Thilo Schneider / 21.12.2017 / 06:29 / Foto: Ulrichulrich / 10 / Seite ausdrucken

Zu Ramallah geboren (…ist uns ein Märtyrerlein)

Von Thilo Schneider.

Also, das war nämlich ganz anders: Es wurde keine Weihnachtsfeier aus dem Pflichtunterricht vormittags zu einer freiwilligen Weihnachtsfeier nachmittags wegen der Beschwerden einer Muslima gelegt, sondern es wurde eine Weihnachtsfeier aus dem Pflichtunterricht vormittags zu einer freiwilligen Weihnachtsfeier nachmittags verlegt, weil vormittags zu wenig Personal da war. Nachmittags sind mehr Lehrer in der Schule. Und der Hausmeister hat Zeit. Es ist nämlich ein Vorurteil, Lehrer würden nur vormittags nicht arbeiten.

Die eigentliche Beschwerde der Muslima ging nämlich dahin, dass sie im „verpflichtenden Fachunterricht“ (Singen? Sport? Mathe?) „im letzten Jahr“ hätte Weihnachtslieder singen sollen können dürfen müssen, was sie irgendwie nicht so richtig gut fand. Daher hat der Schulleiter Friedrich Suhr dazu aufgerufen (über die Gegensprechanlage? Im Lehrerzimmer bei Zimtschnecken? Im Rundbrief? In Verzweiflung?), „sensibel irgendetwas im Pflichtunterricht zu handhaben“.

Wie der Spiegel weiter berichtet, sagt der der sensiblen Handlungsempfehlung zugrunde liegende Paragraf 3 des niedersächsischen Schulgesetzes, dass auf die „Freiheit zum Bekennen religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen zu achten und auf die Empfindungen Andersdenkender Rücksicht zu nehmen“ ist. Allerdings steht da nicht drin, dass Muslime auf die Empfindungen von Christen Rücksicht nehmen müssen – oder umgekehrt. Aber egal. Es bestimmt ja der mutmaßlich nichtmuslimische Schulleiter das Programm und nicht die nicht Weihnachtslieder singende Muslima. Deswegen müssen er und die anderen Schüler irgendetwas sensibel handhaben und nicht die weihnachtsliedaphone Schwester.

Deswegen muss auch mit Pflichtweihnachtsfeiern sehr sensibel umgegangen werden – und am besten verlegt man sie deshalb auf den Nachmittag oder sagt sie gleich ganz ab. Mag die nichtweihnachtsgesinnte Dame dann erscheinen oder nicht, allerdings würde ich persönlich mich da an ihrer Stelle ausgegrenzt fühlen. Aber das nur am Rande.

Das sensible Handhaben von irgendetwas

Allerdings, auch das schreibt der Spiegel, sei das sensible Handhaben von irgendetwas kein ausdrückliches Verbot, christliche Weihnachtslieder in der Schule zu singen.

Daher schlage ich folgendes sensible Repertoire vor:

  • Zu Ramallah geboren (…ist uns ein Märtyrerlein)
  • Maria verhüllt durch den Dornwald ging
  • Der Halbmond ist aufgegangen (kein Weihnachtslied, aber schwer kultursensibel)
  • Ihr palästinensischen Kinderlein kommet
  • Stille tausendundeine Nacht, heilige tausendundeine Nacht
  • Macht hoch die Grenztür, die Gefängnistor macht weit
  • Am Grenzschlagbaume die Lichter brennen
  • Oh Du fröhliche, oh Du selige, gnadenbringende Fastenzeit
  • Kling, Steinchen, klingelingeling, kling, Steinchen, kling (Molotov und Lava, wirf auf den Merkava)
  • Oh Olivenbaum

So kann jeder mitsingen, niemand ist beleidigt, alle sind sensibel und außerdem lernen alle Schüler in Nullkommawegennix die Integration, und es bleibt wenigstens die Melodie der Lieder erhalten. Geht doch!

Thilo Schneider, Jahrgang 1966, freier Autor und Kabarettist im Nebenberuf, FDP-Mitglied seit 2012, Gewinner diverser Poetry-Slams, lebt, liebt und leidet in Aschaffenburg.

Foto: Ulrichulrich CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

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Leserpost (10)
Marina Blach / 21.12.2017

Bei richtig konservativen Muslimen kommt das aber auch nicht gut an, da dort generell singen verboten ist, oder?

Elmar Schürscheid / 21.12.2017

Haha, die Idee kam mir auch schon. Ich arbeite in einer Kita und singe mit den Kindern Lieder. Zum Glück kann ich sagen dass modernere junge türkische Eltern nicht so durchgeknallt sind. Doch die Mehrheit der muslimischen Eltern holt ihre Kinder vor dem Weihnachtssingen ab und beteiligt sich in keiner Weise. Obwohl ihre Kinder Spaß daran haben mit uns zu singen und zu feiern. Das gleiche gilt für das Martinsfest, mittlerweile als Lichterfest bekannt. Laterne darf gesungen werden, aber bloß kein Wort vom heiligen Martin, der Nikolaus existiert schon gar nicht mehr. Ich hoffe Heiko Maas liest das nicht und ich muss nicht um meine Stelle bangen. Habe vorher ein Jahr in der Flüchtlingshilfe gearbeitet, schönen Dank auch, bin geheilt. Diese Zustände möchte hier keiner erleben. Eine undankbare Arbeit. Drohungen und Beleidigungen gegen Helfer sind normal.

Chris Groll / 21.12.2017

Wunderbar sarkastisch geschrieben.

Belo Zibé / 21.12.2017

  » Es wird scho glei dumpa, es wird scho glei Nocht« Soviel zur Schulleitung.

Volker Kleinophorst / 21.12.2017

Wo nimmt auf die Empfindungen Anderer Rücksicht, wenn der Muezzin zum Gebet ruft. Die Identität der Deutschen soll täglich neu ausgehandelt werden, die Identität der Muslime ist unverhandelbar. Es geht nicht um Gegenseitigkeit, sondern um einseitige Anpassung. Wenn diese Muslimin, die doch wohl er von der Verwandschaft aufgehetzt ist, ein Zeichen zu setzen, nicht mitsingen mag oder was auch immer, soll sie Zuhause bleiben. Da wird es ja wohl kultursensibel erlaubt sein, anders als wenn ein Moscheebesuch auf dem Plan steht.

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