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06.07.2008 16:50
Devote USA
Hätte man in einem Wettbüro versucht, zehn Euro auf „wenn die USA in Berlin eine Botschaft bauen, hagelt es Kritik an architektonischer Großmannssucht“ zu setzen, die Wettbetreiber hätten einen ausgelacht und eine Quote von 0,9 zu 1 geboten. Die US-kritischen Argumente sind kulturkritischer Standard und werden bei jeder Gelegenheit hervorgeholt: Größenwahn, Weltmachtgehabe, Arroganz, Isolationismus, Glattheit, postmoderne Beliebigkeit. Und jetzt das: Da eröffnen die Amerikaner eine Botschaft, auf die diese Begriffe alle nicht passen! Ein Gebäude, das sich selber klein macht. Das devot daherkommt und offenkundig jeden Eindruck von Sonderstellung vermeiden möchte. Das sich in seiner architektonischen Trivialität perfekt in die Biederkeit des Pariser Platzes als Ganzem einpasst…
05.07.2008 14:07
Schlag mich, ich bin Elite!
Seit wenigen Jahren laboriert Deutschland zaghaft mit dem Betriff „Elite“. Sensible Geister sind dann schnell mit Kritik an dem irgendwie als basisfeindlich empfundenen Diskurs bei der Hand. Psychologisch gesehen tun sie sich aber mit ihrer Fundamentalopposition gar keinen Gefallen. Es ist nämlich davon auszugehen, dass gerade traditionslinke Intellektuelle am Elitesein einige Freude haben könnten – weil dies die Gelegenheit zu ganz viel genussvoller Selbstschmähung bietet…
…27.05.2008 18:34
Welcome to the matrix
Leseswert ist das Interview, das Ulf Poschardt mit dem Veteranen der Popkultur Diedrich Diederichsen für die Wams führte, aus vielerlei Gründen. Herausgreifen möchte ich hier einen Gedanken, den Diederichsen zur aktuellen deutschlandpolitischen Landkarte äußert. Er beschreibt diese als Matrix: “Rechts oben sitzen Wirtschaftsliberale, die gern mal das eine oder andere Bürgerrecht mittragen, wenn’s nicht zu viel kostet; rechts unten sitzen Traditionalisten, die haben einiges gemeinsam mit den eher traditionalistischen Linken, die links unten sitzen; links oben sitzen linke Bohemiens, die manchmal die Typen von rechts oben beim Koksen auf dem Klo eines Clubs treffen. Rechts oben sitzen Teil der CDU und der FDP, rechts unten CDU/CSU und die Rechtsradikalen; links oben die intellektuellen Linksradikalen, aber auch die meisten Grünen und die israelfreundliche Fraktion der Partei Die Linke; links unten die ganze SPD und die Ost-Linke."…
…17.05.2008 00:22
Wachstumsblasen
Linguistisches Pfeifen im Walde betreiben seit Jahren Beobachter der deutschen Wirtschaft. Da wird von einem unfassbaren Boom phantasiert, nur weil die Volkswirtschaft es mal über die Zwei-Prozent-Wachstumshürde schafft. Ganz groß ist die in vielen Medien beliebte News-Headline „Deutsche Wirtschaft wächst“. Das trifft laut CIA Economic Factbook auf 208 von 216 Nationen zu. Die letzten beiden Jahre erschienen einigen sogar als Wirtschaftswunder. Zur Klarstellung: Die deutsche Volkswirtschaft wuchs 2007 um 2,5 Prozent, 2006 um 2,9 Prozent. Nicht schlecht im Vergleich zu den Vorjahren, klar. Nur: Der Vergleich mit sich selbst ist irreleitend. Sinnvoller wäre der Vergleich mit anderen Ländern, und zwar über fünf bis zehn Jahre hinweg. Diese legen regelmäßig um über drei Prozent zu…
…01.05.2008 18:08
Charakterbildung aufm Platz
Fußball, das wissen wir, trägt zur Bildung nationaler Identität bei. Wir definieren uns über das, was unsere Teams leisten. Der wackere Schweinipoldi-Spaßkick unseres Nationalteams bei der WM leistete hier bekanntlich einiges. Schwieriger ist es, die internationale Irrelevanz unserer Proficlubs für das große national-Ganze einzuspannen. Gerne greift man in diesem Kontext auf vulgärmarxistische Vorstellungen zurück: „das Großkapital“, das in England und Spanien spielt, mag zwar Erfolg haben, aber das doch nur mit dem (implizit für unlauter gehaltenen) Mittel des Geldes. Bei uns hingegen, so der deutsche Fußballdiskurs, geht es zwar erfolglos, dafür aber irgendwie „ehrlicher“ zu. Wer so argumentiert, sieht in unseren Proficlubs ein Reservat edler und authentischer „Elf Freunde“-Denke, der er ästhetische und moralische Überlegenheit zuschreibt…
…21.04.2008 16:57
Horror und Freuden nach George Bush
Eine mächtige Präsenz hat im Diskurs kritischer Geister auf unserem Kontinent Amerika. Französische, italienische wie deutsche Klassischlinksintellektuelle arbeiten sich gern an der amerikanischen Gesellschaft und Kultur ab. Im Vergleich mit dem abgelehnten Überphänomen stilisieren sie die eigene Erhabenheit als klüger, sensibler, komplexer. Besonders Republikaner und Popkultur haben es ihnen angetan…
03.04.2008 10:47
Rettet die ARD? Haha
Ein vehementes Plädoyer zum Schutz der BBC und ihrer Unabhängigkeit liefert die Guardian-Journalistin Polly Toynbee. ( Link: http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2008/apr/01/media.conservatives2001 ) Hintergrund: Die Tories wollen das britische Medienrecht lockern, um Rupert Murdochs Krawalljournalismus im Fernsehen freier als bisher walten zu lassen. Beeindruckt an diesem Text hat mich das offenbar emotionale Verhältnis der Autorin zur BBC. Auch in Gesprächen mit Briten ist mir dies aufgefallen: Die Insulaner lieben ihre BBC. Scheinbar bereichert sie ihr Leben. Gern hätte ich in diesen Gesprächen auch meine nationale TV-Liebe bezeugt. Ging aber nicht. Rettet die ARD? Mit dem Claim macht man sich lächerlich. Die ARD ist einfach nicht die BBC. Aber warum eigentlich nicht? …
…24.03.2008 17:46
Architektonische Schleimspuren
Wahnsinnig griechisch sieht er aus, der Tempel, den ich gestern im sizilianischen Segesta besuchte. Vierzhn mal sechs Säulen, perfekte Maße, kein Dach mehr – jedem Athenbesucher kommt das bekannt vor. Aber: Der Tempel ist gar nicht urgriechisch. Gebaut haben ihn die Elymer, als Zeichen der Wertschätzung der griechischen Kultur. Wir sind wie ihr, wollten damit die Elmer den Athenern sagen – und ein Hilfegesuch im Kampf gegen übermächtiger Gegner vorbereiten. Genutzt hat es den Elymern wenig…
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