Tamara Wernli (Archiv) / 22.06.2017 / 18:00 / 10 / Seite ausdrucken

Body Positivity: Zeigt her eure Cellulite!

Viele populäre Bewegungen starten im Kern mit etwas Sinnvollem. Das war so beim Feminismus, wo die Ursprungsidee die Gleichheit war, oder bei der "Black Lives Matter"-Bewegung, die die Diskriminierung von Schwarzen anprangerte. Das Problem am Aktivismus ist, dass er häufig von einigen Radikalen gekidnappt wird. Sie spannen ihn für ihre persönlichen Zwecke ein und leben ihn vom Grundgedanken völlig abweichend aus. Bewegungen entwickeln sich dann ins Absurde: Der Feminismus mutierte zur Männer-hassenden-"Ich will alles haben"-Religion, die Black Lives Matter-Bewegung in ihrer extremen Auslegung insinuiert, dass Rassismus erst beendet ist, wenn es keine Weissen mehr gibt.

Nun liegt eine neue Bewegung im Trend: Body Positivity. Das Motto: Egal wie dick, adipös, ungesund - jeder Körper ist schön, jeder Körper gehört gefeiert. (Und wer das nicht wunderbar findet, ist Teil des bösen Patriarchats). Anfangs gestartet als Protest gegen Models, die aussahen, als stöckelte nur mehr ihr Skelett über den Catwalk, und gegen den Schönheitswahn im Generellen, driftet auch diese Strömung ins Lächerliche: "Wir möchten fette Körper sehen, alle Arten von Körper, auf dem Cover von Mainstream-Medien", erklärt eine Aktivistin kämpferisch.

Vorreiterinnen sind etwa das XXL-Model Tess Holliday oder die Schauspielerin und Feministin Lena Dunham. Letztere ist so stolz auf ihre körperlichen Makel, dass sie es kaum erträgt, wenn diese nicht gesehen werden: Als sie auf einem Magazincover abgebildet war, beanstandete sie sofort (fälschlicherweise), da sei mit Retusche nachgeholfen worden und das sei nicht ihr Körper. Später beehrte sie ein anderes Titelbild und erntete für ihre Orangenhaut-Offenbarung den ersehnten Beifall. Cellulite zeigen heisst Selbstbewusstsein, so die Botschaft, ist "Female Empowerment", also Frauenemanzipation. Sich zu Schamgefühl herabzulassen ist bei Feministinnen gewiss nicht Teil ihrer Selbstliebe – es hiesse ja, ein Defizit zuzugeben.

Grundsätzlich ist es etwas Gutes, seinem Körper mit vorbehaltloser Akzeptanz zu begegnen und zu sagen: Ich bin mit meinem Aussehen zufrieden. Ich lasse mir nichts vorschreiben. Wer übergewichtig ist, Cellulite hat, soll sich nicht dafür schämen. Das meine ich so. Und wenn man daran nichts ändern will, auch gut - jeder soll sich so wohl fühlen, wie er ist.

Eine auffallende Ähnlichkeit zu Nilpferden

Auch an Widersprüche innerhalb feministischer Bewegungen hat man sich gewöhnt: Die Zurschaustellung seines Körpers ist selbstverständlich nur dann hip, wenn man eben diesen bestimmten Körpertyp besitzt, jenen, der nicht ins gängige Schönheitsbild passt. Wer mit schlanken Beinen und flachem Bauch posiert, gilt freilich als Opfer des Schönheitswahns, als Opfer der vorherrschenden Männerwelt (die schlanke Frauen angeblich attraktiver findet) und hat seine Selbstbestimmung irgendwo zwischen "Glamour" lesen und Ananasdiät eingebüsst.

Wenn wir aber an einen Punkt gelangen, wo Menschen, die eine auffallende Ähnlichkeit zu Nilpferden besitzen, eingeredet wird, dass sie ihre absackenden Fleischschichten kritiklos lieben und ja nichts daran ändern sollten, dann verliert der Aktionismus seine gesunde Balance. Übergewicht schönzureden und vor allem, es in der Öffentlichkeit prominent zu bewerben, ermutigt zu einem ungesunden Lifestyle: Fette Körper sind langfristig nicht gesund. Übergewicht und Adipositas sind Risikofaktoren für zahlreiche Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes und Krebs. Dies zu ignorieren ist fahrlässig.

Die Body Positivity-Bewegung hatte in ihrem Ursprung gewiss einen noblen Zweck. Dass sie sich heute hauptsächlich damit beschäftigt, wie das Äussere auf andere zu wirken hat, oder wen die Massenmedien aufs Cover hieven, offenbart, dass das Selbstwertgefühl ihrer Anhängerinnen eben doch von der Bestätigung anderer abhängt. "Empowerment" benötigt nur, wem seine Stärken bewusstgemacht werden müssen, wessen Selbstvertrauen ein Helferlein braucht.

Anstatt sich der feierlichen Inszenierung ihrer intimen Makel hinzugeben, sollten die Damen vielleicht die Einsicht zulassen, dass einem nie alle attraktiv finden.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung. Tamara Wernlis Kolumne gibt es hier auch als Videobotschaft, man kann sie auf ihrem YouTube-Kanal abonnieren. Folgen Sie ihren täglichen Wortmeldungen auch auf Twitter. Tamara Wernli arbeitet als freiberufliche Moderatorin und als Kolumnistin bei der Basler Zeitung. In ihrer Rubrik „Tamaras Welt“ schreibt sie wöchentlich über Gesellschaftsthemen.

Leserpost (10)
R. Kuth / 23.06.2017

Wie sang schon Marius Müller-Westernhagen vor Jahrzehnten: “Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin…......” Da kann ich nur zustimmen.

Burkhart Berthold / 23.06.2017

“Wer kein Kunstwerk ist, sollte wenigstens eines tragen.” (Oscar Wilde)

Heiko Stadler / 23.06.2017

Es scheint zum guten Ton zu gehören, das hervorzuheben, was schlecht, krank und dumm ist. Wer etwas dagegen sagt, betreibt Hate-Speech oder ist Rassist. Das gilt nicht nur für das Aussehen, sondern auch für Politiker, politische Ansichten, Parteien, Religionen, Geschlechterrollen, Wissenschaften bzw. Pseudowissenschaften und sogar für Autos. Ein Auto mit einem bewährten Antriebskonzept wird verteufelt, während der unausgereifte, mängelbehaftete und teure Elektroantrieb gefördert wird wie eben auch alles andere Schlechte.

Mathias Schulz / 23.06.2017

OMG, wer von “Cellulite haben” wie von einer Krankheit schreibt, hat sich schon von der “Cellulite-Industrie” vereinnahmen lassen. Cellulite hat keinerlei krankhafte Basis und ist eine normale Äußerung der Beschaffenheit des Fettgewebes, oder, eben “that lumpy-bumpy skin of the thighs that 90% of the women have and all hate”.  Natürlich, und bitte, bitte: ZEIGEN!!

Wieland Schmied / 23.06.2017

Auf eine weitere ‘Bewegung’ im Reiche der Bewegten werden wir wohl weiterhin zu warten haben : “Grenzenlos Blöd sein heißt ebenso frei sein”. Obgleich dieser Slogan von einer zweifelsfreien Inhaltsfülle bzw. -leere zeugte. Aber wegen eben dieser ursächlichen Leere wird die Welt wohl auf ein weiteres emanzipatorisches Elaborat warten müssen. Vielleicht bis zum Sankt - Nimmerleins -Tag.  Wie schade, eigentlich. Wäre es doch ein Höhepunkt, wogegen wohl auch die Emanzipierteste letztlich nichts einzuwenden hat.  Freilich aber am besten ohne Weißen Mann, selbstredend.

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