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06.04.2012   21:02

Handke war wenigstens originell

Leicht ist es nicht, an der momentanen „Grass-Debatte“ Gutes zu finden. Der Text – eine literarische wie politische Absurdität. Noch einmal nervt die alte „Man muss doch wohl was gegen Israel sagen dürfen“-Plattitüde. Schade auch um den Platz, den die SZ diesem, äh, „Gedicht“ einräumen musste und den man schön mit der Besprechung lokaler Filmfestivals hätte füllen können.

Ein Gutes aber hat das Ganze: Die Konsequenz, mit der Grass sich selbst entzaubert hat. Nicht nur durch die antiisraelische Tendenz seiner Zeilen. Die Lücke zwischen deren außenpolitischem Gehalt und ihrer pompösen Rhetorik ist immens. Deren Weinerlichkeit und die implizite Unterstellung, das ganze Land hätte fingernägelkauend die Frage diskutiert, warum Grass „geschwiegen habe“, wirken gestrig. Die deutsche Neigung, Grass-Statements den Nimbus quasi-päpstlicher Einordnungen der ganz großen Zeitläufte zu verleihen, dürfte sich erledigt haben.

Aber nicht nur Grass’ eigenes Image als politphilosophische Koriphäe zerbröselt wie ausgerauchter Pfeifentabak. Der Typus …

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28.03.2012   12:15

Politik heute: der Johnny Depp in uns allen wird bedient

Ja, natürlich war Patrick Dörings Statement über die Piratenpartei wählende Masse im Netz nicht gerade klug. Hier redet ein schlechter Verlierer schlecht über die, die ihm abhold geworden sind, so der Eindruck. Und das von Döring bemühte Konzept „Masse“ umschreibt auch nicht wirklich das, was im Netz vor sich geht. Die „Masse“ war ein wichtiges Konzept für Kulturkritiker wie Siegfried Kracauer im frühen 20. Jahrhundert. Das Internet aber bringt keine Auflösung von Individualität in amorphe Massen mit sich. Vielmehr liefert es jedem Mitglied der Masse die Chance, risikoarm und zeitlich begrenzt aus dieser hervorzutreten und mit einem einzelnen Tweet punktuell zum Meinungsindividuum zu werden. Individualität light, sozusagen.

Womit Döring aber richtig liegt, ist seine unverhohlene Angst vor der Piratenpartei. Deren Erfolg kommt provozierend leicht und spielerisch daher. Er wirkt damit wie das komplette Gegenmodell zum politischen Endkampf der FDP, der doch recht krampfhafte Züge trägt. Im Vergleich muten …

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11.03.2012   14:36

Die Coolness des Systems

Ich weiß, die Achse des Guten ist normalerweise eher der Ort des politischen Feuilletons. Aus gegebenem Anlass (meiner eigenen Begeisterung) hier dennoch mal ein schnöder Videotipp. Die BBC-Fernsehserie „Luther“ ist Europas, genauer Großbritanniens, noch genauer Londons Antwort auf Jack Bauer und die amerikanische Krimiserie „24“. Eine brillante Antwort. Idris Elba (bekannt als sinistrer Gangsterstratege in „The Wire“) verkörpert den geschlagenen, getretenen, aber überaus ingeniösen Detective Chief Inspector John Luther lässig, souverän – und glaubwürdig. Und das, obwohl die plottechnisch teils unausgegorenen Drehbücher es ihm dabei nicht leicht machen.

John Luther klärt Fälle üblicherweise durch holmeshafte Beobachtung am Tatort. „Something’s not right“ sagt er dann. Und beginnt, die Dinge neu zu ordnen. Natürliches Gegenstück dabei: eiskalte, stadt- und gesellschaftverachtende Wirrköpfe, die ohne Skrupel und auch ohne klar verständliche Agenda töten.

Was die Serie dabei überdurchschnittlich interessant macht: Die meisten Vielfachmörder – und um solche …

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26.02.2012   16:24

Lebensreformer gegen Schmalspurtheologen

Was für eine Erleichterung: Nachdem kurzzeitig die Befürchtung herrschte, nach der Selektion eines neuen Bundespräsidenten müsse man wieder über echte Politik sprechen, kam die Frage nach Joachim Gaucks Lebensverhältnissen gerade recht. Schnell meldeten sich ein paar politische Zweitreiher zu Wort – und das Land hat wieder ein Aufregerthema, anhand dessen die am großen Empörungskanon Beteiligten sich die Köpfe heiß reden können.

Natürlich erntete die „Ehe-für-Gauck“-Kampagne der Thierse-Geis-Allianz wortreichen Widerspruch. Schließlich bekam damit die Wohlfühlgemeinde der Post-68-Lebensreformer die Chance, den alten „das Private ist politisch“-Ladenhüter wieder hervorzukramen. So verteidigt nun die Mehrheit der Dauersingles, wildehelich Lebenden oder sonst wie nicht Verheiraten noch einmal empört und wortreich das eigene Lebensmodell. Wie wohl tut doch das Gefühl, durch Liebe ohne Ehe etwas ganz Keckes oder, wie der Kosename für trauscheinlose Partnerschaften impliziert, „Wildes“ zu tun. Als gebe es wirklich noch ein borniertes konservatives Establishment, das derlei „alternative“ Lebensentwürfe aus seiner Engstirnigkeit …

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08.01.2012   09:04

Bitte keine Leitfigur

Michael Miersch hat an dieser Stelle treffend die Neigung Christian Wulfs zur salbungsvollen Phrase kritisiert. Wulff kopiere Rau und von Weizsäcker. In der Tat, so wirkt das. Ich glaube aber, dass es einem anderen Präsidentendarsteller nicht viel anders ginge. Schon bei Bruder Johannes wirkte das ganze „vereinen statt spalten“-Geraune beliebig und unterkomplex.

Auch auf die gelegentlich geäußerte Jobbeschreibung von Präsidenten, sie wollten „die Menschen mitnehmen“, reagiert man eher mit Schmunzeln. Wissen sie denn überhaupt, wohin sie uns mitnehmen wollen? Wissen sie, wo es hingeht? Man hat doch in den Tagen der Finanzkrise eher den Eindruck, die Politik reagiere selber gehetzt auf neue Verwerfungen der Märkte. Die Formulierung „die Menschen mitnehmen“ impliziert, dass hier eine Kaste Großdenker und -macher (Politiker) die einfachen Menschen (uns) auf einen Weg einstimmen müssten, den sie selber bestimmen. Das aber ist nicht mehr der Fall. Und „die Menschen da draußen“ wissen auch, …

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03.01.2012   17:58

Bild lässt schreiben

Die Vorkommnisse um Bundespräsident Wulff haben einige Leute und Institutionen schlecht aussehen lassen. Doch es gibt auch einen großen Gewinner: Den Springer-Verlag. Natürlich hat Christian Wulffs Mailbox-Wut dem Verlag eine Steilvorlage geliefert. Doch es ist auch ein ziemlicher Coup, wie Kai Diekmann, Mathias Döpfner und Springers PR-Abteilung momentan die gesamte deutsche Medienelite für eine Kampagne „Rettet den unabhängigen Journalismus – rettet die Bild“ einspannen. Gerade für linksliberale Medien und die traditionsbewussten unter deren Lesern ist das eine Provokation. Doch die Entscheider bei SZ, Spiegel online und Co. können nicht anders. Sie müssen über die Handy-Thematik berichten; alles andere wäre unjournalistisch. Wirklich glücklich dürften sie dabei, anders als der entspannt zurückgelehnte Diekmann, aber nicht sein. Und der auch zu lesende Vorwurf, er selber lasse es an Etikette mangeln, dürfte kaum jemanden weniger schockieren als den Chefredakteur der Bild.

Christian Wulffs Handy-Ansage geschah am 12. Dezember. Publik wurde sie aber …

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17.10.2011   10:41

Deutschland Deine Trolle (8)

Trolle und Trollfrauen sind oft schadenbringende Geisterwesen in Riesen- oder Zwergen-Gestalt. Angeblich kommen sie besonders häufig in Island vor. Unsere Zeitschrift Neugier.de, die wir in Island produziert haben, erscheint in diesen Tagen mit einer Ausgabe „Made in Iceland“. Unsere isländischen Freunde, genervt vom Troll-Kult, rangen uns jedoch ein Versprechen ab: Nichts über Trolle! Gemeint waren natürlich isländische Trolle. Wir fanden deshalb einen salomonischen Ausweg: Eine erlesene Kollektion deutscher Trolle. Wir baten Freunde und Autoren der Achse des Guten um kurze Portraits ihrer heimischen Lieblingstrolle. Heute beschreibt Alexander Gutzmer seinen Favoriten:

Wolfgang Grupp

Der Chef des Textilunternehmens Trigema erzählt seit Jahren die immer selbe Laier: Produziert nur in Deutschland, der Firmenchef als gütiger Patriarch …Das alles stets wohlgebräunt und sehr von der eigenen Wichtigkeit überzeugt. Praktischerweise hat Grupp auch schon sein Trollstammland gefunden: das offentlichrechtliche Fernsehen. Die dort versammelte …

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21.09.2011   10:45

HSVFDP

Ein großer Fan des Hamburger Sportvereins ist der prominenteste Bademandelträger des Landes, Dittsche. Dessen Lieblingssatz lautet: „Das kann doch kein Zufall sein.“ Sehr passen würde dieser Satz momentan bezogen auf die Parteizugehörigkeit des HSV-Vorstandschefs Carl-Edgar Jarchow. Jarchow sitzt nämlich für die FDP in der Hamburger Bürgerschaft.

FDP und HSV, das ist momentan Deutschlands ungleiches Krisenpärchen. Hier der seit Monaten hilflos dahintrudelnde Krisenclub, da die ebenso orientierungslose Partei. Beide reiben sich seit Monaten am Thema „Personal“ auf, ohne den Eindruck zu erwecken, es stecke irgendeine Strategie hinter den diversen Rochaden. Der neue Parteichef der FDP vermittelt nicht den Eindruck, aufgrund inhaltlicher Überzeugungen das Amt auszufüllen. Auch auf Landesebene (siehe Berlin) sind nicht Leute in Entscheiderpositionen, weil sie für bestimmte Inhalte stehen. Vielmehr sitzen da inhaltsneutrale Politverwalter, die sich vor Wahlen spontan fragen, was man denn jetzt mal fordern könnte, um noch ein paar Promillepünktchen mehr zu ergattern – siehe …

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