Vince Ebert (Archiv) / 04.10.2016 / 06:15 / Foto: Tim Maxeiner / 5 / Seite ausdrucken

Zukunft is the future. Oder umgekehrt

Wie werden wir in 20, 50 oder 100 Jahren leben? Was wird sich verändern? Was bleibt gleich? Und die vielleicht wichtigste Frage: Kann man überhaupt etwas Fundiertes über die Zukunft sagen?

Aber ja doch! Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt sinngemäß, dass es mit unserem Universum stetig und unaufhaltsam bergab geht. Und spätestens seit Rammstein von Heino gecovert wurde, ist das jedem klar. Anderseits besagt der dritte Hauptsatz der Thermodynamik „Man kann den absoluten Nullpunkt niemals erreichen“. Und das ist doch eine tröstliche Vorstellung. Egal, wie beschissen es Dir geht, es ist immer noch Luft nach unten …

Das war natürlich ein Scherz. Denn tatsächlich haben wir durchaus Grund, positiv in die Zukunft zu blicken. Vor allem, wenn wir uns die Geschichte der Zukunft anschauen. Vor 300 Jahren hat man fast einen ganzen Tag gebraucht, um eine Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Dann haben wir das Auto entwickelt, mit dem man die zehn Kilometer in zehn Minuten zurücklegen konnten. Und heute stellen wir so viele Autos her, dass man für die zehn Kilometer wieder einen ganzen Tag braucht.

Vielleicht hat Google ja auch deswegen das selbstfahrende Auto entwickelt. Das könnte sich dann morgens um sechs vollkommen selbstständig in den Stau stellen, damit wir zwei Stunden länger schlafen können, um später dann mit der S-Bahn nachzukommen.

Die Welt sieht besser aus als noch vor wenigen Jahren

Vielleicht aber auch nicht. Vieles, was uns die Technik versprochen hat, ist nicht eingetroffen. Wir fliegen heute nicht Rucksackraketen durch die Gegend, haben kein Heilmittel gegen Krebs und noch immer keine Kaffeekanne, die nicht tropft. Dafür haben wir das Internet, keine Mauer mehr und eine Pille, die bei ihrer Einnahme eine Erektion verursacht. Und ganz ehrlich: was brauche ich da Rucksackraketen?

Zukunft läuft immer anders ab als man denkt. Noch vor zehn Jahren ist Rudolf Mooshammer mit einem Telefonkabel erdrosselt worden. Das wäre heute rein technisch überhaupt nicht mehr möglich.

Auch, wenn der tägliche Blick in die Nachrichten das Gegenteil suggeriert, es sieht heute besser aus auf der Welt, als es seit Beginn der Geschichtsschreibung je ausgesehen hat. Es sieht besser aus als noch vor wenigen Jahren. Sogar besser als heute Morgen um halb zehn  – dank einer warmen Dusche, drei Tassen Kaffee und zwei Aspirin.

Es geht uns wirklich gut. So gut wie nie zuvor. Selbst Hartz-IV-Empfänger können heute bei Lidl und Aldi exotische Früchte aus der ganzen Welt kaufen, nach denen sich der König von Preußen die Finger geleckt hätte. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Schwarze herablassend als „Neger“ und Türken verächtlich als „Kümmelfresser“ bezeichnet. Inzwischen bekommen Muslime in Deutschland sogar Weihnachtsgeld. Und fühlen sich dadurch nicht einmal in ihren religiösen Gefühlen beleidigt.

Das Jammern ist in zweierlei Hinsicht erstaunlich

Auch auf globaler Ebene ist Fortschritt eine unbestreitbare Tatsache. Er misst sich an Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Alphabetisierung, Nahrungskalorien pro Kopf, Durchschnittseinkommen usw. Egal, welchen Indikator man auch immer nimmt – alle sahen vor 25, 50 oder 100 Jahren schlechter aus. Und zwar weltweit. Wenn Sie an der Stelle skeptisch mit dem Kopf schütteln, dann empfehle ich Ihnen, sich näher mit den Erkenntnissen des schwedischen Statistik-Professor Hans Rosling zu beschäftigen. Auf der Online-Plattform www.ted.com gibt es einen mitreißenden Vortrag, in dem er auf plakative Weise zeigt, wie phänomenal sich die Lebensverhältnisse in nahezu allen Ländern über die letzten 150 Jahre entwickelt haben.

Trotzdem wird gejammert, dass die Welt immer unfairer, ärmer und ungerechter wird. Das ist in zweierlei Hinsicht erstaunlich. Denn einerseits sprechen die Fakten eine völlig andere Sprache, andererseits verhalten sich oft diejenigen, die am meisten über die Weltrettung und soziale Gerechtigkeit schwafeln, privat am asozialsten. Man stellt sich alle paar Tage in irgendwelche Lichterketten für Toleranz und Frieden, ist aber noch nicht mal fähig, den Streit mit seiner eigenen Schwiegermutter zu beenden. Wenn es darum geht, in einer Online-Petition gegen die Ausbeutung von Frauen zu unterschreiben, sind wir dabei – aber wenn Mutti zum Abwasch ruft, ist keiner da. Abends sitzen wir dann bei fair gehandeltem Bohnenkaffee zusammen und organisieren mit dem iPad über Facebook Demos gegen amerikanische Großkonzerne. Im Hintergrund läuft der neue illegale Download von David Garrett. Ein Stück von Dvořák, das klingt wie Oasis. So etwas spielt man im Hamburger Hauptbahnhof, um die Junkies fernzuhalten.

Natürlich muss vieles auf der Welt verbessert werden. Es ist noch lange nicht alles gut. Einige Ziele werden wir vielleicht niemals erreichen können: den Islamismus zu besiegen, ein Mittel gegen Krebs zu entwickeln, die Kernfusion nutzbar zu machen oder einen Akku zu erfinden, der länger als einen Tag hält.

In letzter Konsequenz können wir nicht wirklich vorhersagen, wie sich die Zukunft entwickeln wird. Aber Trübsal blasen und den Verfall der Welt zu beklagen ist irgendwie auch keine Lösung, oder? Deshalb sei an dieser Stelle auch mal ein wenig Optimismus angesagt. Denn: Zukunft is the future!

Vince Ebert ist Physiker und Komiker. Seit September tourt er mit seinem neuen Programm „Zukunft is the future“ durch das Land. Tourdaten unter: http://www.vince-ebert.de/termine-tickets/

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (5)
Michael Tharandt / 04.10.2016

Selten so geschmunzelt und gelacht über die so herrlich entkrampfenden Zeilen dieses Beitrages. Das tut auch der Plattform achgut.com mal gut. Weiter so Vince Ebert!

Gerhard Sponsel Lemvig / 04.10.2016

Shara Wagenknechts Vorbild konnte in die Zukunft blicken.  “Vorwärts immer - Rückwärts nimmer”.  Bedford- Strom,und seine zwei Pressesprecherinnen, Katrin Eckart Göring und Margot Käsmann, die halten es lieber mit Karl Valentins Spruch:  “Früher war die Zukunft auch besser” ! Danke Herr Ebert für die treffende Festellung das Zukunft ja future ist.  Ein Hoffnungsschimmer für die Nachhaltigkeitsapostel.

Josef Kneip / 04.10.2016

Nun, Herr Ebert, halten Sie diesen Vortrag mal in Ländern, auch in Europa, die 25 % und mehr Jugendarbeitslosigkeit haben. In Ländern, in denen hunderte Menschen durch terroristische Anschläge ums Leben kamen. Die Technik alleine macht den Menschen nicht glücklich. Vielleicht waren die Menschen damals, als man einen ganzen Tag brauchte, um 10 km zurückzulegen insgesamt glücklicher als heute, wo man für tausend km nur eine Stunde braucht. Die Zufriedenheit in der Bevölkerung wäre sicher weit höher, wenn der Bürger den Eindruck hätte, Politik würde für ihn und nicht gegen ihn gemacht. Der technische Fortschritt, der bei weitem nicht jedem zugute kommt, entspringt weniger irgend welchen humanitären Ambitionen, als vielmehr dem Bestreben nach Profit und Reichtum. Das dokumentiert sich am ausgeprägtesten im Gesundheitswesen. So steht bei der Pharma-Industrie nicht der Patient im Vordergrund, sondern die Marktführerschaft bei irgend einem Medikament, die hohe Gewinne garantiert. Auch wenn illegalen Migranten mehr Aufmerksamkeit seitens der Politik zukommt als dem eigenen Bürger, hebt das nicht die Zukunftsstimmung, zumal aktuell bewusst ein kultureller Umbruch unseres Landes betrieben wird. Nicht jammern? Alles hinnehmen? Die Bürger sind doch keine Herde dummer Schafe. Auch wenn sie mit Merkels Sprechblasen dumm gehalten werden sollen.

JF Lupus / 04.10.2016

Primo, verehrter Vince Ebert, bin ich mit Worten wie “Neger” für einen dunkelhäutigen Mitmenschen aufgewachsen und dieses Wort wurde, jedenfalls in meinem Umfeld, nie beleidigend gebraucht und hat niemals eine diffamierende Bedeutung gehabt, auch später auf Gymnasium oder Uni oder Job nicht. Diese erhielt es erst durch die politisch korrekten Gutmenschen. Der Gipfel der politisch korrekten Vernageltet ist, dass jetzt sogar Kinderbücher und Kinderlieder umgetextet werden. Secundo, geschätzter Physikus, glaube ich, dass man auf die Zukunft und den Blick darauf eine Art Heisenbergsche Unschärferelation anwenden kann: sobald man denkt, sie exakt beschreiben zu können, ist sie schon Vergangenheit ;-)

Harry Hain / 04.10.2016

Lieber Herr Vincent. Das könnte ich sinngemäß auch schon von gut 10 Jahren in Novo-Argumente lesen. Und in meinen Kindertagen wurde uns, sinngemäß, das auch bereits in der Grundschule vermittelt, während zeitgleich Herr Armstrong auf dem Mond spazieren ging. Okay. Zeitgleich stimmt nicht. Wir hatten Ferien. Bereits während meiner Mittelstufenzeit gerieten jüngere Lehrer in Verzückung und bekamen feuchte Augen, wenn sie die Hiobsbotschaften des Club of Rome verkündeten. Diese wissenschaftlichen Prognosen erfüllten sich ebenfalls wie die Rucksackraketen. Obwohl: Genau genommen ist man heute bei letzterem tatsächlich näher an der Prognose, als mit dem Peak of Oil Geheule. Die Klimaapokalyptiker sind bereits intensiv mit Rückzugsgefechten beschäftigt. Sie sprechen seit einiger Zeit nur noch vom Klimawandel. Damit können sie geschickt in wenigen Jahren auch von einer “Klimaerkältung” statt Abkühlung sprechen. Jede Wette, das Bild einer erkälteten Erde wird gezeichnet. Der Drang nach Aufmerksamkeit und Ruhm führt auch bei sogenannten Wissenschaftlern seltsame Triebe. Achtung Scherz: Sie sind ein positives Beispiel. Und daher möchte ich mich bei Ihnen Bedanken, für Ihren intelligenten Humor.

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