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16.09.2012 15:58
“Innocence of Muslims”: Ein Fall für die Filmanalyse
Wissen Sie, was ich an den Reaktionen über die momentane arabische Hysterie bedenklich finde? Den Umgang mit dem Begriff „Film“. „Film“ ist für viele Politiker offenbar nur ein Synonym für „irrelevant, lässlich, im Zweifel der politischen Opportunität zu opfern“. Leicht kommen da Wünsche hoch, den Macher des Youtube-13-Minüters, in dem, wie es heißt, „Mohammed verunglimpft“ werde, einfach zu verhaften oder den Film zu verbieten. Das sind eben die Vorzüge der Zensur: Dass sie die Notwendigkeit, nachzudenken und zu diskutieren, aus der Welt schafft. Funktioniert aber in Zeiten des Internet leider nicht.
Gesehen hat den Film, also den ganzen, kaum jemand. Im Netz steht nur ein unkonventionell bis hektisch zusammengeschnittener Trailer. Der ist stellenweise so krude gemacht, dass sich klare Thesen nicht ausmachen
24.08.2012 10:33
Das Kind, der Friseur und die Ökonomie
In deutschen Metropolen tobt bekanntlich der Straßenkampf zwischen hysterischen Hardcore-Eltern und fanatischen Beschwörern des Single-Lebens.
Hierzu eine kleine Begebenheit, die meiner Frau gerade in Schwabing widerfuhr. Sie wollte unseren Dreijährigen zum Friseur bringen – und wurde zu ihrer Überraschung resolut wie abrupt abgewiesen: Sie sei selber kein Kunde, schimpfte der Haarschneider; er sei es leid, dass „zu ihm immer nur die Kinder“ gebracht würden und sich die Mütter anderswo bearbeiten ließen.
Das ist natürlich nicht nett. Und natürlich ist er die Potenzialkundin nun bis in alle Ewigkeit los. Die Geschichte verweist aber auf einen Grundirrtum des gesellschaftlichen Diskurses zum Thema Kinder: den Irrtum nämlich, dass diese unglaublich bezaubernd seien, darüber hinaus die Zukunft des Landes – und dass es
16.08.2012 13:19
Skandal: Partei macht PR
Das ist ja allerhand: Da verschickt die CDU Niedersachsen doch tatsächlich ein selbst fabriziertes Interview mit dem Ministerpräsidenten an Redaktionen. Ein Skandal, finden Fachpresse und Journalistenverband. Und Spiegel online hat eisenhart nachrecherchiert – und aufgedeckt: Das Interview ist auch noch unkritisch! Potztausend.
Äh, nur mal so nachgefragt – was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Wortlautinterview zu PR-Zwecken und der gängigen Verfahrensweise, Pressemeldungen mit Zitaten zu bestücken und zu verschicken? Und was ist verwerflich oder zumindest überraschend daran, wenn eine Organisation es gerne hätte, dass ihre Sicht der Dinge 1:1 veröffentlicht wird? Es ist ja allgemein akzeptiert, dass Unternehmen, Regierungen oder politische Parteien es als Erfolg verbuchen, wenn ihre Pressestatements
06.04.2012 21:02
Handke war wenigstens originell
Leicht ist es nicht, an der momentanen „Grass-Debatte“ Gutes zu finden. Der Text – eine literarische wie politische Absurdität. Noch einmal nervt die alte „Man muss doch wohl was gegen Israel sagen dürfen“-Plattitüde. Schade auch um den Platz, den die SZ diesem, äh, „Gedicht“ einräumen musste und den man schön mit der Besprechung lokaler Filmfestivals hätte füllen können.
Ein Gutes aber hat das Ganze: Die Konsequenz, mit der Grass sich selbst entzaubert hat. Nicht nur durch die antiisraelische Tendenz seiner Zeilen. Die Lücke zwischen deren außenpolitischem Gehalt und ihrer pompösen Rhetorik ist immens. Deren Weinerlichkeit und die implizite Unterstellung, das ganze Land hätte fingernägelkauend die Frage diskutiert, warum Grass „geschwiegen habe“, wirken gestrig. Die deutsche Neigung, Grass-Statements den
28.03.2012 12:15
Politik heute: der Johnny Depp in uns allen wird bedient
Ja, natürlich war Patrick Dörings Statement über die Piratenpartei wählende Masse im Netz nicht gerade klug. Hier redet ein schlechter Verlierer schlecht über die, die ihm abhold geworden sind, so der Eindruck. Und das von Döring bemühte Konzept „Masse“ umschreibt auch nicht wirklich das, was im Netz vor sich geht. Die „Masse“ war ein wichtiges Konzept für Kulturkritiker wie Siegfried Kracauer im frühen 20. Jahrhundert. Das Internet aber bringt keine Auflösung von Individualität in amorphe Massen mit sich. Vielmehr liefert es jedem Mitglied der Masse die Chance, risikoarm und zeitlich begrenzt aus dieser hervorzutreten und mit einem einzelnen Tweet punktuell zum Meinungsindividuum zu werden. Individualität light, sozusagen.
Womit Döring aber richtig liegt, ist seine unverhohlene Angst vor der Piratenpartei. Deren
11.03.2012 14:36
Die Coolness des Systems
Ich weiß, die Achse des Guten ist normalerweise eher der Ort des politischen Feuilletons. Aus gegebenem Anlass (meiner eigenen Begeisterung) hier dennoch mal ein schnöder Videotipp. Die BBC-Fernsehserie „Luther“ ist Europas, genauer Großbritanniens, noch genauer Londons Antwort auf Jack Bauer und die amerikanische Krimiserie „24“. Eine brillante Antwort. Idris Elba (bekannt als sinistrer Gangsterstratege in „The Wire“) verkörpert den geschlagenen, getretenen, aber überaus ingeniösen Detective Chief Inspector John Luther lässig, souverän – und glaubwürdig. Und das, obwohl die plottechnisch teils unausgegorenen Drehbücher es ihm dabei nicht leicht machen.
John Luther klärt Fälle üblicherweise durch holmeshafte Beobachtung am Tatort. „Something’s not right“ sagt er dann. Und beginnt, die Dinge neu zu
26.02.2012 16:24
Lebensreformer gegen Schmalspurtheologen
Was für eine Erleichterung: Nachdem kurzzeitig die Befürchtung herrschte, nach der Selektion eines neuen Bundespräsidenten müsse man wieder über echte Politik sprechen, kam die Frage nach Joachim Gaucks Lebensverhältnissen gerade recht. Schnell meldeten sich ein paar politische Zweitreiher zu Wort – und das Land hat wieder ein Aufregerthema, anhand dessen die am großen Empörungskanon Beteiligten sich die Köpfe heiß reden können.
Natürlich erntete die „Ehe-für-Gauck“-Kampagne der Thierse-Geis-Allianz wortreichen Widerspruch. Schließlich bekam damit die Wohlfühlgemeinde der Post-68-Lebensreformer die Chance, den alten „das Private ist politisch“-Ladenhüter wieder hervorzukramen. So verteidigt nun die Mehrheit der Dauersingles, wildehelich Lebenden oder sonst wie nicht Verheiraten noch einmal empört und wortreich
08.01.2012 09:04
Bitte keine Leitfigur
Michael Miersch hat an dieser Stelle treffend die Neigung Christian Wulfs zur salbungsvollen Phrase kritisiert. Wulff kopiere Rau und von Weizsäcker. In der Tat, so wirkt das. Ich glaube aber, dass es einem anderen Präsidentendarsteller nicht viel anders ginge. Schon bei Bruder Johannes wirkte das ganze „vereinen statt spalten“-Geraune beliebig und unterkomplex.
Auch auf die gelegentlich geäußerte Jobbeschreibung von Präsidenten, sie wollten „die Menschen mitnehmen“, reagiert man eher mit Schmunzeln. Wissen sie denn überhaupt, wohin sie uns mitnehmen wollen? Wissen sie, wo es hingeht? Man hat doch in den Tagen der Finanzkrise eher den Eindruck, die Politik reagiere selber gehetzt auf neue Verwerfungen der Märkte. Die Formulierung „die Menschen mitnehmen“ impliziert, dass hier eine Kaste Großdenker und -macher


