Individuums (vor allem, versteht sich, des Feuilletonisten). Für einen, der als starke Persönlichkeit bahnbrechende Meinungen vertritt und im Zweifel lieber …
30.11.2010 10:12
Enthüllt: Westerwelle doch Weltstratege!
Aufmerksame Leser werden es gemerkt haben – die Headline meines Beitrags lügt. Offenbar entgegen den irrationalen Hoffnungen einiger deutscher Politiker, halten die USA unseren Außenminister nicht für einen der ganz Großen seiner Zunft. Aber mit genau diesen irrationalen Hoffnungen erklärt sich die Aufregung um die Veröffentlichungen der Lecks in Deutschland. Man wäre eben doch gern ein wenig kompetenter gesehen worden. Was wäre das schön gewesen: „Hinter der manchmal polemischen Fassade verbirgt sich ein komplex denkender, hochgradig analytischer Kopf“ hätte man in der CSU womöglich über Horst Seehofer lesen wollen. „Immer wenn es eng wird, kommt sie mit einer überraschenden Idee um die Ecke“ hätte im Falle Angela Merkels überrascht. Und Westerwelle? Wie wäre es mit folgender Formulierung, liebe FDP-ler? „Es ist offensichtlich: der Mann war im Grunde seines Herzens schon immer Außenpolitiker. Wenn es einen Politiker gibt, den die ganz großen Fragen der Weltpolitik wirklich umtreiben, dann ihn.“
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06.11.2010 08:52
Gerechtigkeit für Pressesprecher
Schade eigentlich, dass die Bundesrepublik bei der symbolischen Übernahme weniger harmloser DDR-Regularien den Titel „Held der Arbeit“ überging. Den könnten wir dieser Tage gut gebrauchen. Weil ich nämlich einen Kandidaten hätte: Michael Offer. Offer ist Pressesprecher von Finanzminister Schäuble. Und als solcher seit vorgestern unfreiwillig Held aller, die sich täglich im Auftrag anderer abrackern – und von ihren ungnädigen, übellaunigen Chefs keinen Dank erfahren.
Sollten finanzpolitische Reporter oder Youtube-Junkies unter Ihnen sein, liebe Leser, wissen diese, worauf ich anspiele: Den „Eklat bei PK“ (Spiegel Online), das „Ausraster-Video“ (BILD), in dem Schäuble den armen Offer vor laufenden Kameras anranzt, weil dieser irgendein langweiliges Faktenblatt vor einer Pressekonferenz nicht an Journalisten verteilt hat. Schäuble verlässt beleidigt den Raum. Offer bewahrt die Fassung. Doch die Vermutung drängt sich auf: Der PR-Mann hatte schon Momente, in denen er glücklicher ausschaute. Momente, zu denen …
22.07.2010 22:35
Geht ruhig!
Deutschlands Journalisten sind beleidigt. Ein Politiker nach dem anderen sagt einfach laut und unüberhörbar „servus“. Freiwillig. Das gehört sich doch nicht, so die Meinung der Kommentatoren: Politiker gehen bitte schön, wenn wir es wollen! Und dann gefälligst widerwillig und unter peinlichen Klammerreflexen! Wie soll man denn sonst noch Kerben in die eigenen publizistischen Flinten ritzen, für Politiker, die man „aus dem Amt geschrieben“ hat?
Die publizierende Zunft kritisiert die vielen Abgänge vor allem deshalb so hitzig, weil diese die abnehmende Macht des Journalismus demonstrieren. Aber: die Tatsache, dass die von Beusts dieser Welt offenbar weniger an ihren Stühlen kleben als früher, verärgert auch jenseits der Redaktionsstuben. Das ganze Land schimpft über die verantwortungslosen Gesellen, die einfach so das Weite suchen. Auch die Social-Media-Sphäre ist erbost. Meine These aber: Der ganze Ärger ist unnötig. Politikerrücktritte sind überhaupt nicht schlimm.
Mancher Politkritiker würde nun wohl antworten: Politiker sind …
22.06.2010 19:26
Brauchen wir wirklich mehr Mitte?
Meine Eltern wohnen in Groß-Buchholz, einem Stadtteil von Hannover. Groß-Buchholz ist nicht besonders schön. Oder gar spannend. Nein, es ist auf mittelmäßige Weise nett. So mittelmäßig nett wie Hannover insgesamt.
Die schöne Mittelmäßigkeit von Stadtteilen wie Groß-Buchholz oder Städten wie Hannover war zuletzt ein Lieblingsthema des Feuilletons; über sie sowie die Zuneigung der Deutschen zu ihnen wurde im Zuge der Lena-Euphorie ausgiebig philosophiert. Nicht aber wurde sie in Beziehung gesetzt zu einer anderen deutschen Herzensdebatte – jener über den angeblich abstiegsbedrohten Mittelstand. Dabei hängen beide Diskussionen eng zusammen. Die Freude der Deutschen an Hannovers Mittelmäßigkeit nämlich offenbart eine tiefe Sehnsucht nach Normalität, Maß, Mitte. Und die Panik angesichts einer eigentlich unspektakulären (geradezu mittelmäßigen) neuen DIW-Studie, die das Ende der Mittelschicht verkündet, verdeutlicht, wie sehr die Deutschen diese Sehnsucht bedroht sehen.
Klar ist: Wir Deutsche wollen mehr Mitte. Aber warum eigentlich? Schon die implizite …
14.06.2010 21:27
Die Gentrifizierer kommen
Ein Lieblingswort kritischer Geister ist die Gentrifizierung. Sie beginnt immer da, wo Menschen es sich gut gehen lassen. Ein sanierter Altbau ist Gentrifizierung, ein nettes Restaurant im ehemaligen Arbiterkiez ebenso. Und haben Sie schon mal in einer linken Kneipe eine Zigarre geraucht? Wenn ja, dann willkommen im Club – der Gentrifizierer.
Im Berliner Stadtteil Kreuzberg werden einige dieser Gentrifizierer gerade ein wenig gemobbt – die Macher des Kunstevents “Berlin Biennale” nämlich. Auf Plakaten werden sie dafür angegangen, dass sie die Biennale aus dem (nach Meinung obiger Geister natürlich längst „zu Tode gentrifizierten“) Stadtteil Mitte in die kuschellinke Oranienstraße geholt haben, in ein leer stehendes früheres Kaufhaus am Oranienplatz. Diese Stadtteilübernahme durch die Kunst missfällt vielen Natives. Sie fürchten, die Präsenz von Gegenwartskunst könnte die ständig umziehbereite Schicht wohlhabender Mitglieder der Kreativwirtschaft anziehen. Diese Leute „aus den Agenturen“ sind den Ur-Kreuzbergern zuwider, …
06.06.2010 22:36
Nichts gegen Joachim Gauck, aber…
Die Floskel ist beliebt: Die unübersichtliche Welt, heißt es oft, verunsichert die Menschen; folglich brauchen wir an der Spitze Persönlichkeiten, die Orientierung liefern. Diese müssen ganz anders sein als wir Normalsterblichen: Charakterlich integer, unangreifbar, ernsthaft, souverän, irgendwie „groß“.
Nun hat die öffentliche Meinung mal wieder so jemanden gefunden – Joachim Gauck. Der Mann elektrisiert alle. Der Spiegel singt morgen eine verliebte Hymne.
Ich habe nichts gegen Joachim Gauck, grundsätzlich auch nicht als Präsident. Aber muss dieses ganze Unsicherheit-Heroen-Geraune sein? Man kann den Menschen Verunsicherung auch einreden. Vielleicht sind wir gar nicht alle so chronisch angsterfüllt, dass wir uns nichts so sehr wünschen wie einen gütigen Übervater, der uns die Seele streichelt.
Die Sehnsucht nach der moralischen Oberinstanz, auf die die Gauck-Mania reagiert, ist medial konstruiert. Dabei funktoniert sie als Self-Fulfilling Prophecy: Je mehr über die Sehnsucht geschrieben wird, desto mehr glauben die Mächtigen, sie …
02.06.2010 19:30
Wehrpflicht, eine deutsche Kauzigkeit
Er muss das wahrscheinlich sagen. Die Verkürzung der Wehrpflicht auf sechs Monate sei „kein Einstieg in den Ausstieg“, versicherte kürzlich der Verteidigungsminister. Offiziell wird das natürlich auch für die aktuell kursierende Idee gelten, die Wehrpflicht zeitweise auszusetzen. Bald dürfte also wieder mit viel Pathos die Wehrpflicht zum Bollwerk gegen sämtliche Übel der Welt hochgejubelt werden.
Wenn es aber konkreter wird, ist von einem echten Nutzen Wehrpflichtiger für eine Armee im 21. Jahrhundert nicht mehr die Rede. Wie auch. Selbstredend haben die sechsmonatigen Teilzeitfighter keinen Schimmer davon, wie moderne Kriegführung gehen könnte. Das erwartet auch ernsthaft niemand. Die Wehrpflicht ist ein Überbleibsel der Nachkriegswelt, in der die Funktion der Bundeswehr eine rein innerdeutsche, gewissermaßen sozialpsychologische war. Wirklich zu tun hatte sie nichts, und das war auch gut so. Vor allem nämlich sollte sie durch ihre Existenz die Deutschen lehren, auch mit Armee zur Abwechslung mal friedlich zu bleiben. Und …


