Gastautor / 26.06.2017 / 15:00 / Foto: Kassandro / 5 / Seite ausdrucken

Zum Tod von Gunter Gabriel: Ich war noch nicht bereit für dies hier

Von Hauke Meyer.

Ich war noch nicht bereit für dies hier.

Überraschend hat sich am 22.06.2017 der erste und der letzte deutsche Punk für immer aus unseren Leben verabschiedet. Gunter Gabriel. Er war mehr als "Hey Boss, ich brauch´ mehr Geld" und Dschungelcamp. Man höre sich die Prosa von "Wer einmal tief im Keller saß" an und  wird verstehen, warum die Republik ärmer sein wird  ohne dich, Gunter. Um viele Ecken und Kanten ärmer.

Ich bin fest davon überzeugt, dass eine ganze Menge Menschen erst nach und nach begreifen werden, dass es einer der größten deutschen Künstler war, der uns heute verlassen hat. "Es war nicht alles schlecht, was früher einmal gut war", sang er auf einem seiner Spätwerke. Und wir alle wissen, wie recht er hat. Im Herbst seiner langen, beileibe nicht immer steilen Karriere, errang Gunter einen gewissen Bekanntheitsgrad durch seine Wohnzimmerkonzerte.

Und eines davon, das hat er für mich gegeben. Einer der verstörendsten und schönsten Abende meines Lebens. Ich erzähle das immer wieder gern. Am heutigen Tag erst recht:

...mit verbundenen Augen werde ich in einen Raum geführt und auf einen Stuhl gesetzt. Ich spüre die Anwesenheit von Menschen und mein Instinkt sagt mir, dass gleich etwas „Großes“ passiert. In meinem Rücken nehme ich die ersten Takte einer Akustikgitarre wahr und ein Stimme, die mir fremd und doch so vertraut vorkommt „Love...is a burnin´ thing...“ – die Binde fällt, ich blicke auf, meine Synapsen explodieren:

Ein feistes Grinsen, eine Gitarre

Wo bin ich? Wer sind all diese Menschen und wer zur Hölle singt da? Das kann nicht sein! Fünf endlose Sekunden versuche ich zu verstehen, was hier passiert, bis es mir aufgeht: Sie haben es tatsächlich getan!!! Der Meister himself spielt für mich. Ich drehe mich um und blicke auf Deutschlands ersten Punk: Gunter Gabriel im Wintergarten meiner Eltern zu meinem Junggesellenabschied.

Ein feistes Grinsen, eine Gitarre, die auf „zehn vor halb fünf“ gehalten wird und eine Stimme, die seit Jahren in meinem CD-Player dauerrotiert. Wie ein Film läuft die Show an mir vorbei. Gunter reiht Hit an Hit und alle sind begeistert. So eine Veranstaltung hatte er auch noch nicht, sagt Gunter. „Hört ihr auch Florian Silbereisen, die schwule Ratte…?!“ Dass ich am Ende mit ihm und seinem Gitarristen gemeinsam den „arbeitslosen Star“ singen darf, ist einer der größten Momente meines Lebens. Wenn wir Volker, dem Fahrer, glauben dürfen, habe er da gemerkt, dass „der Gunter“ das absolut geil fand, diesen Song mal wieder zu spielen.

Der Stoff sucht sich seinen Autor aus, heißt es und nicht der Autor seinen Stoff. In diesem Fall muss man wohl sagen: Legenden suchen sich nicht ihr Publikum aus, sondern das Publikum seine Legenden. Tiefenpsychologisch haben wir es nach diesem Abend mit derart vielen und vielschichtigen Aspekten zu tun, die kaum in ihrer Gänze zu erfassen möglich sind. Wer ahnt schon, dass er mit einer Mischung aus Johnny Cash, Sid Vicious, Curd Jürgens, Udo Lindenberg und dem Opa vom „Kleinen Arschloch“ konfrontiert wird?!

„Sach ma ehrlich, Wilfried – wann hast du dir eigentlich das letzte Mal vorm Fernseher ordentlich einen gewixt?!“, fragt Gunter meinen Schwiegervater nach dem Konzert. „Vorhin um halb acht, wenn du´s genau wissen willst!“, pariert der schlagfertige Mann.“Gut, aber denk dran, was wir besprochen haben – nimm deine Alte heute noch von vorne und von hinten….“. „Ähm, ich glaube, das wird heute beides nichts mehr!“.

Ohne sich zu verbiegen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen

Sowas hat es in den vier Wänden meines Elternhauses bis dato noch nicht gegeben. Machen wir uns nichts vor. Gunter Gabriel ist mehr Punk und weniger gesellschaftsfähig als die so genannten Szenebands Kassierer, Slime und Kotzreiz zusammen! Gabriel steht in einer Riege mit handverlesenen Bands und Künstler, die man jedem Publikum dieser Welt anbieten kann. Ob in Hecks Hitparade, zur Eröffnung eines Möbelmarktes, in einem Punkschuppen auf der Großen Freiheit oder als Gast der angesagten Band Frei.Wild – am Ende hat er jedes Publikum gekriegt. Ohne sich zu verbiegen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Der einzige Künstler der Welt, der auf einer Antifademo mit schwarz-rot-gold lackierter Gitarre auftreten hätte können, ohne gelyncht zu werden, um von dort zu einem Wohnzimmerkonzert in einem Verbindungshaus weiter zu reisen. Oder eben ins südniedersächsische Einbeck in mein Elternhaus. Man stelle sich vor, dass der eigene Vater nachts um halb drei von Gunter Gabriel zungengeküsst werden soll und auf die Frage, ob der Schnaps geschmeckt hat, die Antwort „Willst du mich heiraten?...Ich fick dich in den Arsch…!“ bekommt. Als er sich darüber hinaus über den Geschmack von weiblichen Geschlechtsteilen auslässt, musste ich Rolf, meinem Vater, die Hand aufs Knie legen und bitten: „Sag jetzt bitte, bitte nichts über meine Mutter…Papa!“

„Warum haben Männer eigentlich einen Sack?!", philosophierte Gunter aber munter weiter. Keiner von uns traute sich, darauf zu antworten und so erbarmte sich Herr Gabriel, die Antwort gleich selbst zu geben: "Richtig…der Sack ist der Kühlschrank des Mannes.“  Selbsterkenntnis durfte aber auch nicht fehlen: „Ich sehe aus, wie ein Mülleimer – hier, der Rolf, der sieht gut aus…Hast du wirklich 37 Jahre nur eine Alte gevögelt, Rolf?!“

Nachts um drei erhebt sich der Meister, verschwand  aus unseren Leben und hinterließ eine Lücke, die nie wieder geschlossen wurde.

So war das im Juli 2011. Denke ich gerne dran. Jedes Mal, wenn ich seine Musik höre und das ist ziemlich häufig. Juni 2017. Eine tragische Figur in seiner Mischung aus Verletzlichkeit, Obszönität und Authentizität, die ihresgleichen nicht mehr finden wird, hat zum letzten Mal die Gitarre in den Landesfarben gespielt. Über dem Norden der Republik wütet symbolisch ein Unwetter zum Tode vom „Sohn aus dem Volk“. Gunter Gabriel war ein solches Unwetter in der deutschen Landschaft. Unangepasst, heimatliebend, wild und unbezähmbar. Von dieser Sorte Mensch gibt es nicht mehr viele, obwohl Unwetter bekanntlich die Luft reinigen.

In unsicheren Zeiten wie diesen, in denen man kurzzeitig fast geneigt war, einem Kohl hinterherzutrauern, ist sein Tod immerhin nicht umsonst.

Mach´s gut, alter Freund. Ich war noch nicht bereit für dies hier.

Hauke Meyer ist  Diplom Pädagoge und Jahrgag 1976

Einer weitere Lese-Empfehlung zu Gunter Gabriel: Von ganz oben nach unten und wieder zurück

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Leserpost (5)
Alexander Wildenhoff / 27.06.2017

Nein, Hauke Meyer, Gunter Gabriel ist kein transzendenter Gigant oder Guru der Obszönität - er ist ein gescheiterter Schlagersänger. Nicht mehr- aber möglicherweise weniger.

Martin Wessner / 26.06.2017

Sehr interessant zu lesen. Gunter Gabriel, quasi der Akif Pirincci mit der Fender in der Hand. Beide hätten sich wohl gemocht, wenn sie sich persönlich gekannt hätten.

Roland Stolla-Besta / 26.06.2017

De mortuis nil nisi bene – aber muß man es gleich so übertreiben? Musikalisch komme ich aus einer absolut anderen Richtung, da ist mir Sigmar Gabriel – pardon, eine freudsche Fehlleistung – Gunter Gabriel einfach zu einfach. Und literarisch kann ich dem Herrn auch nichts abgewinnen. Entschuldigt, liebe Achse-Leute, aber dieser Nekrolog ist mir doch etwas zu platt für Euer sonstiges Niveau.

Karl Neumann / 26.06.2017

Im Januar 2007 kasperte Gunter Gabriel in einer Talkshow : “Fünf Millionen Menschen halten mich für einen Idioten”.  Ich bin einer von diesen Menschen.

Eberhard Kuske / 26.06.2017

Ach Gottchen! ...nicht alles, was als Mittel der Regelverletzung mit Obzönitäten um sich wirft, ist automatisch zum “Punk” oder zum “Künstler” geadelt, oder: Regelverletzung ist für mich kein Wert an sich. Die musikalischen Fähigkeiten G.G’s hielten sich m.E. jedenfalls in engen Grenzen. Aber wer’s mag

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