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15.05.2010   09:32

Traumland? Albtraumland?

Wie viele Eiffeltürme gibt es? Jedenfalls eine ganze Menge. Wenige Bauwerke ziehen die Nachmacher unter den Architekten und Spielzeugproduzenten in ihren Bann wie das 1888 zur Weltausstellung fertig gestellte Monument. Paris hat einen, Las Vegas auch, China hat gleich zwei – in Themenparks, die beide „Window of the World“ heißen. Der Eiffelturm ist eher globale Phantasmagorie als reales Stück Architektur.

Mit solchen Phantasmagorien befasst sich die Ausstellung „Dreamlands“ im Pariser Centre Pompidou. Sie zeigt, wie die Welt im 20. Jahrhundert begonnen hat, sich selbst architektonisch zu imitieren und Städtebau als kollektive Traumrealisierung zu verstehen. Von den Ursprüngen der Traumlandschaften im New Yorker Coney Island über das modernistische Manhattan und zeitgenössische Megaprojekte in Shanghai oder Dubai zeigt „Dreamlands“, wie „Stadt“ immer wieder zur Realisation menschlicher Phantasmagorien herhalten musste oder durfte.

Stadtplanung wurde so zu etwas Frivolem. Und das ist sie bis heute, nicht nur, wenn …

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06.05.2010   16:31

Fallende Helden

Was ist Geschichte? Klar, das, was wir in Schulbüchern lesen. Doch nach gängiger Meinung ist sie vor allem auch all jenes, was sich an symbolisch aufgeladenen Kernplätzen in Stadtzentren wiederfindet, auf Siegesplätzen oder Friedensalleen, unter den Berliner Linden oder am Ende des Londoner Wellington Arch.  Da stehen dann leicht angegrünte, ernst blickende Heroen herum und erzählen von gloriosen Kämpfen, die gewonnen oder verloren wurden, damit eine Stadt oder ein Land werden konnte, was sie oder es ist.

Das ist natürlich ein höchst diffuser Prozess. Dieses Diffuse reflektiert eine aktuelle Serie Bilder des Künstlers Tony Conway (zu sehen in der Berliner Galerie Deschler). Conway hat Heroenstatuen aus europäischen Metropolen abfotografiert und diese Fotos als Vorlage für Grafitzeichungen auf Plexiglas verwendet. Dabei legt er immer verschiedene Schichten Glas übereinander. Der Effekt: angedeutet dreidimensional, aber auch sehr verschwommen und milchig. So milchig wie das Bild der Vergangenheit. Conway ist vor allem ein Geschichtsskeptiker. Gerade in Berlin, jener Stadt, die ständig an ihrem eigenen historischen Abziehbild arbeitet, tut diese Skepsis gut.

Conways Figuren scheinen zu stürzen. Sie sind Helden im Prozess des permanenten Fallens. Das ist so überzeugend wie aktuell. Permanent versuchen Politiker und andere Nutznießer klarer Symboliken, mit Eingriffen in den Stadtraum Versionen historischer Kontinuität zu produzieren. Permanent scheitern sie dabei. Und – vor allem: Permanent wird so die harmlose Materie vergewaltigt, werden arglose Reiterstatuen zu Projektionsflächen politischer Simplifizierung. Diese Simplifizierung scheint Conway zu kritisieren.

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22.02.2010   19:39

Feelgood für Schlauberger

Zu den langweiligsten Thesen der Welt gehört jene, die deutsche Sprache würde von einer Welle englischer Begriffe überschwemmt und damit brutal zerstört. Mit Vorliebe reproduzieren Lehrer oder Lektoren sie. Auch drittklassige „PR für Anfänger“-Seminare trichtern den Zuhörern gern ein, englische Fachbegriffe seien von Übel und kämen im deutschen Wirtschaftsjournalismus gar nicht gut an. Tun sie wahrscheinlich auch nicht, denn deutsche Journalisten gehören ebenfalls zu den unermüdlichsten Verfechtern der Reinerhaltungsthese. Anti-Dengisch-Statements sind so universell zum Schaffen von Zustimmung einsetzbar wie Plädoyers “gegen Krieg”.

Meist wittern die Einsatztruppen für reineres Deutsch, die Verwendung englischer Ausdrücke sei Teil eines tückischen Hochstaplertums. Sie fürchten, da wolle ihnen jemand irgendeine Wahrheit vorenthalten und verbräme dies mit undeutschem Kauderwelsch. Genau diese panische Angst davor, betuppt zu werden, macht die Contra-Denglisch-Tiraden unsouverän und ermüdend – so ermüdend wie jede Verschwörungstheorie. Dennoch kann man sicher sein, mit jedem noch so lauen Witz übers …

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23.01.2010   12:03

Macht doch einfach mal nichts!

Städte wie Hannover sind ja nicht gerade für die ständige Produktion großer Ideen bekannt. Das gefällt den Hannoveranern aber nicht. Also starten die Stadtpolitiker gerne mal eine „Initiative “. Zuletzt: Tempo 40 in der Stadt bei Nacht. Weil der Umweltminister Niedersachsens dies für Unsinn hält, entspinnt sich das, was Politiker, Lokaljournaille und Lobbyisten immer wieder elektrisiert: eine „Debatte“.

Sie fragen sich gerade, warum ich das schreibe? Sie finden, das sei doch eher langweilig und kaum berichtenswert? Stimmt! Genau das ist mein Punkt. Wir beklagen ein zunehmendes Desinteresse der Menschen an Politik. Kann es sein, dass die Flut an permanent neuen, mikrorelevanten Initiativen und deren aufgeregte Verhandlung zu genau diesem Desinteresse beiträgt? Weil nämlich die Menschen den Eindruck gewinnen, Politik, zumindest Innenpolitik, habe keine wirklich neuen Themen. Politiker, deren großes Thema Tempo 40 in einer Stadt ist, in der nachts sowieso nicht gerade der Bär steppt, haben ganz offensichtlich …

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19.01.2010   10:42

Wohlige Leere am Bebelplatz

Der Bebelplatz in Berlin, Ort der nationalsozialistischen Bücherverbrennung, ist schön, erhaben – und normalerweise ziemlich leer. Er gehört ganz den versprengten Reisegruppen auf ihren History-Touren. Meist zumindest. Einmal im Jahr aber wird die gepflegte Ernsthaftigkeit des Gedenkens empfindlich gestört. Ausgerechnet die eitelste, postmodernste, oberflächlichste aller Industrien macht sich dann dort breit: die Modebranche.

Bald allerdings wohl nicht mehr. Nächstes Jahr will die „Berlin Fashion Week“ vom Bebelplatz wegziehen. Der Grund: Berliner Lokalpolitiker machen seit Neuestem Stimmung gegen die böse Welt des „Halligalli“. Wo gedacht wird, da braucht man Ruhe und Leere, finden sie. Und weil die PR-Entscheider der Fashion Week den Grundkurs „Krisen-Kommunikation“ aus der letzten Fortbildung noch im Kopf haben – wenn sich eine öffentliche Diskussion zusammenbraut, diskutier nicht lang rum, mach Dich aus dem Staub – tun sie genau dies.

PR-mäßig ist das richtig gedacht. Die Argumentation „eitle Modebranche hat kein Geschichtsbewusstsein“ ist in …

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30.11.2009   20:02

Weinerliche Autonome

Was sagt es über dieses Land aus, wenn ein Häufchen antisemitischer Punks eine Lanzmann-Filmvorführung stört? Nicht allzu viel, möchte man meinen, abgesehen von der Existenz dieses linken Antisemitismus. Die Hamburger Krawalltrottel repräsentieren sicher nicht die Mitte dieser Gesellschaft. Damit ist auch die Frage beantwortet, weshalb es keinen kollektiven Aufschrei gab. Es gab ihn nicht, weil die deutsche Mitte die Kinoblockierer für zu randständig hielt.

Trotzdem scheint mir die Aktion bemerkenswert. Sie sagt nämlich einiges über Identitätskonstitutionen vieler radikal Linker aus. Hierzu hat der (linke) Künstler Daniel Richter der Welt am Sonntag ein kluges Interview gegeben. Richter stellt einen Zusammenhang her zwischen der historischen Nazischuld und der panisch wirkenden Aktion vor dem Hamburger Kino „B-Movie“: „An Israel will man etwas beweisen“, so Richter. Die Kinder der Nazis wollten Israel zeigen, „dass man mindestens genauso gut ist wie der Gegenüber“.

Die Krawallos handeln damit in der …

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10.11.2009   17:53

Betonkopfkick

Zum Wesen des Fußballfans gehört Naivität. Ich kenne das von mir selbst. Mit größter Naivität bin ich Jahr für Jahr überzeugt, in der jeweils anbrechenden Saison werde der HSV deutscher Meister. Das wurde er 1983 zum letzten Mal.

Realitätsblinde Fußballfans sind nicht schlimm; der Fußball braucht sie sogar. Realitätsblinde Funktionäre hingegen sind außerordentlich nachteilig. Unter diesen leidet der deutsche Clubfußball. Heute haben sie wieder zugeschlagen. Wie nicht anders zu erwarten, lehnten die Erst- und Zweitligavereine den Antrag von Hannover 96-Chef Kind ab, Investoren die Übernahme von Proficlubs zu erlauben.

Ein riesiges Maß an Selbstbetrug macht diese Politik möglich. Jahr für Jahr sucht Deutschlands Profifußball eifrig nach Zeichen, dass er so schlimm doch gar nicht dastehe. Jeder (seltene) Überraschungssieg von Werder Bremen in der Champions League wird zum Zeichen hochstilisiert, dass „Geld Erfolg nicht kaufen kann“; jede einigermaßen würdevolle Niederlage wird mit vorhersehbarer „wacker gekämpft“-Rhetorik beweint. Dass …

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03.10.2009   19:18

Pappe statt Pathos

Unglaublich – unser Land scheint die Lust am Großreflektieren seiner selbst verloren zu haben. Ein Feuerwerk der selbstfeiernden Ansprachen hatte ich für heute befürchtet. Das kam aber nicht; der große Einheitsfeierterror blieb uns erspart. Angela Merkel forderte das Land zu „produktiver Unruhe“ auf – ein bemerkenswert unpathetischer Claim, angenehmer und auch interessanter als das Geraune früherer Jahre. Spiegel Online feiert 30 Jahre Titanic prominenter als 20 Jahre Mauerfall. Wir sind offenbar der großen Worte überdrüssig.

Vielleicht kommt mir das aber auch so vor, weil ich den Tag mit einem Künstler befasst habe, der das Konzept des Nationalpathos komplett unterminiert: Thomas Demand. Der befasst sich in der Ausstellung „Nationalgalerie“ zwar auch mit Deutschland. Aber die große nationale Geste geben seine Stillleben von Wohnzimmern oder Büroräumen der Lächerlichkeit preis.

Dabei geht Demand durchaus an Orte deutscher Historie. Doch es sind oft Unorte der Geschichte wie Barschels letztes Badezimmer …

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