Antje Sievers / 28.12.2016 / 17:26 / 5 / Seite ausdrucken

Zum Tode von Carrie Fisher

Gestern starb Carrie Fisher im Alter von sechzig Jahren. Sie war eine Ikone, heißt es. Das ist ein Irrtum. Ihre Rolle war eine Ikone. Als die unbekannte neunzehnjährige Schauspielerin, in Hollywood als Tochter eines Schnulzensängers und einer Schauspielerin aufgewachsen, 1976 für die Rolle der Prinzessin Leia in George Lucas’ „Star Wars“ gecastet wurde, geschah ihr das, wovon alle Möchtegernschauspieler träumen: Sie wurde über Nacht ein Star, jeder kannte ihr Gesicht, sie war mit einem Schlag berühmt. So, wie Romy Schneider später sagte, die „Sissi“ klebe an ihr wie Griesbrei, so blieb Carrie Fisher im Prinzessin-Leia-Brei stecken, der ihre Karriere langsam, aber sicher erstickte. Das Publikum bekam nicht genug von ihr und ihren verrückten Flechtfrisuren, von Prinzessin Leia im Kupferbikini, an ein Monster namens Jabba The Hutt gekettet, das aussah wie ein monumentales Magengeschwür.

Obwohl eine begabte Schauspielerin und umwerfende Komödiantin, fristete sie ihr Dasein nach Abdrehen der Star-Wars-Trilogie über Jahrzehnte nur in Nebenrollen und Kurzauftritten, die ihrem Talent in keiner Weise gerecht wurden. Man kennt sie als die verlassene Braut in „Blues Brothers“, die nichts unversucht lässt, um Jake und Elwood den Garaus zu machen, oder als Meg Ryan’s Freundin Marie in „Harry und Sally“. Ende der achtziger Jahre begann Carrie Fisher zu schreiben. Autobiographisch gefärbte Romane über ihre Bipolare Störung, ihre Drogenabhängigkeit, ihren Alkoholismus.

Sieben kleine, rosafarbene Kühlschränke

In dem Buch mit dem bezeichnenden Titel „Wishful Drinking“ beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend in Hollywood mit zwerchfellerschütterndem Realismus: Sieben kleine, rosafarbene Kühlschränke habe es im Heim ihre Mutter Debbie Reynolds gegeben, für den Fall, dass die sieben Zwerge vielleicht mal vorbeischauen sollten. Sie entzückt mit der Schilderung der wundersamen Transformation ihrer Mutter in eine glamouröse Filmdiva mit Hilfe des riesigen zweitürigen Ankleideraumes: Am einen Ende hinein, wo Parfüms, Make-Up-Tische, der „Schrein der Perücken“, die grandiose Filmstargarderobe voller Pailletten, Pelze und Federn warteten, am anderen Ende wieder hinaus als eine Frau, die nicht mehr ihre Mutter war.

Das Scheitern der Ehe ihrer Eltern und Eddie Fishers Hinwendung zu Elizabeth Taylor nach dem Flugzeugabsturz ihres Ehemannes Michael Todd beschreibt sie lapidar: Er habe sie erst mit Blumen getröstet, später mit seinem Penis. Tatsächlich musste Carrie Fisher 2015 noch einmal zu Prinzessin Leia werden, mit einem Auftritt in „Star Wars – das Erwachen der Macht“. Die Figur wurde sie einfach nicht los, sie führte längst ein Eigenleben. Es gab Carrie/Leia als Legofigur, Actionpuppe und PEZ-Spender, und sie erlebte, das Männer ihr gestanden, sie hätten als Jungs gnadenlos von ihr geschwärmt. Sogar bis zu dreimal am Tag.

Nicht wäre also weniger angebracht, als ihr jetzt hinterher zu rufen: Möge die Macht mit dir sein. Da geht eine große Schauspielerin, eine wunderbare Schriftstellerin. Vor allem aber ein Mensch, der ein besseres Leben verdient hätte.

Leserpost (5)
Marie Claire Meyer / 29.12.2016

“... der ein besseres Leben verdient hätte.” Da kann ich nicht zustimmen. Leider sind Lebensverläufe nicht immer gerecht. Man kann damit hadern, zerbrechen oder etwas daraus machen. Es gibt soviele Menschen, die nicht ihre Träume leben können. Frau Fisher hatte ein gutes Leben, sie hat sich entschieden, u. a. Drogen zu konsumieren. Wenn man mit einer (Lebens-) Rolle nicht zufrieden ist, dann muss man sich etwas anderes suchen, dies müssen andere auch. Sie werden nicht gefragt. Nur weil Frau Fisher prominent und unglücklich war, wird diese Darstellung der Situation nicht gerecht. Sie hatte wahrscheinlich viel mehr Chancen einen guten Therapeuten zu finden, als so mancher Kassenpatient hier in Deutschland.

Bertram Scharpf / 29.12.2016

Ich habe Carrie Fisher immer kritisch gesehen, und ich habe es immer als meinen Fehler betrachtet, wenn ich einen Menschen kritisch sehe. Mit Ihrem Beitrag haben Sie mir meinen inneren Widerspruch aufgezeigt und ihn aufgelöst. Vielen Dank!

Albert Reech / 28.12.2016

Bis auf Harrision Ford hat keiner der Star Wars Schauspieler danach Karriere gemacht. Natürlich war Carrie Fisher ein große Schauspielerin - und ihre Paraderolle war Prinzessin Leia. Diese Rolle und wie sie von Carrie Fisher gespielt wurde sollte man nicht abwerten. Leia war nicht die typische Prinzessin in Nöten die darauf gewartet hat von den Helden gerettet zu werden - und Carrie Fisher hat das glaubwürdig gespielt. Männliche und weibliche Star Wars Fans haben deshalb von ihr gnadenlos geschwärmt, wenn auch nicht umbedingt aus gleichen Gründen, aber auch das sollte man nicht abwerten.

Joseph Rose / 28.12.2016

Gratuliere Frau Sievers, ich hätte es selbst nicht besser schreiben können. Mich hat es auch immer gewundert, dass man Carrie Fisher (ähnlich wie bei Marilyn) zwar in den Himmel lobte, jedoch niemals hinter die Fassade geblickt hatte und niemals gesehen hatte, dass auch sie schwer unter ihrem Leben litt. Rest in peace Carrie

Marcus Lausch / 28.12.2016

Liebe Frau Sievers, der beste Nachruf auf Carrie Fisher bisher. Bitte auch an ihre wunderbare Darstellung in “Hannah und ihre Schwestern” denken. Wird überall vergessen. Übrigens insgesamt ein großartiger Film. Mit Dank Marcus Lausch

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