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27.04.2013 09:02
Der Mythos vom Niedergang Amerikas
Es ist eines der Lieblingsmärchen deutscher Medien: Die tragische Geschichte vom Ende Amerikas. Noch vor wenigen Monaten fabulierte der Spiegel über den „Niedergang einer großen Nation“. Hundertschaften von Reportern durchkämmen jedes Jahr die Vorstädte der USA, auf der Suche nach Indizien ökonomischen Verfalls und moralischer Degeneration. Parallel dazu genießen die Deutschen die Autosuggestion, ihr Land sei ein Hort der Toleranz, ganz entgegen dem, was sie gebetsmühlenhaft „das prüde Amerika“ nennen. All diesen Geschichten gemein ist eine parallele Fetischisierung der USA und ihres „Niedergangs“.
Dumm nur: Mit der Realität hat das nicht viel zu tun. Die USA gehen gar nicht unter. Kulturell nicht, und wirtschaftlich auch nicht. Nehmen wir die Kultur: Gesellschaftlich prägende, neue kulturelle Formate kommen
14.04.2013 13:53
Schöne neue Jobwelt?
Wenn eine Designmesse eine Spezialschau zur Zukunft der Arbeit ankündigt, ist Vorsicht geboten. Man hat schon zu viele naiv-optimistische Selbstverwirklichungsszenarien gehört, die mit der realen Bürowelt so gar nichts zu tun haben. Umso erfreuter war ich vergangene Woche auf dem Salone del Mobile in Mailand. Der Architekt Jean Nouvel stellte sein „Project: Office for Living“ vor. Und dieses war kritischer, oder besser: realistischer als befürchtet. Ein Wohnbüro, das er etwa präsentierte, wimmelte neben obligatorischem Bürodesign vor allem von nervigen Bildschirmen voller asiatischer Schriftzeichen. Die Betten waren auf eine Empore verpflanzt. Forget sleeping, so die doppelzüngige Message. Die Farbigkeit der Rauminstallation: So gleißend weiß, dass ihre Neutralität eher erschreckend wirkte als, wie Designautoren das gerne
21.03.2013 18:11
Katja Riemann: Der Steinbrück der Showwelt
Ganz Deutschland diskutiert mal wieder. Aber was eigentlich? Eine etwas divenhafte Schauspielerin gibt einem weder unsympathischen noch unfähigen Journalisten ein Fernsehinterview. Sie erweist sich als ein wenig schnippisch, entsprechend erfüllt das Interview nicht die gängigen Stereotypen arglos-gefälligen Plauderns. Na und? Ist doch gut. Wie im Fußball, wünschen wir uns doch auch im Fernsehen ständig „Leute mit Ecken und Kanten“. Nichts anderes zeigt Katja Riemann hier. Sie mag den Moderator halt nicht, entsprechend kurz fallen ihre Antworten aus. Das ganze wirkt wie ein verunglücktes Date – und damit ausgesprochen lebensnah und authentisch. Ich finde die Schauspielerin in ihrer offenbaren Verletztheit sogar recht interessant. Ob das die routinehafte netzmediale Emotionsaufwallung namens Shitstorm rechtfertigt? Man fühlt
07.01.2013 19:58
Peers seltsame Heroik
Peer Steinbrück kämpft momentan ja einige Kämpfe: mit Angela Merkel (am Rande), mit der SPD (zunehmend), mit seiner formulierungsschnellen Zunge (immer wieder). Vor allem aber kämpft er einen Kampf gegen die Zeit. Steinbrück agiert, als lebten wir noch in einer Zeit ohne die Selbstverstärkungsmechanismen der Medien. Steinbrück will glauben, es komme tatsächlich nur darauf an, recht zu haben. Die ganzen „inhaltlich stimmt es ja, was er sagt, aber…“-Kommentare zeigen das.
Interessant an dem Fall ist es, wie hoffnungslos kauzig uns Steinbrücks Hüpfer von einem Fettnapf in den nächsten vorkommen. Offenbar haben wir alle in den vergangenen Jahren nicht nur die Mechanismen der Hypermediengesellschaft verstehen gelernt. Wir gehen auch davon aus, dass alle anderen sie ebenfalls verstehen und ihnen gemäß handeln. Vor allem
21.11.2012 11:54
Doch: Tränen für die FTD!
In seinem “Nachruf auf die Financial Times Deutschland” schreibt Kollege Wolfgang Röhl: “Anders als im Fall der ebenfalls gerade eingestellten Frankfurter Rundschau wird der FTD niemand heiße Tränen nachweinen.” Doch – ich. Und zwar dicke. Hier ist ein Grund: Heutige Headlines von FTD und Handelsblatt im Vergleich.
Kirchenthemen (Frauenquote der anglikanischen Kirche, Streikrecht für Mitarbeiter in Deutschland):
“Herr bleibt Hirte” (FTD)
“Streikrecht für kirchliche Mitarbeiter” (Handelsblatt)
Handelsthemen (Marcs & Spencer Deutschland, Online-Buchhandel):
“Hallo Spencer!” (FTD)
“Kleine Buchhändler machen Front gegen Amazon” (Handelsblatt)
Fielmann:
“Klare Aussicht” (FTD)
“Brillenkönig Fielmann sichert Familieneinfluss ab” (Handelsblatt)
Schaeffler-Krise:
“Schaeffler leidet mit der Industrie” (FTD)
“Schaeffler kürzt die
04.11.2012 08:39
In kalter Stube Goethe rezitieren
Und erneut beschäftigt mich das Konservative. Heute aus Anlass eines Artikels in der FAZ. In dem schimpft Edo Reents in vielen Worten und mit einigen Beispielen über die neue Infantilität unserer Gesellschaft. Das blöde Internet und die tückischen Angebote der Konsumkultur machen uns zu alten Kindern, meint er.
Meist schreibt Reents in der FAZ über Popmusik. Sein Kulturpessimismus mag von daher auch dem Überdruss an den eigenen Themen geschuldet sein. Doch es wäre unfair, den Artikel damit abzuurteilen. Reents liefert nämlich durchaus Bedenkenswertes. So, wenn er feststellt, die Gesellschaft ermögliche heute keine „Kontrasterfahrungen“ mehr. Es stimmt, im allumfassenden Informations-, Meinungs- und Bilderfluss verschwimmen früher strikt getrennte Welten. Deutschland sucht immer wieder mal einen Superstar, Amerika einen
21.10.2012 15:09
Das Ende des Konservativen
An der Diskussion um die Doktorarbeit Annette Schavans zeigt sich die ganze Misere des konservativen Lagers im 21. Jahrhundert. Mit der akademischen Bildung steht hier ein Grundgut bürgerlicher Identitätsbildung zur Debatte. Die CDU hätte die Gelegenheit, vorzuführen, wie eine sich auch kulturell definierende Bürgerlichkeit dieses Gut hochhält. Sie könnte in uneingeschränktem Glauben an das wissenschaftliche System, das sie ja selbst mit geprägt hat, abwarten, was die Untersuchung der Düsseldorfer Uni ergibt, und danach wohl überlegt und ohne parteitaktische Mätzchen Konsequenzen ziehen. Doch diese Möglichkeit ist dem real existierenden Konservatismus längst verloren gegangen. Es gibt diese Form konservativer Bildungsbürgerlichkeit nicht mehr (wenn es sie denn in Deutschland jemals gegeben hat). Undenkbar, dass etwa in
21.09.2012 18:51
Der ultimative Deeskalator: Ermüdung
OK, liebe Leser, hier ist die definitive Lösung für den Karikaturenaufuhr: Mehr Karikaturen! Und zwar viel mehr! Ist doch ganz einfach: Jede Empörungswelle kostet die Hysteriker vor den Botschaften viel Kraft. Man muss sich ihre Empörungslogistik einmal konkret vorstellen: Aufregen, zusammenrotten, stärker aufregen, Wurfgeschosse verteilen, dann hin zur Botschaft, noch stärker aufregen, dann Botschaft zertrümmern. Manchmal sogar gegen die milde Gegnerschaft der örtlichen Polizei. Das ist anstrengend! Und auf Dauer auch recht eintönig.
Wenn wir (also “die westlichen Medien”) dem gängigen Botschaftenstürmer also Grund genug geben, jeden Tag auch nur auf 20 Vertretungen loszugehen, dann wird er am Anfang vielleicht noch eifrig dabei sein. Nach ein oder zwei Tagen aber dürfte die Motivation schon nachlassen. Um nach spätestens


